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Kino Unsterblich werden und dann sterben: Oliver Stones Monumentalfilm "Alexander"

21.12.2004 ·  Etwas fehlt in diesem detailreichen Film. Ein Detail. Eine Kleinigkeit. Ein Buch. Alexander, darin sind sich alle seine Biographen einig, trug es immer bei sich, bei Issos, bei Gaugamela, in der Oase von Siwa im Herzen der Sahara, an den Ufern des Indus und Hydaspes am äußersten Ende der Welt.

Von Andreas Kilb
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Etwas fehlt in diesem detailreichen Film. Ein Detail. Eine Kleinigkeit. Ein Buch. Alexander, darin sind sich alle seine Biographen einig, trug es immer bei sich, bei Issos, bei Gaugamela, in der Oase von Siwa im Herzen der Sahara, an den Ufern des Indus und Hydaspes am äußersten Ende der Welt. Es war, wie Alexanders Hofhistoriograph Kallisthenes berichtet, sein "Reisebuch der Kriegskunst", das Vorbild, die Matrix aller seiner Taten. Ein Heldenbuch für den Helden. "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus...": Es war die "Ilias". Und Alexander, ihr königlicher Verehrer, wollte Achilleus sein.

Für diesen Ehrgeiz änderte er sogar den Fahrplan seines Unternehmens. Bei Troja, nicht an den bequemeren Engen des Hellespont, ging er als erster seines Heeres an Land, um den persischen Erbfeind zu besiegen. Nackt rannte er um das Grabmal des Achill, einem uralten Brauch zu Ehren. Und als er Persepolis genommen hatte, ließ er den Palast des Großkönigs in Flammen aufgehen wie die Achaier das verhaßte Ilion. Nach dem Tod des Hephaistion, seines Zeltgefährten, trauerte er hemmungslos wie Achill um Patroklos, und bald darauf starb er selbst. Das ist gelebte Philologie. Der Welteroberer, der unbesiegbare Schlachtenlenker - ein Leser! Welch ein Handicap für Hollywood. Und: Welch eine Chance für Oliver Stone.

Denn Stone, obwohl beileibe kein Esoteriker des Kinos, war nie ein Mann Hollywoods. Immer hat er nach Erzählweisen jenseits des Gängigen gesucht, nach Geschichten, die vom Klischeekanon nicht abgedeckt sind, und wenn er damit auch kommerziell erfolgreich war, hatte er nur einen Grund mehr, den Mainstream zu meiden. Als der Erfolg ausblieb, mußte zuletzt auch Oliver Stone ein paar Konzessionen an die Kinoindustrie machen - da kam ein Projekt wie "Alexander" gerade recht. Nach jahrelanger Vorarbeit wurde der Film für 180 Millionen Dollar in Marokko, Thailand und in den Londoner Pinewood Studios gedreht, unter Beteiligung erstklassiger Kostümbildner, Waffenschmiede, Historiker und Produktionsdesigner. Das sieht man ihm an. Aber leider nicht viel mehr.

Wenn eine Kino-Expedition dieser Größenordnung in die Irre geht, liegt das selten an einer einzigen fatalen Fehlentscheidung. Es sind viele kleine falsche Abzweigungen, die einen Monumentalfilm entgleisen und zur Ruine werden lassen, und die meisten sehen auf den ersten Blick wie legitime Kunstgriffe aus. Eine dieser falschen Abzweigungen ist Stones Idee, das Geschehen seines Films in einer langen Rückblende zu erzählen, die vom Tod Alexanders in Babylon und von der Entstehung der Lebenserinnerungen seines Generals Ptolemaios (Anthony Hopkins) zwanzig Jahre später in Alexandrien gerahmt wird. Der Tod des Helden, als grelle Paraphrase der Sterbeszene aus "Citizen Kane" inszeniert, setzt einen brüllenden Kontrapunkt zu seiner Erfolgsgeschichte, aber das Bramarbasieren von Anthony Hopkins zwischen Topfpflanzen und Papyrusrollen sieht wie schlechtes Fernsehen aus, und das ist schlimm. Denn es verrät viel über die Grundhaltung dieses Films: opulent und teuer, aber nicht teuer genug, um mit der Opulenz wirklich spielen zu können, stellt er seine Kulissenwelten mit dem Eifer eines Stilmöbelfabrikanten aus. In seinen schwächsten Momenten sieht "Alexander" wie klassisches Ausstattungskino aus, nur ohne den Charme von damals. Geblieben ist: der Muff.

Die zweite falsche Weichenstellung des Films ist die Besetzung der Hauptrolle mit dem irischen Schauspieler Colin Farrell. Farrell hat sich für den Part mächtig Muskeln antrainiert, und auch seine Reitkünste können sich sehen lassen. Aber Alexander war von einer weltgeschichtlichen Mission überzeugt, und das ist Farrell offensichtlich nicht. Er sieht einfach nicht aus wie der Mann, der in einer Wüste am toten Ende der Welt eine Stadt gründet, die er "Alexandria die Äußerste" nennt, und einer weiteren Neugründung in den Sümpfen von Nordwestindien den Namen seines Lieblingspferdes Bukephalos gibt. Mit seinem blondierten Haar, das einen merkwürdigen Kontrast zu seinen dunklen Brauen und Bartstoppeln bildet, paßt er eher in einen Herrenfriseursalon in Ephesos als auf die Schlachtfelder Vorderasiens.

Der dritte und entscheidende Irrweg des Films ist die psychologische Konstruktion der Hauptfigur. Alexander wollte ein neuer Achill werden, Stone entdeckt in Alexander nur den alten Ödipus - hin und her gerissen zwischen seiner hexenhaften, mit Schlangen und Pülverchen hantierenden Mutter Olympias (oft unfreiwillig komisch: Angelina Jolie) und seinem groben, trunksüchtigen, einäugigen Vater Philipp (Val Kilmer). Als der kleine Prinz Alexander miterlebt, wie der König die Königin vergewaltigt, schwört er sich, später alles ganz anders und besser zu machen als sein Vater, und in Verfolgung dieses Ziels erobert er bei Oliver Stone die halbe Welt. Das klingt gut auf dem Papier, ist aber so unhistorisch wie die Fönfrisur von Colin Farrell. Denn Alexander hat nach seinem Regierungsantritt alles fortgeführt, was Philipp II. begonnen hatte: die Befriedung Griechenlands, die Expansion Makedoniens, die Expedition nach Asien. Und auch Stone scheint an seine Ödipus-Theorie nicht recht zu glauben, denn er schleppt sie auf dem Asienzug seines Helden nur wie ein ungeliebtes, übergewichtiges Gepäckstück mit, mal durch kurze Einblendungen an die daheimgebliebene Olympias, mal durch Lagerklatsch und Diadochengemunkel an den seligen Philipp erinnernd. Daß Olympias Mitwisserin bei der Ermordung ihres Gatten in Pella war und der ebenfalls anwesende Alexander dies zumindest ahnte, erfahren wir nach knapp zwei Kinostunden in einer Rückblende, die ebenso unbeholfen in die Handlung hineingeflickt ist wie die These, der sie dient, in ihr Sujet. Die Psychologisierung des Helden soll der Geschichte Halt geben; statt dessen zieht sie ihr den Boden unter den Füßen weg. Weil man ihr den Ödipus nicht abnimmt, glaubt man auch ihren Alexander nicht.

Es gibt auch in "Alexander" Szenen, die an Oliver Stones besondere Begabung erinnern, sein Talent zur visuellen Überwältigung: etwa die Hochzeitsnacht in Baktrien, in der sich Roxane (Rosario Dawson) wie eine Raubkatze auf ihren makedonischen Bräutigam stürzt und ihm ein Messer an die Kehle hält, bevor sie sich ihm ergibt, alles in einer einzigen, atemlosen Bewegung; oder die Schlacht am Hydaspes mit dem Duell zwischen Streitroß und Kriegselefant; das Blutrot der Bilder, als Alexander von einem Pfeil in die Brust getroffen wird und zusammensinkt, ein letztes Mal in die Wipfel der Bäume blickend. Stone war immer ein Übertreibungskünstler, er ließ die kleinen Tragödien groß, die großen riesenhaft aussehen, aber für die Tragik Alexanders des Großen hat er seltsamerweise keinen Blick. Dabei liegt sie auf der Hand. Sie steckt in dem Paradox, das Jean-Pierre Melville in Godards "Außer Atem" formuliert: "Unsterblich werden und dann sterben." Als Alexander sterbenskrank in seinem Palast zu Babylon lag, schleppte er sich, so wird erzählt, eines Nachts mit letzter Kraft zum Euphrat, um in dessen Wassern sein Ende zu finden. Denn ein Gott stirbt nicht im Bett. Aber Roxane, seine Frau, fand den Zusammengebrochenen, hob ihn auf und brachte ihn in seine Gemächer zurück.

Viel Lärm ist um die Darstellung der Sexualität in "Alexander" gemacht worden, vor allem um jenen Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Männern, der für die antiken Griechen selbstverständlich war. Und tatsächlich sieht man Alexander einmal seinen Liebling Hephaistion (Jared Leto) innig küssen, und ein andermal tanzt sein persischer Leibsklave einen schlüpfrigen Tanz. Ansonsten braucht sich Oliver Stone keinen Vorwurf zu machen: Sein Film ist so prüde wie das Publikum, für das er gedreht wurde. "Gladiator" und selbst Wolfgang Petersens "Troja" waren antikisch in ihrer Schlichtheit und brutalen Körperlichkeit, "Alexander" ist es höchstens in äußerlichen Details, in Kostümen, Waffen und Kulissen. Die Geschichte, die er eigentlich erzählen wollte, die Story vom Welteroberer, der an seiner Seele litt, hat Stone nicht angepackt. Er hat sie nur eingepackt.

Drei lange Stunden dauert es, von Pella über Gaugamela bis Babylon, bis uns der Plauderer Ptolemaios wieder aus seinen Fängen entläßt. Dann verschwindet er dorthin, wohin er gehört: in seine Bibliothek. Alexanders Leben war von Anfang an ein Buch. Oliver Stone hat nur nicht verstanden, wie man es liest.

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Von Martin Otto

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