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Shirin Neshat im Gespräch : Wir rauchten Gras und hörten Oum Kulthum

  • -Aktualisiert am

„Ich bin eine künstlerische Nomadin“: Shirin Neshat Bild: Lina Bertucci

Eine in Iran geborene Künstlerin dreht einen Film über die Sängerin, die in Ägypten als Nationalsymbol verehrt wird: Shirin Neshat über Oum Kulthum, die Tücken des Biopics und die Macht der Künstlerin.

          Die internationale Kunstszene wurde auf die Iranerin Shirin Neshat aufmerksam, als sie in den neunziger Jahren für die Fotoserie „Women of Allah“ Frauenhände mit persischen Gedichten beschrieb. Mit „Women Without Men“ erweiterte die in New York lebende Künstlerin ihren Aktionsradius, ihr Debütfilm wurde 2009 in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. In ihrem zweiten Film „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ geht die 61 Jahre alte Regisseurin einem Mythos nach.

          Frau Neshat, ist es für eine iranisch-stämmige Regisseurin nicht anmaßend, einen Film über die Kultsängerin Oum Kulthum zu drehen, fast eine Nationalheilige in Ägypten?

          Ursprünglich fühlte sich die Feministin in mir gefordert, der westlichen Welt zu zeigen, dass der mit Abstand größte, beliebteste Künstler im Nahen Osten im 20. Jahrhundert eine Frau war. Der Kult um ihre Person war sogar nach westlichem Maßstab außergewöhnlich. Mehr als vier Millionen Menschen waren bei ihrer Beerdigung anwesend. Zu Lebzeiten hat sie Menschen aller Schichten, Kulturen und Religionen begeistert, Arme und Reiche, Sunniten und Schiiten, Männer und Frauen, Juden und Muslime.

          Ist es nicht bittere Ironie, dass ausgerechnet eine Frau und Künstlerin diesen Konsens erzielt?

          Oh ja. Die Welt sieht den Nahen Osten gern als Landschaft des barbarischen Terrors und Fanatismus. Und doch können wir mit dieser einzigartigen Frau aufwarten! Der Westen hatte Edith Piaf, Billie Holiday, Amy Winehouse – große Künstlerinnen, die tragisch gestorben sind.

          Was war denn die Initialzündung für den Film?

          Ein feuchtfröhlicher Abend in Amsterdam. Ich traf den Sohn des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami auf einem Festival, wir rauchten Gras, hörten Oum Kulthum. Irgendwann sagte Bahram: „Du solltest einen Film über diese Frau machen!“ Meine erste Reaktion: „Du bist verrückt!“ Aber nach der Reise fing ich an, mich einzulesen.

          Najia Skalli als Oum Kulthum in Shirin Neshats Biopic.

          Warum haben Sie sich diese Aufgabe ausgesucht?

          Ich weiß es bis heute nicht. Wie soll eine Nicht-Araberin, die nicht mal Arabisch spricht und nur einen einzigen Film bislang gedreht hat, ein historisches Biopic bewältigen, an das sich bislang nicht mal Ägypter getraut haben? Nach zwei Jahren Vorarbeit, in denen ich oft in Kairo war und Oums Familie traf, bekam ich plötzlich das Gefühl, mich komplett zu übernehmen.

          Geplagt von Selbstzweifeln, gab ich das Drehbuch dem französischen Drehbuchgenie Jean-Claude Carrière. Sein Urteil lautete: „Du bist nicht für Biopics gemacht. Frag dich lieber, warum du diesen Film machen willst. Trag das Thema in die Gegenwart!“ Da hat es Klick gemacht: Es ging nicht mehr darum, die historische Figur darzustellen, sondern eigene Obsessionen ins Spiel zu bringen.

          Sie spiegeln sich selbst in der Figur Mitra, einer persischen Regisseurin, die einen Film über Oum Kulthum dreht?

          Ja, aber auch dieser Ansatz musste die historischen Gesichtspunkte beachten. Der Schlüssel war zu verstehen, was mich an der Legende so faszinierte – dass ich mich als Künstlerin besser verstehen konnte, indem ich die Welt durch Oums Augen sah. Auch ich musste mir meinen Platz in einer männerdominierten Kultur und Umgebung erkämpfen. Auch ich wollte meinen Mutterpflichten gerecht werden, musste mich in einem Kulturbetrieb verorten, der von der Politik dominiert wurde.

          Was macht Oum Kulthum auch zu einer Faszinationsgestalt für eine Feministin?

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