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Sonntag, 12. Februar 2012
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Kino Wer andere eine Grube graben läßt: "Das Geheimnis von Green Lake"

29.10.2003 ·  Alles Gute kommt von oben? Das Kino zumindest liebt dieses Motiv - und die Gelegenheit, es ins Gegenteil zu verkehren. Es regnete schon Frösche im Film, eine Cola-Flasche fiel vom Himmel, eine Kuh stürzte herab. Diesmal sind es Turnschuhe.

Von Hans-Dieter Seidel
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Alles Gute kommt von oben? Das Kino zumindest liebt dieses Motiv - und die Gelegenheit, es ins Gegenteil zu verkehren. Es regnete schon Frösche im Film, eine Cola-Flasche fiel vom Himmel, eine Kuh stürzte herab. Diesmal ist es ein Paar Turnschuhe, das den halbwüchsigen Stanley Yelnats am Kopf trifft. Die Beschuldigung, der Junge habe die offenbar wertvollen Treter aus einem "Sportler-Gedenkschrein" entwendet, folgt auf dem Fuße, desgleichen die drakonische Strafe des hohen, den Beschuldigten äußerst geringschätzenden Gerichts: achtzehn Monate Erziehungslager. Sollte sich auch an Stanley der Fluch erfüllen, dem bisher alle männlichen Nachkommen der Yelnats, alle übrigens auch Stanley mit Namen, nicht zu entgehen wußten? Weil, so geht die familiäre Überlieferung, der erste Stanley versäumte, einer ihm weissagenden Zigeunerin den geforderten Tribut zu zollen, seien die Yelnats auf alle Zeiten verdammt.

Wer dem amerikanischen Film "Holes" von Andrew Davis nähertritt, sollte sich gegen eine Reihe von Mißverständnissen wappnen. Weil als Vorlage das gleichnamige, bald in dreißig Ländern erschienene Jugendbuch von Louis Sachar dient, könnte "Das Geheimnis von Green Lake" als ein Film ausschließlich für Junge angesehen werden: Irrtum Nummer eins. Das alberne Spiel mit dem Namen - Yelnats ist Stanley, von hinten gelesen -, das anfängliche Gebaren der vorwiegend jugendlichen Darsteller, die sich aufführen, als seien sie direkt aus der "Eis-am-Stiel"-Kinoserie in das Erziehungslager dieses Films verschlagen worden, und auch ein grausam chargierender John Voight in der Rolle des Oberaufsehers Mr.Sir legen eine schreckliche Klamotte nahe: Irrtum Nummer zwei. Und daß ein bisher eher als Actionspezialist bekannter Regisseur wie Andrew Davis kein Gespür haben könnte für das Tänzeln der Phantasie: Irrtum Nummer drei.

Wie von ungefähr verblüfft der Film "Holes" mit gleich mehreren, kunstvoll in Rückblenden gestaffelten Erzählebenen und entwickelt sich zur schlüssigen Parabel, was Solidarität und unverbrüchliche Freundschaft unter den Geknechteten dieser Erde vermögen und wie Unerschrockenheit noch die hinterhältigste Tücke unterläuft. Mit solcher Erkenntnis lassen sich nicht nur junge Menschen gerne läutern, sie taugt auch zur Einsicht für Erwachsene. Die einzige erzieherische Maßnahme, die das Camp Green Lake praktiziert, besteht im Graben mannstiefer Löcher, Tag für Tag und ungeachtet der Tatsache, daß es kleinwüchsigen Delinquenten damit viel leichter wird, ihr Soll zu erfüllen, weil sie weniger tief in dem, so weit das Auge reicht, zur Wüste ausgetrockneten See graben müssen, wo vor Jahrhunderten eine Siedlung lag und jetzt nur noch ockerfarbene Hitze herrscht. Die Vergünstigung eines freien Tages und einer Extraportion Wasser winkt allein dem, der beim Graben einen nie näher spezifizierten Fund macht und diesen bei der Kommandantin des Straflagers (Sigourney Weaver, die ihre martialische Rolle nicht ohne Ironie angeht) treulich abliefert.

Daß das scheinbar sinnlose Tun der - wie im Fall Stanleys - meist nur vorgeblichen Straftäter durchaus seinen höheren, freilich von niederen Beweggründen motivierten Zweck hat, offenbart sich den Betroffenen mit den Schaufeln ebenso spät wie dem Zuschauer: Die Kommandantin sucht nach dem Beutegut, das dort vor Generationen von einer wehrhaften jungen Dame (Patricia Arquette) verscharrt worden war, die, einst die geachtete Lehrerin der Siedlung, zur raubenden und brandschatzenden Rächerin mutierte, nachdem sie wegen ihrer Liebe zu einem Bauern - wie anders als Stanley Yelnats mit Namen - der allgemeinen Ächtung anheimfiel.

Natürlich kommen in solch einem Lehrstück Habgier wie Hochmut vor dem Fall, taugen Zwiebeln unversehens gegen die Heimtücke bißwütiger Eidechsen, werden noch die absonderlichsten Weissagungen eingelöst und fangen sich - wer andere eine Grube graben läßt, fällt selbst hinein - alle Unholde in den nur zum Schein pädagogischen Löchern. Natürlich lernt der junge Stanley (Shia LeBeouf) sich in der Hackordnung zu behaupten, sucht er ein segensreiches Zweckbündnis mit dem wortkargen kleinen Zero und tritt eine Lagerrevolte los, gegen die keine Drohung und keine Gewalt mehr hilft. Am Ende ist selbst - alles Gute kommt von oben - der Regen da, den es seit Menschengedenken dort in der texanischen Wüste nicht mehr gab, und sogar das Mysterium, wie die Turnschuhe vom Himmel fallen konnten, findet seine Erklärung.

Das nach anfänglicher Irritation bald Vorhersehbare so zu erzählen, daß die Phantasie sich nicht verirrt, ist die Kunst solch mäandernder, stetig fortfabulierter Geschichten. Louis Sachar als sein eigener Drehbuchautor beherrscht diese Kunst, Andrew Davis ist ihr ein treuer Diener, und so wird "Das Geheimnis von Green Lake" tatsächlich zum Lehrstück ohne Leere.

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