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Kino Nur in zweiter Linie Schürzenjäger

30.03.2006 ·  Er ist ein Clown in einem konfusen Leben, ein ziellos Liebender, den die Lieben in den Irak verschlägt. Roberto Benigni an der Seite seiner Ehefrau Nicoletta Braschi in „Der Tiger und der Schnee“.

Von Bert Rebhandl
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Attilio de Giovanni ist ein Dichter in der Midlife-Krise. Die Studenten starren ihn ein wenig ratlos an, wenn er seine Poetik direkt aus den Verrenkungen zu entwickeln scheint, die seinen Vortrag begleiten. Eine attraktive Kollegin fühlt sich deutlich zu ihm hingezogen, aber Attilio ist nur in zweiter Linie ein Schürzenjäger. In erster Linie ist er Minnediener.

Die Frau, der er nachläuft, heißt Vittoria. Sie entzieht sich mit der hartnäckigen Reserve einer Realistin. Auf einen Mann, der ständig das Unmögliche beschwört, der einen Gedichtband über einen Tiger im Schnee schreibt, will sie sich nicht einlassen. Die vielen Überraschungen allerdings, die sie eines Abends in der Wohnung von Attilio erwarten, waren nicht für sie geplant, sondern für den umschwärmten Dichter von einer Verehrerin. Als der Korken knallt, ist Vittoria einen Moment beeindruckt. Attilio aber ist kompromittiert, seine Verführung scheitert daran, daß sie zu perfekt eingefädelt war - für ein Verhältnis nämlich und nicht für eine Romanze. Im letzten Moment sucht Vittoria das Weite.

Poetische Entschlüsselung eines Krieges

Am nächsten Tag ist sie schon im Irak, wohin sie einen einheimischen Dichter begleitet, über den sie eine Biographie schreiben möchte. Attilio bleibt in Rom zurück, ein Clown in einem konfusen Leben, ein ziellos Liebender, der auf seine Lebensaufgabe noch wartet. Attilio und Vittoria sind die Königskinder in Roberto Benignis neuem Film „Der Tiger und der Schnee“ („La tigre e la neve“).

Das Unmögliche an dieser Verbindung steht von Beginn an im Licht der Tatsache, daß Benigni und die weibliche Hauptdarstellerin Nicoletta Braschi im richtigen Leben ein Ehepaar sind. Man muß das nicht wissen, es ist ohnehin unübersehbar und zugleich das Geheimnis des Films. Denn neuerlich inszeniert der italienische Komiker eine Scharade, nur geht es dieses Mal nicht, wie in „La vita e bella“, darum, einem Kind die brutale Wirklichkeit eines Konzentrationslagers poetisch zu verschlüsseln. Es geht darum, einen Krieg (von dem die Fernsehbilder nur den ungefähren Eindruck von unzusammenhängenden Fetzen eines schlechten Traums geben) poetisch zu entschlüsseln.

Klinikclown vor bewußtloser Frau

Der Irak als eigentlich unzugängliches Land ist der einzige Ort, an dem sich die Ernsthaftigkeit des Träumers Attilio bewähren kann. Als Vittoria bei einem Anschlag schwer verletzt wird, macht er sich ohne Umschweife mitten in der Nacht auf den Weg nach Bagdad und schafft es mit den Hilfskräften des italienischen Roten Kreuzes tatsächlich bis in das Krankenhaus, in dem Vittoria im Koma liegt. Die Ärzte verfügen weder über die notwendige Medizin noch über ausreichend Nahrung für die Patienten. Für Attilio beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Er findet Unterstützung bei Fuad (Jean Reno), der in den Gassen und Innenhöfen von Bagdad viele Menschen kennt. Aber schon bald ist Benigni ganz auf sich allein gestellt, ein Klinikclown vor einer bewußtlosen Frau.

Sie ist der einzige Anhaltspunkt in diesem Land. Italien, dessen Bürger sich zu großen Teilen unter der Parole „Pace“ gegen die eigene Regierung gewandt hatte, steht bei Benigni nicht auf der Seite der Vereinigten Staaten, sondern mit einer kleinen Friedenstruppe im Irak. Schon Vittoria gerät durch ihre Verletzung vollständig auf die Seite des Volks. Sie ist von der medizinischen Versorgung der Amerikaner abgeschnitten. Attilio greift nun aber gerade auf das Wissen der Iraker zurück. Er befragt alte Weise nach arabischen Rezepten und muß die Zutaten für eine wichtige Medizin direkt durch die amerikanischen Linien schmuggeln.

Das Herz gewinnt er nur in Rom

Wie in „Sullivan's Travels“, der klassischen amerikanischen Komödie von Preston Sturges, gibt es auch hier einen Moment, in dem keine Rückversicherung mehr greift. Attilio/Benigni ist als Italiener nicht mehr erkennbar. Er ist, auf dem Umweg seiner Liebe, mitten in die Geopolitik geraten. Er durchquert den gesamten unbefriedeten Irak, ohne auch nur eine Sekunde das eigene Genre zu verlassen. In einem bezeichnenden Dialog in „Der Tiger und der Schnee“ unterhält sich Attilio mit einem befreundeten Psychologen. Den Analytiker stört, daß die Träume von Attilio nicht symbolisch sind. Er träumt unverschlüsselt, in eindeutigen Bildern, ohne Ansatzpunkt für das intellektuelle Raffinement einer guten Traumdeutung.

In dem Gespräch steckt eine künstlerische Selbstaussage von Benigni. Er ist tatsächlich kein Komiker der „sophistication“. Er ist kein unbewegter Beweger wie Buster Keaton oder Jacques Tati, er weckt aber auch nicht den Beschützerinstinkt, auf den viele Artisten der Hilflosigkeit zielen. Dazu ist er zu aggressiv. Benigni ist der einzige Gewährsmann seiner poetischen Vision, liegt aber selbst mit sich im Streit. Der eigentlich große Moment dieser Komödie über die Liebe im Krieg kommt ganz am Ende, wenn „Der Tiger und der Schnee“ überraschend noch einmal das Genre (und die Form der Liebe) wechselt. Als „Rambo“ hätte Attilio de Giovanni nicht aus seiner Midlife-Krise herausgefunden, und mit purem Slapstick hätte er den Irak nicht überlebt. Als Träumer aber muß er feststellen, daß er das Herz der Geliebten nicht in Bagdad gewinnen kann, sondern nur in Rom - wo er wach ist.

Quelle: F.A.Z., 30.03.2006, Nr. 76 / Seite 37
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