16.10.2003 · Die These hat's in sich: Die Fähre „Estonia“ sei vom russischen Geheimdienst versenkt worden, weil sich an Bord ein Naturwissenschaftler befand, der mit hochbrisanten Forschungsergebnissen und Biowaffen zu den Amerikanern überlaufen wollte. Der halbfiktive Spielfilm „Baltic Storm“ soll der These Auftrieb geben.
Von Andreas PlatthausDies ist der fünfzehnte Streich. Denn vierzehn Filmberichte über den Untergang der "Estonia" hat Jutta Rabe schon hinter sich. Die These der nimmermüden Reporterin und Produzentin, gestützt durch denkbar akribische Recherche: Die Fähre wurde vom russischen Geheimdienst versenkt, weil sich an Bord ein Naturwissenschaftler befand, der mit hochbrisanten Forschungsergebnissen und womöglich gar noch brisanteren Biowaffen zu den Amerikanern überlaufen wollte. Daß mit dem Verräter 851 weitere Passagiere und Besatzungsmitglieder den Tod gefunden haben, war ein demnach notwendiges Übel, wollte man im ohnehin gebeutelten russischen Militärapparat nicht den letzten Rest an Selbstachtung verlieren. So ruht im Wrack der nie geborgenen Fähre seit dem 28. September 1994 ein dunkles Geheimnis, vielleicht auch eine biologische oder gar atomare Bedrohung der Ostsee. Jedenfalls tun sämtliche beteiligten Staaten - Rußland, Estland, Schweden, die Vereinigten Staaten - alles dafür, die Aufklärung über die wahren Ursachen zu verhindern. Soweit Frau Rabe.
Und somit ist Versuch Nummer fünfzehn, der Spielfilm "Baltic Storm", eine Art Notschrei, weil Jutta Rabe hofft, mit einem solch halbfiktiven Bericht mehr Menschen für den Fall zu interessieren, als es ihr mit ihren Reportagen bisher gelang. Für diese seltsame Form des Dokumovie, wie man analog zur Dokusoap wohl sagen müßte, verpflichteten sie und ihr finnischer Koproduzent Kaj Holmberg einige mehr oder minder abgehalfterte internationale Stars - Jürgen Prochnow, Greta Scacchi, Donald Sutherland -, etliche leidlich aktuelle deutsche Sternchen - Jürgen Tarrach, Axel Milberg, Barbara Schöne, Dieter Laser - und einige Persönlichkeiten, die man nicht unbedingt auf der Kinoleinwand vermutet - Gitte Haenning, Sissi Perlinger, Kaj Holmberg selbst. Kurz: Alles sieht auf den ersten Blick nach einem Werk aus, das die Filmbranche abschätzig als Eurofilm bezeichnet: europäisch produziert, aber mit Blick auf den Weltmarkt, leider jedoch auch europäisch bezahlt, also nicht hoch genug dotiert, um wirklich mit Hollywood konkurrieren zu können.
Immerhin macht "Baltic Storm" aus der Not eine Tugend und bemüht sich gar nicht erst, einen Schiffsuntergang mit allen Schikanen a la "Titanic" zu simulieren, sondern setzt irgendwo im Hintergrund des Sets zwei Sprenggeräusche frei, worauf die Passagiere etwas aufgeregt durcheinanderlaufen, und dann ist die "Estonia" auch schon weg und die Nachricht auf allen Bildschirmen. Später wird sich der (fiktive) schwedische Anwalt Erik Westermark, der bei dem Untergang seinen Sohn verlor, in immer neuen Flashbacks an die Katastrophe erinnern und dabei reichlich Wellen, Wind und Wirren auf die Leinwand bringen, doch nie wagt sich der Regisseur Reuben Leder, der auch das Drehbuch schrieb, an das große, gewaltige Bild.
Auch dann nicht, als die Recherchen von Westermark und der deutschen Journalistin Julia Reuter einsetzen, die beide immerhin bis in einen geheimen Armeestützpunkt der Amerikaner führen, der - wohl budgetbedingt - in der Nähe von Goslar angesiedelt wurde. Wie dort ein verbaler Showdown zwischen Julia Reuter und dem amerikanischen Pentagon-Beamten Lou Aldryn inszeniert wird, entbehrt leider jeglicher Spannung, weil die Umgebung von Goslar sich trotz allem Fachwerk nicht so unheimlich präsentieren kann, daß man dafür auf den Einsatz von Statisten fast vollständig hätte verzichten sollen. Ein amerikanisches Lager mit so schlapper Bewachung und auf einmal so grundkommunikativen Herrschaften, die man vorher munter hatte morden sehen, zeugt zwar vom Triumph der guten Sitten in der Weltpolitik, aber so recht glauben will man an dieses zivilisierte Guantanamo auf deutschem Boden dennoch nicht.
Das ist denn auch die Crux des ganzen Films: Man glaubt es nicht, denn "Baltic Storm" schielt aufs Publikum und verliert dabei die Plausibilität aus den Augen. Zuviel der Zufälle, zuviel wahlweise der Naivität oder der Skrupellosigkeit. Prochnow als Westermark ist ganz sensibel-engagierter Hinterbliebenenvertreter, Greta Scacchi als Julia Reuter zu sehr geläuterte Aufklärerin, und Sutherland als amerikanischer Regierungsmann hat wenig mehr zu tun, als coole Miene zum diabolischen Spiel zu machen (womit er immer noch besser wegkommt als Dieter Laser, der einen alten Stasioffizier so zu geben hat, wie wir im Westen uns den großen bösen Wolf schon immer vorgestellt haben: Kinn und Augen wie Stichwaffen). Das böse Spiel regrediert zunächst zum Kammer-, dann zum Trauerspiel, und wenn am Ende alles stillschweigend weiter unter der Decke bleibt, fröstelt uns weniger der behaupteten regierungsamtlichen Perfidie halber als wegen der Aseptik des Leinwandgeschehens. Immerhin, so will es das Hörensagen, sollen Estland und Schweden mit Mißmut auf das Filmprojekt blicken. Vielleicht darf man aber auch Politikern und Abwehrchefs einmal ästhetische Kompetenz unterstellen.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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