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Kino Öl ist dicker als Blut

24.02.2006 ·  George Clooney macht gute Figur als Hollywoods politisches Gewissen: Stephen Gaghans Film „Syriana“ zeigt, daß in der heutigen Welt auf unschöne Weise alles mit allem zu tun hat.

Von Michael Althen
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Nach diesem Film bekäme man gern ein Diagramm ausgehändigt, in dem noch mal mit großen und kleinen Pfeilen veranschaulicht wird, wer mit wem was zu tun hatte und warum. So verschlungen und verwickelt scheint die Geschichte, so vielstimmig ihre Erzählweise, daß man irgendwann den Überblick verliert und nur das Gefühl zurückbleibt, daß in der heutigen Welt auf unschöne Weise alles mit allem zu tun hat - das nennt man dann wohl Geopolitik.

Konkret heißt das in Stephen Gaghans Film: Wenn irgendwo in Texas ein Öl-Boß hinter seinem Glas Brandy maliziös lächelt, verlieren am anderen Ende der Welt in irgendeiner Wüste dreihundert Leute ihre Arbeit auf den Ölfeldern, woraufhin man sich nicht wundern muß, wenn einer von ihnen Demagogen in die Hände fällt, die seine Rachegelüste zu schüren verstehen. Oder es drückt jemand in Washington auf einen Knopf, und zigtausend Meilen weiter löscht eine Rakete die Fahrzeugkolonne eines arabischen Prinzen aus, der sich im Unterschied zu seinem Bruder nicht als Marionette der Vereinigten Staaten, sondern als Reformer versteht. Dazu kommt ein CIA-Agent, der das Spiel durchschaut hatte, aber dessen unangenehme Wahrheiten in Washington keiner mehr hören wollte. Kann sein, daß diese Sicht der Dinge ein wenig paranoid ist, aber seiner Paranoia verdankte Hollywood schon in den siebziger Jahren einige seiner besten Filme wie „Die drei Tage des Condor“ oder „Zeuge einer Verschwörung“.

Filme wie unter Nixon

Man kann schon deswegen sagen, daß das politische Klima in der zweiten Amtszeit von George W. Bush dem am Ende der Ära Nixon ähnelt, weil es eine ähnliche Art von Filmen hervorbringt. Nicht daß die ganze Filmbranche plötzlich ihr politisches Bewußtsein entdeckt hätte, aber es entsteht Raum für Geschichten, in denen die offizielle Version der Geschichte in Zweifel gezogen und ganz generell der Schwarzweißmalerei eine Absage erteilt wird. So gesehen, wäre George Clooney der Wiedergänger von Robert Redford, der ähnlich überirdisch gut aussah und nicht nur zu einem Sympathieträger für das liberale Hollywood wurde, sondern mit seinem Festival in Sundance auch noch versuchte, die Kreativität abseits des Mainstream zu fördern.

George Clooney ist definitiv der Mann der Stunde. Für seine Rolle in „Syriana“ ist er als Nebendarsteller ebenso für einen Oscar nominiert wie als Regisseur und Autor des Anti-McCarthy-Dramas „Good Night, and Good Luck“, und daß er dafür nicht auch noch als Produzent im Rennen ist, ist allein den Regularien der Academy zuzuschreiben. Der Coverboy als politisches Gewissen, eine bessere Figur kann man momentan gar nicht abgeben.

Kein Platz für Helden

In „Syriana“ spielt er mit Bart und fünfzehn Kilo Übergewicht einen CIA-Agenten, der seine beste Zeit vielleicht noch gar nicht hinter sich hat, aber mit seinen Methoden und seinen Erkenntnissen nicht mehr in eine Zeit paßt, in der die Welt für die Amerikaner nur noch Wille und Vorstellung ist. Der Mann ist nicht wirklich ein Held, dafür ist sein Job auch zu zwielichtig, aber für Helden ist in Stephen Gaghans Welt ohnehin kein Platz. Auch seine anderen Figuren, die immer nur momentweise im Rampenlicht stehen, sind mehr als zwiespältig angelegt: eine ist ein Anwalt (Jeffrey Wright), der über den Zusammenschluß zweier Ölfirmen wacht; eine ist ein Analyst (Matt Damon), der Berater eines arabischen Prinzen wird, nachdem er bei dessen Pool-Party seinen Sohn verloren hat; eine ist ein junger Pakistani (Mazhar Munir), der auf einem Ölfeld seine Arbeit verliert und dem radikalen Islam in die Hände fällt.

Es ist nicht so, daß diese Figuren einen Autor suchen würden, aber in seinem oscarprämierten Drehbuch zu „Traffic“ hat Gaghan die Vielstimmigkeit besser organisiert. Was die Zeichnung der Charaktere angeht, liegt die Hauptarbeit diesmal voll und ganz bei den Schauspielern, die nicht nur ihre Rollen ausfüllen, sondern auch für jeglichen Überschuß sorgen müssen.

Hinter verschlossenen Türen

Bei aller gewollten Unübersichtlichkeit ist das Drehbuch bei näherer Betrachtung dann doch fast schematisch, denn in jeder der Figuren ist ein Vater-Sohn-Konflikt angelegt, der jedoch immer nur gestreift wird. Der Anwalt etwa hat einen Vater, der offenbar Alkoholiker und auf den Sohn aus Gründen sauer ist, über die man nur mutmaßen kann. Wahrscheinlich nimmt er ihm übel, daß er sein juristisches Ethos den Geschäftsinteressen der Mächtigen unterordnet. Andererseits kann man sagen, daß dieses Arbeiten mit Andeutungen und Mutmaßungen durchaus Konzept ist, weil Gaghan ein System offenlegen will, in dem alles hinter vorgehaltener Hand und verschlossenen Türen passiert.

Die Komplexität der Erzählens ist im übrigen keine Errungenschaft des Kinos, sondern eher eine Konsequenz aus den Fernseherfahrungen der letzten Zeit. An wie vielen Strängen man gleichzeitig ziehen kann, haben Serien wie „24“ oder „Alias“ unlängst vorgeführt, die sich damit allerdings von einem Cliffhanger zum nächsten hangeln. In Gaghans „Syriana“ ist es allerdings eher so, daß die ganze Welt über einem Abgrund zu hängen scheint.

Eine texanische Ölfirma verliert ihre Bohrrechte in irgendeinem Emirat, eine andere gewinnt Zugang zu Vorkommen in Kasachstan, und die Deals, die sich daraus ergeben, betreffen zahllose Leute auf der ganzen Welt, ohne daß sich in Texas jemand die Hände schmutzig machen müßte. Das ist womöglich keine neue Erkenntnis, aber unter Umständen die richtige Zeit, sie unter die Leute zu bringen.

Quelle: F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite 35
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