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Kino Wer hat die Löcher in unser Segel gebohrt?

02.09.2003 ·  Ein schwerer Fall von Filmpiraterie: Gore Verbinskis Mantel-und-Degen-Spektakel „Fluch der Karibik“ hat den Wind im Rücken und der Filmindustrie neue Geldstürme beschert.

Von Andreas Kilb
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Die amerikanische Filmindustrie hat ein erstaunliches Geschick darin, ihre eigene Situation zu allegorisieren. Als Hollywood in seinen Gründerjahren nicht recht wußte, wie groß es eigentlich werden wollte, entstand D. W. Griffith' Dreistundenepos "Intolerance", bis heute einer der teuersten Filme aller Zeiten. Als vierzig Jahre später das Fernsehen seinen Siegeszug als neues Leitmedium antrat, wurde die Leinwand plötzlich ungeheuer breit, während sich die erzählten Geschichten immer mehr in gepflegte und natürlich fernsehfreie Studio-Interieurs zurückzogen. Und als Ende der sechziger Jahre einige der Studios vor dem Ruin standen, begann die große Zeit der Katastrophenfilme, des "Flammenden Infernos" und der "Höllenfahrt der Poseidon". Was immer auch passiert, die Krise findet stets ihr filmisches Bild.

Das neueste Krisengespenst in Hollywood heißt Filmpiraterie. Darunter ist kein cleverer Schabernack mit Kassenerfolgen zu verstehen wie in "Die Marx Brothers in Casablanca", sondern eine konkrete wirtschaftliche Bedrohung, die an den Kern des Geschäfts mit bewegten Bildern rührt. Raubkopien neuer Spielfilme, die auf allgemein zugänglichen Websites ins Internet gestellt und von Millionen Nutzern kostenlos heruntergeladen werden, lassen auf der ganzen Welt die Kinozuschauerzahlen sinken. Die verängstigte Branche hat noch kein Mittel gegen den Schwund gefunden. Vorerst versucht sie ihre Kunden durch Drohungen und moralische Appelle bei der Stange zu halten, offenbar ohne Erfolg. Daß an der Produktion und am Vertrieb von Filmbildern mehr hängt als das Schicksal eines einzelnen Industriezweigs, daß die Frage des visuellen Eigentums zu einem der zentralen Probleme dieses Jahrzehnts werden könnte, ist eine Einsicht, die den Kulturadministrationen der westlichen Länder erst ganz allmählich dämmert.

Wind im Rücken

In dieser Lage hat ein Film, der von Piraten, vom Fluch geraubten Goldes und vom Sieg der Liebe über die Marktgesetze erzählt, den Wind im Rücken. Und wenn am Anfang von Gore Verbinskis "Fluch der Karibik" ihrer britischen Majestät Linienschiff "Dauntless" aus den Nebeln vor Bermuda auftaucht und an den brennenden Überresten einer gekaperten Vorgängerin vorbeigleitet, spürt man gleich, daß es diesmal tatsächlich klappen wird mit der Neubelebung des Korsarengenres, an der sich in den achtziger Jahren Roger Donaldson ("Meuterei auf der Bounty") und Roman Polanski ("Piraten") vergeblich versucht haben. Aus dem Wrack wird ein Junge an Bord gezogen; er trägt eine Goldmünze mit einem Totenkopf darauf um den Hals. Ein Mädchen steckt die Münze ein; die beiden, Will und Elizabeth, werden später das Liebespaar des Films. Aber auch die Münze bekommt ihre Geschichte.

"Fluch der Karibik" ist die Kinovariante eines theme ride, eines Kulissenvergnügens aus dem Themenpark der Firma Disney in Orlando, Florida. Was es dort zu sehen gibt, gibt es auch bei Gore Verbinski: Segelschiffe, kostümierte Gestalten, klirrende Schwerter, eine Schatzhöhle und eine Seeschlacht. Und so wie der ride bemüht sich auch der Film, uneingeschränkt familientauglich zu sein - indem er zum Beispiel die schöne Keira Knightley, die das Mädchen Elizabeth spielt, ihre vom karibischen Meerwasser durchnäßten Kleider stets anbehalten läßt und auch sonst die Anziehung zwischen den Geschlechtern nur oberhalb von Halstuch und Kragen dokumentiert. "Fluch der Karibik" ist so aseptisch wie nur je ein Hollywood-Blockbuster der neuen Digitalklasse, aber anders als "Tomb Raider 2" und "Matrix Reloaded" begreift der Film die ihm auferlegte Beschränkung nicht als Mangel, sondern als Chance. Er kompensiert sie durch etwas, was man den Charme des Virtuellen nennen möchte.

Lebende Skelette

Denn es gibt außer der konventionellen love story zwischen der Gouverneurstochter Liz und dem Waffenschmied Will (Orlando Bloom) noch eine zweite Geschichte in "Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl" (so der spätbarocke Originaltitel), und die handelt von Gespenstern und Piraten, genauer: von Gespensterpiraten. Kapitän Barbossa (Geoffrey Rush) nämlich und seine Männer, die Besatzung der "Schwarzen Perle", haben sich beim Plündern eines Inkaschatzes einen Fluch zugezogen, der sie zu Untoten macht. Tagsüber sehen sie wie gewöhnliche Flibustiers aus; erst im Schein des Mondes enthüllt sich, daß sie lebende Skelette sind. Verbinskis Computergrafiker, angeführt von dem ILM-Designer John Knoll, nutzen diese Skriptvorgabe zu Verwandlungseffekten, wie sie noch kein Zuschauerauge erblickt hat. Die Vanitas-Maler der echten Piratenzeit hätten von solchen Bildern geträumt, in denen der rote Wein in Kaskaden die Rippen des Knochenmanns hinunterstürzt, eine Totenarmee über den Meeresgrund läuft und selbst der Schiffspapagei im Mondlicht sein Schädelchen entblößt.

In diesen Momenten hört "Fluch der Karibik" auf, ein Familienfilm zu sein (F.A.Z. vom 20. August), und wird zur Selbstreflexion des Kinos im digitalen Zeitalter. Sie sind schmarotzende Schatten, diese Pixelpiraten, und um erlöst zu werden, müssen sie den geraubten und verpraßten Inkaschatz zurückerstatten, Goldstück für Goldstück. Es ist, als hätte die Industrie ihr eigenes schlechtes Gewissen in Bilder gepackt; denn natürlich ist alles, was Hollywood seit Jahrzehnten seiner Kundschaft sommers wie winters vorsetzt, von überall her zusammengeklaut und -filibustert, zuvörderst aus Eigenem, aus Trick- und Tränenfilmen, Mord- und Melodramen aller Art oder, wie hier, aus den Errol-Flynn- und Douglas-Fairbanks-Epen der großen Studiozeit. Leichenfledderei ist das Gesetz des Blockbusterkinos, und so erscheint es nur konsequent, daß auch seine Helden Leichen sind.

Johnny Depp als Joker

Damit die Liebes- und die Piratengeschichte zusammenkommen, muß ein Vermittler her, und das ist Johnny Depp als Captain Jack Sparrow. Auf einer sinkenden Schaluppe, mit Lidstrich, Bart- und Schläfenzöpfchen und Pluderhose aufgetakelt wie ein Vivienne-Westwood-Korsar für die Pariser Herbstkollektion, landet er in der Kolonialhauptstadt Port Royal, und mit diesem Entrée setzt er den Ton für den ganzen Film. Depp alias Sparrow hat zum historischen Piratentum ein reines Zitierverhältnis, er entnimmt ihm ein paar Accessoires, mixt sie mit hermaphroditischen Posen und Hip-Hop-Gestik und legt einen Nuschelgesang darüber, dessen Feinheiten (die in der deutschen Synchronisation sämtlich verlorengehen) nur Kieferchirurgen entschlüsseln dürften. Er ist der Pirat als Joker und damit in Gore Verbinskis gezinktem Kinospiel die Karte, die sticht.

Die einzige Frage, welche der Film offenläßt, ist die nach dem geheimen Antrieb der "Schwarzen Perle", die trotz ihrer zerrissenen Segel schneller fährt als jedes andere Schiff. Ist es ein digitaler Wind? Oder die Hoffnung der Produzenten? In Amerika hat "Fluch der Karibik" bis jetzt fast 350 Millionen Dollar eingespielt. Solche Geldstürme braucht die Filmindustrie wie das tägliche Brot.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2003, Nr. 204 / Seite 35
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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