Home
http://www.faz.net/-gs6-pkjq
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kino Teuflischer Frühjahrsputz: Renny Harlins Prequel zum "Exorzisten"

17.11.2004 ·  Nach vierzehn Jahren Pause wird die Filmserie um den „Exorzisten“ fortgesetzt, die William Friedkin 1973 begonnen hat. Diesmal lernen wir die Vergangenheit von Pater Merrin kennen. Doch das ist bei weitem nicht so interessant wie die Entstehungsgeschichte dieses Prequels, das nach dem Rausschmiß des ursprünglichen Regisseurs Paul Schrader neu gedreht werden mußte.

Von Andreas Platthaus
Artikel Lesermeinungen (0)

Ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" hatte uns bereits ein Film das Mittelalter in sublimierter wie bulimierter Form zurückgebracht: William Friedkins Film "Der Exorzist" von 1973 stellte die zwölfjährige Tochter einer geschiedenen Schauspielerin vor, die vom Teufel besessen war. Der konnte, nach allerlei Geschimpfe, Gespucke und Gemeuchel, nur durch einen klassischen katholischen Exorzismus wieder ausgetrieben werden.

Friedkin schuf damals Spezialeffekte, die das Mainstream-Kino noch nie gesehen hatte - die Maskenbildner leisteten Schwerarbeit, die Effektspezialisten tüftelten Tricks für fliegende Betten und ungekannte Körperverkrümmungen aus, und als Musik wählte der Regisseur suggestive Werke von Penderecki und Henze. So entstand ein vielfältig ausdeutbarer Film, der durch seine Schockästhetik auch das Massenpublikum gewinnen konnte. Er ist bis heute einer der funkelndsten Steine in jener Krone, die sich die amerikanische Filmindustrie in den Jahren von 1967 bis 1974 selbst geschmiedet hat. Als "New Hollywood" verehren wir heute diese Ära.

Natürlich konnte ein weltweiter Kassenerfolg wie "Der Exorzist" nicht ohne Nachfolger bleiben. So kam bereits 1977 ein zweiter Teil heraus, den pikanterweise mit John Boorman jener Regisseur in den Sand setzte, der für das Original die erste Wahl von Drehbuchschreiber William Peter Blatty gewesen wäre, damals aber eine Verfilmung für unmöglich erklärt hatte. Und 1990 wagte sich Blatty selbst als Regisseur an einen Drittling, der fast so ungnädig aufgenommen wurde wie Boormans Versuch. Danach hatte der Erfinder des Stoffes vom Thema genug, denn im nun fertiggestellten vierten "Exorzist"-

Film findet Blatty nicht einmal mehr als Autor der Vorlage Erwähnung. An Mut indes gebrach es Warner Brothers nicht: Das Studio engagierte vor drei Jahren mit Paul Schrader einen der großen Namen in Hollywood für die Regie.

Mit "Der Trost von Fremden" hatte Schrader, dessen Drehbücher ohnehin über jeden Zweifel erhaben sind, 1990 auch bewiesen, daß er die Gesetze des Psychothrillers, die Friedkin und sein Kollege Nicolas Roeg für die Ewigkeit ausformuliert haben, perfekt beherrschte. Um der Falle zu entgehen, in die die beiden bisherigen Fortsetzungen gegangen waren - der titelgebende Exorzist, bei Friedkin grandios gespielt von Max von Sydow, hatte schon im ersten Teil beim Kampf gegen das Böse das Zeitliche gesegnet -, verfaßte der Drehbuchautor James G. Robinson ein Prequel, also eine Handlung, die vor der des ersten "Exorzisten" einsetzt. So ist Pater Lankester Merrin plötzlich wieder da und in Gestalt des Darstellers Stellan Skarsgard jung und viril wie nie zuvor. Nun bekommen wir erzählt, was wir schon immer über Merrin wissen wollten, aber nicht zu träumen wagten: wie er zum erfahrenen Exorzisten wurde.

Es mag mit Hollywoods Denkfaulheit zusammenhängen, daß dafür nur ein traumatisches Erlebnis taugen kann. Die Vorstellung tiefer Gläubigkeit, die in Friedkins Film einfach vorausgesetzt war, mag man einem heutigen Publikum nicht mehr zumuten. Wir treffen Merrin vielmehr als vom Glauben Abgefallenen in Kairo - als eine Art theologisch angehauchten Indiana Jones, der nach dem Abbruch seiner Priesterlaufbahn in Oxford Archäologie studiert hat und nun Artefakte aller Art sucht. Ein Abgesandter der britischen Kolonialherren bittet ihn nach Kenia, auf daß er dort an der Ausgrabung einer frühchristlichen Kirche teilnehme, deren Ursprung ebenso rätselhaft ist wie ihre Wirkung auf die schwarzen Arbeiter. Merrin hat seinen Unfrieden mit Gott längst gemacht, es lebe also die Schatzgräberei! Irgendwann erfährt man, daß die Kirche über dem Platz gebaut worden ist, wo Luzifer aufschlug, als Gott ihn aus dem Himmel stürzen ließ. Spätestens von da an gerät der Film zum Sammelsurium aller bekannten Horrormotive.

Doch wir sind längst nicht mehr im Film von Paul Schrader. Denn den hat außerhalb der Warner-Firmenzentrale offiziell noch niemand gesehen. Als der Regisseur im vergangenen Jahr seine Schnittfassung vorstellte, wurde sie als zu langsam empfunden - als habe nicht gerade die Stärke des Friedkin-Originals in der Hinauszögerung des Grauens und den unerwarteteten Tempoverschärfungen gelegen, sobald das junge Mädchen neue Anfälle erlebte. Jedenfalls wurde Schraders Werk für derart mißraten angesehen, daß Warner kurzerhand einen neuen Regisseur, der auf einschlägige Erfahrungen im Dumpfkino verweisen kann, nämlich Renny Harlin, verpflichtete und ihn den Film neu drehen ließ. Derzeit ist Schrader immerhin mit einigen Szenen aus seiner Version auf Vortragstour und wirbt für eine Veröffentlichung auf DVD. Da "Exorzist - Der Anfang" in Amerika nicht den erwarteten Gewinn einspielte, stehen die Chancen, Schraders Film sogar einmal im Kino zu sehen, gar nicht schlecht.

Bis dahin aber muß man Harlin verantwortlich machen für das krude Ergebnis, das von heute an unsere Kinosäle verstopft. Bestand der Schrecken, den sämtliche alten "Exorzist"-Filme verbreiteten, vor allem darin, daß sie jeweils zeitgenössisch und in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft angesiedelt waren, so springt die neue Handlung mehr als ein halbes Jahrhundert zurück nach Afrika, fährt in zahllosen Traumgesichten Merrins ein paar Nazis mit den üblichen Greueltaten auf und bedient sich auch noch des exotischen Reizes von Stammesritualen und archaischer Kriegsführung mitten im zwanzigsten Jahrhundert. Hinzu kommt, daß, bedingt durch die mit Schraders Entlassung verbundene Verzögerung der Fertigstellung, mittlerweile längst ein anderer Film ins Kino gelangt ist, der eine verblüffend ähnliche Geschichte erzählt - nur erheblich eindrucksvoller: Brian Gilberts "The Gathering". Wer diesen Film gesehen hat, braucht den neuen "Exorzisten" nicht mehr. Und wer "The Gathering" verpaßte, dürfte ohnehin kein Horrorfan sein, aber nur die wiederum könnten der dunklen Erscheinung einer alten Legende vielleicht noch etwas Glanz abgewinnen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 4