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Kino Sport ist Mord

12.12.2003 ·  Wo immer eine Torte ist, landet sie im Gesicht der Figuren: Die Komödie „Sams in Gefahr“ scheut sich keinen Deut um Realismus und ist einer der erfreulichsten deutschen Kinderfilme der letzten Zeit.

Von Tilman Spreckelsen
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Es gibt ein ganz einfaches Mittel, einen Menschen einzuschätzen: Wie würde er sich seiner Umgebung gegenüber verhalten, was würde er tun, wenn ihm absolute Macht zur Verfügung stünde?

Martin Taschenbiers Sportlehrer nach diesem Muster zu beurteilen fällt nicht sonderlich schwer. Schon die beschränkte Gewalt, die er in seinem Unterricht ausüben kann, nutzt der offenkundige Sadist in einer Weise, die Schlimmeres befürchten läßt. Der zehnjährige Martin, dessen Vater durch seine Freundschaft mit dem absonderlichen Wesen Sams einen festen Platz in der deutschen Kinderliteratur einnimmt, ist das bevorzugte Opfer des weißblonden Sportlehrers Daume. Gleich die erste Szene des Films "Sams in Gefahr" zeigt Martin hilflos am Kletterseil, unter dem höhnischen Gelächter Daumes, dem es dabei erkennbar auf die Demütigung des Schülers ankommt - pädagogische Ziele verfolgt er nicht entfernt.

Klare Botschaften

Ben Verbongs Film, der an sein "Das Sams" von 2001 anschließt, setzt von Anfang an auf klare Botschaften: Herr Taschenbier (Ulrich Noethen) ist gutherzig und ein bißchen naiv; der Sportlehrer - glänzend verkörpert von Dominique Horwitz - grausam und ambitioniert, das nur scheinbar chaotische Sams schließlich (ChrisTine Urspruch) hält die Fäden in der Hand und überläßt seinen Freunden nur dann die Regie, wenn Martin oder Taschenbier ein Erfolgserlebnis benötigen.

Genau dies ist aber die Stärke dieses schnellen, ausgesprochen charmanten Films: Weil die Schauspieler - allen voran Horwitz, daneben Jasmin Tabatabai als leicht matronenhafte Mathematiklehrerin Müller-Klessheim - aus ihren Rollen lustvoll alles Chargentum herauskitzeln, wird daraus eine Komödie, die ihren eigenen Gesetzen folgt und sich keinen Deut um Realismus, Ausgewogenheit oder gar eine stimmige Botschaft schert: Wo immer eine Torte ist, landet sie im Gesicht der Figuren, und wo Elefantendung ist, findet sich ein Fuß, der hineintritt, nur damit gleichzeitig der dazugehörige Schulrat nostalgisch vom muffigen Geruch der Turnhalle schwärmen kann.

Wille zur Groteske

Am deutlichsten aber wird dieser Wille zur Groteske in dem Moment, als Daume das Sams entführt und mit dessen höchst unfreiwilliger Hilfe tatsächlich zeitweilig unbegrenzte Macht erlangt: Als erstes macht er sich zum Schuldirektor und ändert das Schulmotto, das bislang "Am Anfang steht das Wort" hieß, in seinem Sinne um - jetzt steht "der Sport" an erster Stelle. Andere Schulfächer, besonders die musischen, schafft er rigoros ab, zugunsten von pausenlosen "Leibesertüchtigungen". Und während man sich noch Gedanken darüber macht, wie wohl der Sams-Erfinder Paul Maar seine eigene Schulzeit und vor allem den Sportunterricht in Erinnerung behalten hat, versucht sich Daume eine Welt zu schaffen, in der sein gestählter Körper als Eintrittskarte in höhere Kreise fungiert.

Daß er sich dabei als ewiges Muttersöhnchen entpuppt, unterläuft die gewollt ungerechte Botschaft des Films keineswegs. Und weil sich "Sams in Gefahr" schließlich jedes versöhnliche Ende verkneift, ist er einer der erfreulichsten deutschen Kinderfilme der letzten Zeit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.2003, Nr. 290 / Seite 38
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