09.07.2004 · Der Filmregisseur Lars von Trier liebt Herausforderungen: Diesmal bestand sie darin, einen Film zu drehen, den man eigentlich nicht drehen will. Oder besser: nicht einen, sondern fünf Filme.
Von Andreas KilbDer Filmregisseur, das wissen wir, ist kein Künstler wie jeder andere. Er hat nicht nur seine Idee vor sich und den Stoff - Leinwand, Stein, Papier -, auf den er sie überträgt, sondern er muß eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Menschen für seine Sache begeistern: Produzenten, Techniker, Schauspieler, Architekten, Komponisten, Kostümbildner und andere mehr. Er muß zugleich Turnlehrer, Alleinunterhalter, Seelentröster und General sein. Und dennoch gibt es immer mehr Leute, die Filme drehen wollen, und immer mehr Hochschulen, an denen das Filmemachen gelehrt wird, so daß in absehbarer Zeit mit einer wahren Regisseurschwemme zu rechnen ist. All jenen aber, die sich demnächst mit großen Hoffnungen ins Metier stürzen, um die Welt mit neuen Kurz-, Spiel- und Fernsehfilmen zu versorgen, seien zur Einführung - und zur Abschreckung - die "Five Obstructions" des Lars von Trier und seines Kollegen Jorgen Leth empfohlen: weil sie von der größten Herausforderung handeln, die einem Filmregisseur passieren kann.
Diese Herausforderung besteht darin, einen Film zu drehen, den man eigentlich nicht drehen will. Oder besser: nicht einen, sondern fünf Filme. Und nicht etwa neu ausgedachte, je für sich stehende Filme - nein, bloße Variationen eines Films, den man längst gedreht hat. Das alles muß Jorgen Leth, ein dänischer Dokumentar- und Experimentalfilmregisseur, der bisher nur unter Dokumentar- und Experimentalfilmern wirklich bekannt war, in "The Five Obstructions" tun. Leth hat vor fast vierzig Jahren einen zwölfminütigen Kurzfilm mit dem Titel "Der perfekte Mensch" inszeniert, in dem ein Mann und eine Frau vor weißem Hintergrund tanzen, essen, schlafen, springen oder seltsame Fragen stellen. Den soll er jetzt für seinen Schüler und Kollegen Lars von Trier wiederholen. Fünfmal. Und nach genauen Anweisungen. Ein Remake-Reigen. Ein Albtraum.
Die beiden, von Trier und Leth, spielen ein Spiel. Es heißt: Laß mich dein Turnlehrer sein. Dein Seelenerforscher. Dein General. Leth, der als dänischer Ehrenkonsul auf Haiti lebt, ist ein braungebrannter, gutgelaunter Mittsechziger, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Aber eben darauf hat es von Trier abgesehen: Unruhe. Ungleichgewicht. Entgleisung. Da sei "ein Grad von Perversion" in der Distanz, die Leth zu seinen Gegenständen wahre, sagt von Trier, als sie sich im Kopenhagener Produktionsbüro gegenübersitzen. Und: "Vielleicht können wir etwas finden, was weh tut." Den "Perfekten Menschen", bekennt von Trier, habe er zwanzigmal gesehen. "Diese kleine Perle zerstören wir jetzt."
Die erste Variation, verlangt von Trier, müsse in Kuba gedreht werden. Ohne Set. Mit Antworten statt Fragen. Und keine Einstellung darf länger dauern als eine halbe Sekunde. Das werde ein spastischer Film, sagt Leth, als er mit der Kamera allein ist. Aber dann wird es ein wunderbares Stück Kino. Die Kürze der Einstellungen gibt dem knapp fünfminütigen Film einen ganz eigenen Rhythmus, der wunderbar zur Hitze Kubas paßt. Man sieht einen Mann im weißen Anzug, der Zigarre raucht, Stadtbilder aus Havanna, eine Frau auf einem Bett. Ein Gedicht auf Zelluloid, eine Perle. Jetzt ist Lars von Trier enttäuscht.
"Ich möchte dich banalisieren", sagt er zu Leth. Deshalb schickt er ihn in die Elendsviertel von Bombay - und befiehlt, daß Leth als sein eigener Hauptdarsteller auftritt. Wieder ist Leth zuerst verzweifelt, doch dann hat er eine Idee. Er setzt sich im Smoking mitten im Slum an einen Tisch, trinkt Chablis und ißt Fisch. Und hinter ihm, von einer Plastikplane verhüllt, die Gesichter der Armut: Hungernde, Kranke, Krüppel. Ein Apercu zur Weltlage, wie es zwingender nicht sein kann. Der perfekte Mensch und die unperfekte Menschheit. Als Leth nach Kopenhagen kommt, um seinen Film vorzuführen, wirkt er sehr zufrieden. Und Lars von Trier wird richtig sauer.
"Du hast dich nicht an die Regeln gehalten. Du solltest das Elend nicht zeigen." Leth entgegnet, er habe eine elegante Lösung gefunden. Das sei es gerade, entgegnet von Trier, es gehe eben nicht um Lösungen, sondern darum zu scheitern. Er fordert Leth auf, nach Bombay zurückzukehren, den Film noch einmal zu drehen. Leth weigert sich. Das Projekt steht auf der Kippe. Da lenkt von Trier ein: Er müsse nun eine Strafe verordnen. Die Höchststrafe für den nächsten Film: "Keine Regeln."
Es gibt noch drei weitere Kurzfilme zu sehen in "The Five Obstructions", und einer ist schöner als der andere. Aber noch faszinierender als die Filme ist der Zweikampf, der sie erzeugt. In dem kreativen Duell, das Leth und von Trier miteinander ausfechten, spiegeln sich viele Grundsituationen des Lebens: Lehrer und Schüler, junge und ältere Generation, Therapeut und Therapierter, Sadist und Masochist. Doch der eigentliche Antagonismus, der in "The Five Obstructions" verhandelt wird, ist der zwischen dem Künstler und der Welt. Da ist das platonische Urbild, die Idee, die es zu wiederholen gilt: der perfekte Film. Und da sind die obstructions, die Hindernisse, welche die Außenwelt diesem Vorhaben entgegenstellt. Der Trick, den Leth und von Trier anwenden, um an das schöpferische Geheimnis des Kinos heranzukommen, ist der Ur-Kniff aller Kunstwerke: Sie übertreiben. Kein großer Regisseur würde sich auf die Regeln einlassen, die von Trier sich ausdenkt. Aber gerade durch die Art, wie Jorgen Leth sie befolgt und variiert, verrät er, daß er tatsächlich zu den Großen seiner Profession gehört. Nur eine Regel verletzt er immer wieder: "Es muß einfach Sch... werden." Das Scheitern gelingt ihm nicht.
"De fem benspand" heißt der Film im Original. Benspand ist ein Begriff aus der dänischen Fußballsprache, der das Sperren beim Spiel ohne Ball bezeichnet. Mit dem "Dogma"-Manifest hat sich Lars von Trier vor neun Jahren einen ganzen Katalog solcher Sperren ausgedacht. Jetzt legt er sie lieber anderen in den Weg. Aber immer noch ist er auf der Suche nach den Grenzen des Kinos, und es bleibt faszinierend, ihm dabei zuzuschauen. Im letzten Kurzfilm der "Five Obstructions" liest Jorgen Leth einen Text von Triers. "Deine Theorie hielt nicht stand, Lars. Deine pädagogische Mission schlug fehl. Du wolltest mich exponieren und hast dich exponiert." Besser kann man nicht sagen, warum das Experiment dieses Films gelungen ist.