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Kino : Korea leuchtet: Kim Ki-Duks Parabel "Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling"

Beim ersten Mal hat der Junge vor der Schlange noch Angst. Er zuckt zurück, dann sucht er sich eine andere Stelle zum Kräutersammeln. Am nächsten Tag ist die Schlange dann keine Bedrohung mehr. Der Junge packt sie und hält sie fest, dann bindet er ihr mit einer Schnur einen Stein um den Leib.

          Beim ersten Mal hat der Junge vor der Schlange noch Angst. Er zuckt zurück, dann sucht er sich eine andere Stelle zum Kräutersammeln. Am nächsten Tag ist die Schlange dann keine Bedrohung mehr. Der Junge packt sie und hält sie fest, dann bindet er ihr mit einer Schnur einen Stein um den Leib. Genauso macht er es mit einem Frosch und einem kleinen Fisch. Dann läßt er die Tiere frei. Sie winden und quälen sich. Der Junge lacht. Sein Lehrer und Ziehvater, ein buddhistischer Mönch, schaut von weitem der Szene zu.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der folgenden Nacht bindet der Mönch dem schlafenden Jungen einen schweren Stein auf den Rücken. Als der Junge erwacht, gelingt es ihm nicht, sich auf seine Füße zu stellen, der Stein zieht ihn immer wieder zu Boden. "Ich habe einen Fehler gemacht, Meister", jammert er. Da schickt ihn der Alte in den Wald, damit er nach den Tieren sehe. "Wenn eines von ihnen stirbt, dann wirst du dein Leben lang diesen Stein auf deinem Herzen tragen." Und so geschieht es.

          Kim Ki-Duks Film "Frühling, Sommer, Herbst, Winter...und Frühling" verbindet zwei Motive, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen: Grausamkeit und Meditation. Wer betet, tötet nicht, und umgekehrt. Aber bei Kim entwickelt sich wie selbstverständlich eines aus dem anderen: die Gewalt aus der Einfalt, das Begehren aus der Unschuld und aus dem Begehren der Mord; aus dem Mord dann die Sühne, die Strafe und schließlich die Einkehr und Erlösung. "Frühling, Sommer, Herbst, Winter...und Frühling" schlägt einen großen Bogen, und daß der Film dabei nicht aus der Kurve getragen wird, spricht für seine Qualität.

          Seit sein Spielfilm "Die Insel" (Seom) vor vier Jahren im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig lief, ist der Koreaner Kim Ki-Duk eine feste Adresse auf der Landkarte der Kinematographie. Wenn auch keine vielbesuchte. "Seom" verstörte die Zuschauer mit einer Mischung von Gewalttätigkeit und Ruhe, die man so bis dahin noch nicht gesehen hatte: ein Mann und ein Mädchen, die sich mit Angelhaken den Schlund und das Geschlecht aufschlitzen, langsam, gründlich, mit quälender Geduld; ringsum die Naturschönheit eines Lagunensees, auf dem sich Anglerfreunde oder Liebespärchen in schwimmenden Holzhütten einquartieren, um dem Stadtleben zu entfliehen. Auch "Adresse unbekannt" (Suchwiin bulmyeong), ein Jahr später in Venedig gezeigt, paßte in kein Raster: Geschichten rings um einen amerikanischen Stützpunkt in Südkorea in den siebziger Jahren, manche trostlos, andere skurril, alle mit einem bösen, lauernden Blick erzählt.

          Inzwischen hat Kim mit dem Silbernen Bären für "Samaria" auf der diesjährigen Berlinale seinen ersten bedeutenden Festivalpreis gewonnen, auch diesmal nicht zur reinen Freude der Kritiker und des Publikums. Denn die Geschichte zweier Mädchen, die als Gelegenheitsprostituierte und Kupplerin ihr Leben fristen, spielt mehr Themen an, als sie durchzuführen vermag: Freundschaft, Kindheit, Sexualität, christliches Mitleid, Vater- und Tochterliebe, Rache und Scham...Man könnte von einer ziellosen Überfrachtung der Leinwand reden, einem genialischen Allerlei, wenn Kims Filme nicht andererseits so kalt kalkuliert wären, so rigoros in ihrem Abenteurertum. Es ist, als wollte der koreanische Regisseur beweisen, daß es im Kino keine falschen Töne gibt, nur ungenaue, halbherzige, und daß man mit Bildern jeden Einfall zum Klingen bringen kann.

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