Home
http://www.faz.net/-gs6-oj83
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kino Protokoll einer Generation: "Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar

18.02.2004 ·  Kein Film ist bei der jüngsten Berlinale von den Betrachtern so gezaust und von anderen so verteidigt worden wie dieser. „Die Nacht singt ihre Lieder“ versteht sich als Totentanz, als Leichenbegängnis einer gemordeten Liebe, und so hat Romuald Karmakar diese Verfilmung eines Theaterstücks von Jon Fosse auch inszeniert. Gestern beim Festival, heute im Kino. Nun sehe jeder selbst.

Von Andreas Kilb
Artikel Lesermeinungen (0)

Systeme, die unter großem Innendruck stehen, sind empfindlich gegen Störungen von außen. Auch der deutsche Film ist ein solches System, ein Netzwerk aus eng miteinander verflochtenen Institutionen und Personen, deren gemeinsames Interesse in der größtmöglichen Minimierung jenes Risikos liegt, das bei einer Kinoproduktion unvermeidlich ist. Kein Produzent soll zum Bankrotteur, kein Filmförderer zum Buhmann, kein Regisseur oder Drehbuchautor in Deutschland arbeitlos werden, solange sich alle Beteiligten an die Regeln halten. Und diese Regeln, das wissen die Kritiker wie die Exponenten des Systems genau, gelten desto uneingeschränkter, je weniger sie schriftlich fixiert sind. Richtlinien, Programme und Thesen zur deutschen Filmkultur kann jeder verfassen; die wahren Kenner halten sich an den Konsens.

Diesen Konsens hat Romuald Karmakar mit "Die Nacht singt ihre Lieder" verletzt. Genau genommen verletzt er ihn schon seit zwölf Jahren, seit er mit seinem dreistündigen Dokumentarfilm "Warheads" aus dem schützenden Dunkel der Filmmuseen und Kommunalkinos, die seine frühen Kurzfilme gezeigt hatten, heraustrat. "Warheads" war eine kühle, empörungsfreie, kommentarlose Studie über Söldner und ihr Treiben in den Krisenregionen der Welt, und diese Kühle machte Karmakar den Moralisten der Branche verdächtig, sie warf einen Schatten der Unverläßlichkeit auf sein Tun, noch bevor es sich richtig entfalten konnte. Dann kam "Der Totmacher", mit dem Karmakar sein Talent zum Erzählen monologischer Geschichten auf engstem Raum bewies und für den Götz George beim Filmfestival von Venedig den Darstellerpreis empfing. Aber auch dieser Film schien vielen nicht ganz stubenrein, die Unverblümtheit, mit der der Massenmörder Haarmann vorgeführt wurde, bedenklich, die konsequente Schilderung seines Verhörs nicht kinogerecht. Die Einladung des "Totmachers" zum Festival in Venedig wurde Götz George, der Kassenerfolg dem deutschen Verleih zugeschrieben.

In "Manila" reagierte Karmakar auf seine Weise, indem er das Verhörzimmer zur Flughafenhalle, den Monolog zur Gruppenseance erweiterte; der Film, der die Zuschauerzahlen des Vorgängers nicht erreichte, blieb sein bisher einziger Ausbruch aus dem Ghetto der Low-Budget-Produktionen. Mit dem "Himmler-Projekt" führte Karmakar dann das "Totmacher"-Prinzip ins Extrem, indem er Manfred Zapatka die berüchtigte Posener Rede des "Reichsführers SS" Wort für Wort und in immer neuen Ansätzen vortragen ließ, in einem dreistündigen, zermürbenden Kampf mit der Kamera wie mit dem Text.

Es versteht sich, daß jeder dieser Filme Schwierigkeiten bei der Finanzierung hatte, daß Karmakar ein ums andere Mal bescheinigt wurde, sein Projekt sei "nicht geeignet, die Wirtschaftlichkeit des deutschen Films zu stärken", wie die vorschriftsmäßige Ablehnungsfloskel eines Berliner Fördergremiums lautet. Beim Fernsehen, ohne das in Deutschland fast kein Kinovorhaben vom Stapel läuft, durfte der Regisseur ohnehin auf wenig Entgegenkommen rechnen, schließlich sind seine Filme nicht gerade das, was man in den Intendantenbüros für "sendefähig" hält; sie gehören zu den unhappy few, den wenigen, die im Spätprogramm nach einer Abwechslung im immergleichen Bildertrott suchen.

Und dennoch hat Karmakar es immer wieder versucht. Sein Projekt "Die Nacht singt ihre Lieder", eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Jon Fosse, ward eingereicht und abgelehnt beim WDR, SWR, HR, BR, bei FFA und FFF. Den einen war der Film zu groß, den anderen zu klein; die einen wollten lieber eine richtige Theateraufzeichnung sehen, die anderen gar kein Theater. Schließlich wurde die Produktion, die schon fast abgeschrieben war, durch eine Geldspritze des ZDF wiederbelebt. Nach dreijährigem Vorbereitungskampf konnte Karmakar seinen Film in Babelsberg drehen und schneiden.

Der Film, der heute ins Kino kommt, trägt die Spuren dieser Produktionsgeschichte. Seine Hauptdarsteller sind nicht die Darsteller, mit denen Karmakar ursprünglich drehen wollte, und sein Budget ist nicht das Budget, auf das er einmal kalkuliert war. Geblieben ist in "Die Nacht singt ihre Lieder" neben den Dialogen vor allem der Schauplatz: eine renovierte Altbauwohnung in Berlin-Mitte, teuer und trist. Hier leben der junge Mann (Frank Giering) und die junge Frau (Anne Ratte-Polle), zwei Namenlose aus einer Generation, die in den neunziger Jahren an die Spree gezogen ist, um dort am neuen Hauptstadtgefühl teilzuhaben. Jetzt ist der Mann Schriftsteller, aber kein Verlag will seine Texte drucken; und die Frau befindet sich im Mutterschutz, doch sie wirkt weder mütterlich noch beschützt. Der kleine Sohn der beiden schläft fast den ganzen Tag über in seinem Kinderwagenbettchen, und er tut gut daran. Denn die Sticheleien und vergifteten Wortpfeile, mit denen sich seine Eltern beharken, könnten selbst einem Baby die Lust am Leben nehmen.

"Die Nacht singt ihre Lieder" ist ein Totentanz, das Leichenbegängnis einer gemordeten Liebe, und so hat Karmakar die Geschichte auch inszeniert. Der Film beginnt mit einem hochnotpeinlichen Elternbesuch (grandios und gruselig: Marthe Keller und Manfred Zapatka) und endet mit dem nicht minder peinlichen Auftritt eines Liebhabers (Sebastian Schipper), der sich offenbar aus einer Kreuzberger Männerselbsthilfegruppe in die Beziehungshölle verirrt hat. Dazwischen aber, knapp eine Stunde lang, bietet der Film nicht mehr und nicht weniger als das Geheimprotokoll der Generation Golf. Sie wollten Spaß haben, berühmt werden, sich verwirklichen, der Junge und das Mädchen, und nun sind sie Gefangene ihrer Unwirklichkeit. Der Mann hat seine Bücher, die Frau hört Captain Comatose, aber der Abend ist nicht mehr abendfüllend, das Schreiben ergibt keinen Sinn. Es geht, anders als bei Fosse, der doch wieder von den Nöten des Dichterlebens erzählt, um die visuelle Beschreibung einer Leere, die von innen kommt, aus einer Kindheit voller Fernsehen, einer Jugend ohne Zorn, und in diesem Punkt ist der Film sehr präzise. Er horcht in die Stille. Er schiebt seine Figuren durch den Raum wie Puppen. Er ersetzt den Realismus des Fernsehens durch die Realität seiner Abstraktion. Aus hundert TV-Movies könnte man kein genaueres Generationporträt filtern als aus Karmakars "Nacht".

Den Kritikern und Kinoleuten, die diesen Film im Wettbewerb der Berlinale sahen, war sein Anspruch ein einziges Ärgernis. "Die Nacht singt ihre Lieder" komme "mit der gleichen hochnäsigen Bedeutungshuberpose" daher wie einst die Filme von Straub/Huillet, schrieb der "Tagesspiegel", und daran ist sogar etwas Wahres. Romuald Karmakar steht heute da, wo Jean-Marie Straub und Daniele Huillet in den sechziger und Herbert Achternbusch in den achtziger Jahren standen - außerhalb eines Systems, das sie behindert und verachtet und ihrer dennoch bedarf. Denn nicht sein kommerzielles Funktionieren zeichnet das deutsche Kino dieser Jahre aus, sondern die Tatsache, daß es immer noch Filme wie die von Karmakar hervorbringt. Sie lassen sich nicht integrieren. Deshalb brauchen wir sie.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr