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Kino Wenn Blicke töten

12.01.2006 ·  „Ich habe immer etwas Neues gesucht“: Die Schauspielerin Isabelle Huppert über Kino und Theater, ihren neuen Film „Gabrielle“, Grausamkeit und die Angst vor ihrem Pferd.

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„Ich habe immer etwas Neues gesucht“: Die Schauspielerin Isabelle Huppert über Kino und Theater, ihren neuen Film „Gabrielle“, Grausamkeit und die Angst vor ihrem Pferd.

Ist es für Sie befriedigender, auf der Bühne zu stehen, als vor der Kamera zu arbeiten?

Befriedigender nicht, es fordert einen mehr. Ein Film ähnelt eher einem Spaziergang und ein Theaterstück einer Kletterpartie. Wenn man auf dem Gipfel steht, kann man die schöne Landschaft betrachten, die sich da auftut, auf einem Spaziergang erlebt man andere Freuden. Ich mag beides. Inzwischen mag ich allerdings das Theater mehr als früher, wegen der Intensität. Es war für mich zunächst weniger natürlich, Theater zu spielen, es war eine größere Anstrengung. Mit der Zeit wird es leichter.

Sind Sie dann manchmal überrascht, daß die Kamera etwas gesehen hat, das Ihnen nicht bewußt war?

Ich bin eigentlich nie überrascht, allenfalls angenehm, wenn ich sehe, daß die Kamera etwas tatsächlich eingefangen hat, was ich tun wollte. Während man dreht, ist es per definitionem ein anderer Film als der, den man später sieht. Es ist nicht mehr der gleiche, den man sich vorgestellt hat.

Reizt Sie die Herausforderung, mit einem bekannten Regisseur zu arbeiten, mit dem Sie zuvor noch nie gearbeitet haben?

Es ist keine Herausforderung für mich, so würde ich es nicht ausdrücken. Ich war glücklich, als Patrice Chereau mich fragte, und es war eine sehr intensive Zusammenarbeit. Er versteht die menschliche Psyche sehr genau. Aber all das hat nichts mit Überraschung oder Herausforderung zu tun. Es ist die normale Agenda. Eine Herausforderung wäre es, etwas Unmögliches tun zu sollen.

Gab es während der Arbeit mit Chereau einen Moment, in dem Sie dachten, daß er seiner Reputation gerecht wird?

Er ist ein wunderbarer Regisseur für Schauspieler. Er liebt Schauspieler, er drängt sie vorwärts, ohne dabei ein Diktator zu sein. Er fordert einen, das kommt von seiner Arbeit am Theater. Im Kino gibt es oft eine gewisse Faulheit bei der Arbeit mit Schauspielern, man läßt die Dinge laufen, was auch nicht immer schlecht sein muß. Aber Chereau weiß, daß im Theater die Dinge nicht von selber laufen, und das kommt den Schauspielern zugute.

Bei Michael Ciminos „Heaven's Gate“ haben Sie vor 25 Jahren in Amerika gedreht. War das nicht eine grundlegend andere Arbeitserfahrung? Hatten Sie Angst davor?

Nein, warum sollte ich? Ich hatte allenfalls Angst vor meinem Pferd, weil ich Schauspielerin und keine Reiterin bin. Ich mußte sehr viel üben, und ich bin nicht sicher, ob es ich das noch mal machen würde. Ich habe nie Angst, in einem guten Film mitzuwirken.

Weil er einen an Orte bringt, an denen man noch nie war?

Das ist das Beste, was einem als Schauspieler passieren kann. Ich habe immer etwas Neues gesucht, ich wollte reisen und unbekannte Orte entdecken, geographisch und psychisch. Ich kann mir die Schauspielerei ohne Reisen im weitesten Sinne des Wortes nicht vorstellen.

War da ein besonderer Moment in „Gabrielle“, den Sie so noch nicht erlebt haben?

Es war so interessant, weil diese Frau auch ganz anders hätte gespielt werden können. Sie ist in einer tiefen Lebenskrise, sie ist eine Rebellin, weil sie ihren Mann verlassen will. Andererseits ist sie sehr fragil, deshalb kommt sie auch zurück. Sie will zum einen ihren Mann zum Zeugen ihres Triumphs machen, andererseits unterwirft sie sich ihm auch. Man hätte sie als eine viel aggressivere Person porträtieren können, doch wie von selbst bewegten wir uns in die Richtung, sie als einen sanfteren Charakter zu zeigen, killing him softly with her eyes. Das ergibt auch eine andere Form von Grausamkeit, die sich vor allem in ihren Worten zeigt. Normalerweise ist es spannender, mehr zu verbergen, als zu zeigen. In Gabrielle ist es umgekehrt, sie zeigt mehr, und das ist ein ganz anderer Zugang.

Das Gespräch führten Michael Althen und Peter Körte.

Quelle: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 39
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