Home
http://www.faz.net/-gs6-p86e
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kino Seitenblicke ins Randgebiet deutscher Wirklichkeit: "Farland" von Michael Klier

25.08.2004 ·  Wenn es einen Ort gibt, an dem der Regisseur Michael Klier sich nie wohlgefühlt hat, dann ist es das Zentrum des Bilderbetriebs, der Mainstream. Klier bevorzugt Randlage, nicht nur aus ästhetischer, auch aus persönlicher Notwendigkeit.

Von Andreas Kilb
Artikel Lesermeinungen (0)

Eine junge Frau im Stadtrandgebiet. Sie läßt sich von einem Auto mitnehmen, dann steigt sie mitten im Niemandsland aus, läuft über Feldwege, zwischen Gras und Gebüsch, auf die Siedlung zu, die sich unter dem Himmel duckt. Plattenbauten, Einfamilienhäuser: ein Ort im südlichen Vorland von Berlin. Karla ist hierher zurückgekommen, weil ihre Schwester nach einem Autounfall im Koma liegt. Im Haus der Mutter, das mit Ethno-Kitsch vollgestopft ist, will Karla nicht bleiben, also geht sie in ein Hotel. Es ist neu, kalt, unpersönlich, ein beleuchteter Wohnautomat. So wie das Krankenhaus, in dem Marie liegt, die Schwester, und daneben Maries Freund Torsten, auch er bewußtlos. Ein Mann beugt sich über Torstens Bett; es ist sein Vater, Axel, der von der Mutter getrennt lebt und dessen Gesicht versteinert ist wie die Landschaft hier. Axel (Richy Müller) und Karla (Laura Tonke) lernen sich kennen, zwei einzelne, die kein Paar werden und sich doch berühren, erst flüchtig, dann intensiv.

Ist das eine Geschichte? Vielleicht. Jedenfalls kann man sich gut vorstellen, was das deutsche Fernsehen, das allwöchentlich solche und ähnliche Geschichten erzählt, aus diesem Stoff gemacht hätte. Einen Familienfilm etwa: Konflikte hier, Konflikte dort, dann Krise in der Intensivstation, Versöhnung am Krankenbett. Oder eine Love-Story: Axel und Karla gegen den Rest der Welt. Dreh- und Angelpunkt des Dramas: die Ankunft der Mutter. Plötzlich wacht Torsten auf, oder ist es Marie? Große Gefühle jedenfalls, groß vor allem durch Musik: Orchesterklänge, Geigen, tragisches Gedröhn. Der Leierkasten des Verstehens. Ein Fernsehereignis: Pseudo-Kino.

Aber "Farland" ist ein Film von Michael Klier, und wenn es einen Ort gibt, an dem Klier sich nie wohlgefühlt hat, dann ist es das Zentrum des Bilderbetriebs, der Mainstream. Klier bevorzugt Randlage, nicht nur aus ästhetischer, auch aus persönlicher Notwendigkeit. Vor fünfzehn Jahren wurde er, selbst schon sechsundvierzig Jahre alt, auf dem Münchner Filmfest mit "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" entdeckt, einem vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF finanzierten Schwarzweißfilm über zwei junge Polen, die über Berlin nach New York gelangen wollen. Zwei Jahre später drehte er "Ostkreuz", eine Streunergeschichte aus den toten Zonen des wiedervereinigten Berlins. Und dann kam lange nichts. Projekte, an denen Klier arbeitete, platzten, Fördersummen verfielen, Produzenten sprangen ab. Erst 2001 konnte Klier wieder einen Spielfilm fertigstellen, aber "Heidi M." war sichtlich ein Kompromiß zwischen dem Anspruch, den der Regisseur an sich selbst hatte, und den Möglichkeiten, die ihm seine Produktionsfirma ließ. Michael Klier ist einer der Schwierigen im Lande des deutschen Films. Vor Zeiten, in der Ära Fassbinder, hat man solche Typen gehätschelt, heute müssen sie sich durchbeißen.

Wie Karla. Sie arbeitet als Animateurin bei einem Messeveranstalter in der Stadt. Den Raum ihrer Kindheit, den sie verlassen hat, um nie zurückzukehren, durchmißt sie jetzt als Fremde, mit trotzigen, eigensinnigen Schritten. Was ihr begegnet, gleitet an ihr ab, auch das hilflose Werben ihres Exfreunds Frank (Daniel Brühl), der Polizist geworden ist. Laura Tonke spielt Karla mit einer vibrierenden Abgeklärtheit, die sie seit "Ostkreuz" in vielen Rollen erprobt hat, nur daß bei Klier diese Haltung noch reiner und ungezwungener wirkt als sonst. Wenn man sieht, wie sie den deutschen Kinostar Daniel Brühl stehen läßt, spürt man sofort, auf wessen Seite die Sympathien des Films liegen. In "Farland" geht es nicht ums Ankommen, sondern um die Gründe fürs Weggehen: um das Heimatgefühl, das nicht da ist, die familiäre Bindung, die nicht mehr existiert. Der Film ist gleichsam das Negativ zu Michael Schorrs "Schultze gets the Blues"; er hat den Blues schon und wird ihn auch nicht los. Um so mehr ist er auf visuelle Deutlichkeit angewiesen, auf Bilder, die den Raum um die Figuren nicht abdichten, sondern öffnen - Seitenblicke auf ein abseits gelegenes Land.

Michael Klier ist ein Meister solcher Bilder. Er hat den Neorealismus nur geerbt, aber er handhabt ihn, als gäbe es gar keine andere Weise, die Welt zu betrachten. Wenn Klier über sein Kino spricht, bezieht er sich gern auf die Nouvelle Vague, aber wenn man "Farland" sieht, diesen Winterfilm in matten Braun- und Grautönen, muß man an die besseren Episoden aus Kieslowskis "Dekalog"-Zyklus denken, diejenigen, in denen die Moral eine Frage der Kameraeinstellung war.

"Farland" zieht einen Ausschnitt der deutschen Wirklichkeit scharf und läßt uns zugleich von der eigenen Kindheit träumen, der fernen, abgelegten. Am Ende stellt sich Axel, der früher Fußballtrainer war, mit verbundenen Augen bei einem Match unter Blinden ins Tor. Er hat gelernt, den Bildern in seinem Kopf zu vertrauen. Wie der Fotograf in Antonionis "Blow up". Und wie der Zuschauer dieses Films.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 15