17.08.2004 · Sieh an, König Artus war ein Römer: Antoine Fuquas Film „King Arthur“ unterdrückt die Legende und läßt die Fakten krachen.
Von Andreas KilbMit historischen Filmstoffen verhält es sich wie mit allen anderen Geschichten im Kino: Man glaubt, was man sieht - und nicht, was man weiß. Buchwissen ist im Gegenteil beim Kinobesuch eher hinderlich. So mag beispielsweise ein Altphilologe an der Rüstung, die Brad Pitt in Wolfgang Petersens "Troja" trägt, einiges auszusetzen haben, aber sie erfüllt trotzdem ihren Zweck. Helena mag schwarzhaarig gewesen sein; wir aber sehen sie gern blond. Ein Historienfilm ist, anders gesagt, ungefähr so gut wie die historischen Fälschungen, die er sich erlaubt. Wenn die Legende zum Faktum wird, dann druckt die Legende, lautet eine der Grundregeln des Kinos. Aufgestellt hat sie der große Legendenmacher John Ford, und wer sie verletzt, muß dafür büßen, auf die eine oder andere Art.
Antoine Fuquas Film "King Arthur" beginnt damit, daß er uns eine alte, lang vergessene Geschichte erzählt. Der römische Kaiser Theodosius, erfahren wir, hat auf einem seiner Feldzüge im Osten die räuberischen Sarmaten besiegt und seinem Reich tributpflichtig gemacht. Seither schickt jede sarmatische Familie ihren ältesten Sohn, sobald er fünfzehn Jahre alt ist, zu den Legionen im nördlichen Britannien, wo er fünfzehn Jahre Militärdienst leistet, bevor er in seine Heimat entlassen wird. Das war im vierten Jahrhundert nach Christus - und nach einem kleinen Zeitsprung sind wir im fünften Jahrhundert, und immer noch kommen die Römer zu den Sarmaten und holen ihre Söhne ab. Einer, ein schwarzgelockter Junge, schwingt sich, von Vater, Mutter und Schwester tränenreich verabschiedet, zu den Legionären aufs Pferd. Er heißt Lancelot. Abermals vergehen die Jahre, und wir sehen Lancelot, der inzwischen zum Mann gereift ist, über die grünen Hügel Britanniens reiten, im Gefolge eines Mannes, den die Römer als Artorius Castus kennen. Der Film aber nennt ihn gleich bei seinem richtigen Namen: Artus. Arthur. King Arthur.
Ausgedacht hat sich diesen Prolog der Drehbuchautor David Franzoni, der schon die Vorlage zu Ridley Scotts "Gladiator" schrieb und zur Zeit einen Hannibal-Film mit (ausgerechnet!) Vin Diesel als karthagischem Kriegshelden vorbereitet. Drehbuchautoren sind dafür bekannt, daß sie die Geschichten, die sie sich ausdenken, sehr genau recherchieren. Und Franzoni hat recherchiert; er hat vor allem Howard Reids populärwissenschaftliche Studie "Arthur the Dragon King: The Barbaric Roots of Britains Greatest Legend" penibel ausgewertet und verdaut. Was er dabei übersehen hat, ist, daß es bei einer Legende nicht so sehr darauf ankommt, aus welchen historischen Quellen sie sich speist. Sondern darauf, aus welchen Gründen sie erzählt wird. Und die Dichter des Mittelalters, von Chretien de Troyes bis Thomas Mallory, hatten sehr gute Gründe, als sie die Artussage erfanden: Sie wollten eine Geschichte von Liebe, Treue, Eifersucht und Verrat erzählen, in der die Kardinaltugenden des Rittertums ebenso vorkamen wie seine Todsünden, ein weltentrücktes Märchen mit sehr realen Aussagen und Anspielungen.
Franzoni dagegen hat bloß einen alten Kinostoff aus einer Irrealität in die andere verfrachtet, aus den Nebeln von Camelot und Avalon in die Dämpfe des untergehenden Römischen Reiches. Daß er den Produzenten Jerry Bruckheimer für das Projekt gewann, spricht ebenso für dessen professionelle Neugierde wie für die Unveränderlichkeit seines Geschmacks. Denn Bruckheimer, der seit "Flashdance" und "Top Gun" zu den Großmächten in Hollywood gehört, hat sich für den eigentlichen Motivkern der Artussage, die Wirrnis der Herzen und Seelen, nie interessiert. Seine Spezialität ist das ewige Blutgericht des Actionkinos: Männerfreundschaft, die sich in mörderischen Kämpfen bewährt. Die einzige Sehnsucht, die sich Bruckheimers Helden erlauben dürfen, ist die, das unaufhörliche Schlachten möge irgendwann einmal enden. Aber gerade diesen Wunsch können die Filme, solange sie dauern, ihnen nicht erfüllen.
Und so sehen wir Arthur (Clive Owen) und seine sarmatischen Reiter diesseits und jenseits des Hadrianswalls, der das römische vom keltischen Britannien trennt, ihr eisernes Handwerk verrichten. Aus dem Eichentisch, an dem sich die Ritter der Tafelrunde versammelten, ist ein Konferenzmöbel in einem Kastell geworden, und an die Stelle des Grals tritt eine Römervilla im Keltengebiet, aus der Arthurs Fremdenlegionäre einen Günstling von Papst Pelagius vor den herannahenden Sachsen retten sollen. Gleich am Anfang sieht man den von Rom gesandten Bischof Germanius mit seiner Eskorte durch die Wildnis ziehen, aber wer sich darüber grämt, ausgerechnet in einer Bruckheimer-Produktion mit einem Kleriker in die Kutsche steigen zu müssen, wird rasch getröstet: Die ruppigen Pikten, angeführt vom Priesterkönig Merlin und seiner Tochter Guinevere (Keira Knightley), machen sich über die Kolonne her, und nur das Eingreifen der Arthurianergarde rettet die Haut des Kirchenmanns.
Römer, Sachsen, Pikten, Sarmaten - es ist die Gemengelage eines zeitgenössischen Flüchtlingsdramas, die einem in "King Arthur" entgegentritt, und in dieser Unübersichtlichkeit liegt vielleicht die wahre Authentizität des Films. Antoine Fuqua, der Regisseur, gibt sich alle Mühe, das Chaos einer Welt im Bürgerkriegszustand zu organisieren, indem er sie streng schematisch in dekadente Fieslinge (die Römer), dumpfe Schlächter (die Sachsen), gutherzige Waldschrate (die Pikten) und wahre Humanisten (Arthur und die Seinen) sortiert. Dennoch wird man des Ganzen nicht froh. Es liegt etwas Angestrengtes über diesem Film, eine Stimmung von Durchhaltenmüssen und Zähnezusammenbeißen wie in den Schlachtszenen des dritten "Herrn der Ringe", in denen es auch eher darum ging, die Geschichte aufzuhalten als sie in Gang zu bringen. Zwar wird nach dem letzten Gemetzel am Hadrianswall, bei dem auch den von Til Schweiger gespielten Sachsenprinz Cynric sein verdientes Los ereilt, auf hoher Klippe der erste britannische Staat ausgerufen, aber dieses Ende wirkt so aufgeklebt wie der Patriotismus der Sarmaten. Sehnen sich nicht alle Abenteurer zurück in die Heimat? Hier möchten sie echte Engländer werden, als wüßten sie schon, was das sei.
Die eine sehenswerte Szene von "King Arthur" spielt auf einem zugefrorenen See. Unser Held und seine Freunde wehren darin eine sächsische Übermacht ab, indem sie das Eis aufhacken, das die feindlichen Krieger trägt. Das ist nicht historisch, aber es sieht gut aus. Wen es nach tieferen Wahrheiten verlangt, der muß die Geschichtsbücher konsultieren.