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Kino Koi ahoi!

27.10.2005 ·  Er nimmt einen Anlauf zur menschlichen Komödie und endet als Hüpfer im Gras: Doris Dörries Film „Der Fischer und seine Frau“ schleppt sich in zäher Fröhlichkeit dahin.

Von Andreas Kilb
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Wenn man begreifen will, wovon das Kino der Doris Dörrie eigentlich handelt, muß man nur die Titel ihrer Filme in die richtige Reihenfolge bringen: Männer. Geld. Ich und Er. Keiner liebt mich. Nackt. Mitten ins Herz. Paradies. Erleuchtung garantiert.

Es geht um die Einsamkeit in der Welt und das, was sie verursacht: die Trennung der Geschlechter, die Spaltung zwischen Arm und Reich, Körper und Seele, der Zweifel am eigenen Wert. Und um das Wunder, das plötzlich - allerdings nur vorübergehend - alle Wunden heilt. Den Blitz der Liebe, schockgefroren zum Bild. Denn jeder dieser Filme steckt noch halb im Labor seiner Story fest. Deshalb trägt auch keiner den Namen einer Figur oder eines Orts, keiner heißt „Pauline am Strand“ oder „Die Regenschirme von Cherbourg“.

Zwischen Frankreich und Amerika

Bei Doris Dörrie verschanzt sich die Sentimentalität in den abstrakten Formen des Planspiels. So richtig aus dem Drehbuch geschlüpft ist keine ihrer Komödien, am ehesten noch jener Episodenfilm, der als einziger die Titelfrage offenläßt: „Bin ich schön?“ Ansonsten kann man sich darauf verlassen, daß jene Erlösung im Klischee, die eins der Zaubermittel des Kinos ist, kalkuliert vermieden wird. Aber nicht dieses Kalkül ist der Grund dafür, daß Doris Dörrie noch keinen wirklich großen Film gedreht hat, sondern seine halbherzige Anwendung, das Lavieren der Geschichten zwischen französischem Ideenkino und amerikanischer Emotion.

„Der Fischer und seine Frau“ handelt von einem Paar, das sich innig liebt und dennoch von der Gier nach Geld und Ruhm zerrissen wird. Er (Christian Ulmen) kauft in Japan mit seinem Kumpel Koi-Fische für vermögende deutsche Kunden ein, sie (Alexandra Maria Lara) träumt von einer eigenen Modekollektion mit Koi-Motiven, Fleckenmustern aus Rot und Weiß und Gelb. Als Idas Traum sich erfüllt, der Wohlstand ausbricht und die Mietwohnung zum Reihenhaus, das Haus zur Villa am See wird, geht die Liebe zu Boden. Ihr Mann zieht sich mit dem gemeinsamen Baby ins buddhistische Nichtstun zurück, und im Schlafzimmer herrscht nicht einmal mehr Routine.

Zurück im alten Topf

Rings um Ida und Otto sind zwei weitere Paare gruppiert, die das zentrale Thema, den Ehrgeiz des weiblichen Geschlechts, leitmotivisch bespiegeln: der Fischdoktor Leo (Simon Verhoeven) und seine japanische Frau Yoko, der Fabrikant Wagenbach (Elmar Wepper) und seine Designer-Gattin (Carola Regnier). Und im Hintergrund dräut Grimms Märchen vom Fischer und seiner Frau, die vom König zum Kaiser, vom Kaiser zum Papst und zuletzt wie der liebe Gott werden wollte, ehe sie mit ihrem Mann wieder in den alten Topf verbannt wurde, dicht an der See.

Das alles ist hart an der Grenze zum Blödsinn, aber es überschreitet sie leider nie. Wäre der Film richtig schlecht, könnte man ihn vielleicht genießen, so aber schleppt sich der Koi-Quark in zäher Fröhlichkeit dahin. Um der Geschichte, wie man so sagt, eine zusätzliche Reflexionsebene einzuziehen, läßt die Regisseurin zwei unscheinbare einfarbige Fische als Rahmenerzähler auftreten, von denen einer zwischenzeitlich die Maserung wechselt und zum Luxus-Koi aufsteigt, wodurch die Handlung eine so unnötige wie unglaubliche Wendung nimmt. Am Ende, als wider Erwarten die Liebe siegt, verwandeln sich die sprechenden Billigfische nicht wie angekündigt in Menschen, sondern in Frösche, die quakend das Weite suchen.

So geht es auch dem Film: Er nimmt einen Anlauf zur menschlichen Komödie und endet als Hüpfer im Gras. Doris Dörrie, die zuletzt mehr als Opern- denn als Filmregisseurin tätig war, hat sich seit „Geld“ (1989) nicht mehr so verhoben. Damals, vor sechzehn Jahren, war sie in einer Schaffenskrise, heute hat sie offenbar vor lauter Umtriebigkeit keine Zeit mehr, sich auf ihr Kinotalent zu konzentrieren. So filmt sie dahin.

Quelle: F.A.Z., 27.10.2005, Nr. 250 / Seite 33
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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