08.09.2006 · Indien im Jahre 1938: Eine Witwe wird zur Liebesdienerin eines Brahmanen und finanziert damit ein Witwenhaus. Mit ihrem Film „Water“ trifft die Regisseurin Deepa Metha erneut auf heftige Wiederstand der hinduistischen Fundamentalisten.
Von Hans-Jörg RotherFrüher mußten Witwen in Indien ihrem Mann in den Tod folgen, um seine und ihre Sünden zu sühnen, oder für den Rest ihres Lebens im Ashram, dem Frauenhaus, verschwinden. So ist es zum Glück nicht mehr überall, Frauen dürfen sich längst wieder verheiraten. Aber so war es noch 1938, als Gandhis Kampagnen nicht allein die britische Vorherrschaft erschütterten, sondern auch manche verhängnisvolle Traditionen ins Wanken brachten. In dieses Jahr hat die indische Regisseurin Deepa Mehta, die seit 1973 in Kanada lebt, die Handlung ihres jüngsten Films verlegt.
Die Dreharbeiten waren im nordindischen Varanasi geplant, doch kaum hatte man die Dekorationen am Ufer des Ganges aufgebaut, fielen zweitausend rechtsextremistische Hindus darüber her und warfen, begleitet von Morddrohungen gegen Deepa Mehta und zwei Hauptdarstellerinnen, die Aufbauten ins Wasser. Schon einmal, 1998, als der erste Teil ihrer Trilogie „Fire“, „Earth“ und „Water“ ins Kino kam, hatte die Filmemacherin Bekanntschaft mit den Fanatikern gemacht, die so lange wüteten, bis die Kinobesitzer trotz Polizeischutz „Fire“ aus dem Programm nahmen.
Liebesdienste für ein Witwenhaus
Vier Jahre dauerte es, bis die Dreharbeiten in Sri Lanka wiederaufgenommen werden konnten. Hier fand man auch die junge Hauptdarstellerin der achtjährigen Chuyia, deren Schicksal die Handlung in Gang setzt. Ohne recht zu wissen, wie ihr geschieht, ist Chuyia mit einem Mann verheiratet worden. Ohne etwas zu verstehen, hat sie dem Verbrennen seiner Leiche zugesehen, und erst als der Vater die Widerstrebende in einem düsteren Haus abliefert, beginnt sie sich zu wehren. Der Ashram steht unter der Fuchtel einer hartherzigen Ober-Witwe, die heimlich Marihuana raucht, und obwohl die Türen nicht fest verschlossen sind, muß das ratlose Kind bleiben.
Rasch tritt nun die junge Witwe Kalyani, gespielt von Lisa Pay, ins melodramatische Zentrum des Films. Lisa Pay wurde von der „Times of India“ zu einer der zehn schönsten Frauen Indiens gekürt. Sie ist erfolgreich in Werbung, Musikvideos und vielen Fernsehproduktionen aufgetreten, und für ihre Rolle in Deepa Mehtas „Bollywood/Hollywood“ erhielt sie den „Star of the Future“. Durch sie bekommt „Water“ die für diese Art Film unentbehrliche erotische Spannung. Man nimmt es der atemberaubend schönen, trotz Demütigung gepflegten Person kaum ab, daß sie Nacht für Nacht in den Schlafzimmern von Brahmanen jenseits des Flusses Liebesdienst tut, um die kargen Mittel des Witwenhauses aufzubessern.
Anspruch auf Wahrheit
Viel besser paßt zu ihr die Rolle der erst zögernden, dann hingebungsvollen und schließlich tödlich enttäuschten Liebenden, die den Versprechungen des jungen Anwalts Narayan (John Abraham, derzeit Bollywoods populärster männlicher Star) glaubt und den Schritt in die Freiheit wagt. Es werden freilich nur wenige Schritte, denn rasch erkennt Kalyani, daß Narayans Vater zum Kreis ihrer Kunden gehört. Eine ehemalige Prostituierte aber darf auch in einem aufgeklärten Brahmanen-Haushalt niemals den Platz einer Ehefrau einnehmen. So endet die Geschichte tragisch, nur für die kleine Chuyia bleibt ein Hoffnungsschimmer, darf sie doch an der Seite Narayans im Sonderzug für Gandhi (den leibhaftig darzustellen die Regisseurin in einer schwachen Szene sich nicht scheut) die Reise in eine bessere Zukunft antreten.
Das aufgesetzte Finale läßt den Atem stocken. Doch das spielt keine Rolle mehr, denn die Inszenierung hat den Zuschauer längst in eine Art Trance versetzt. Das ist vor allem das Werk der Musik, die sich zwei Stunden lang über das Publikum ergießt. Mit voller Wucht stößt Deepa Mehta offene Türen auf - zumindest in der westlichen Welt. Ein zeitgenössisches Frauenschicksal aus Indien wäre spannender gewesen. Die hinduistischen Fundamentalisten indes sehen durch „Water“ erneut die Tradition beschmutzt. Gegen diese verbohrte Denkweise setzt Deepa Mehta ihren Anspruch auf Wahrheit.