04.08.2005 · In Fruit Chans „Dumplings“ kommt wahre Schönheit nicht nur von innen, sondern geht durch den Magen. Chinas Star-Schauspielerin Bai Ling kocht verjüngende Teigtaschen. Mit bestem Erfolg. Und schrecklichem Geheimnis.
Von Verena LuekenNiemals klang der Satz, daß Schönheit von innen kommt, zutreffender als aus dem Mund von Mei. Mei ist eine schöne Frau, und sie ist Köchin. In ihrer kleinen Wohnung bereitet sie nach geheimem Rezept eine ganz besondere Art jener glibbrigen Teigtaschen zu, die in der chinesischen Küche so häufig in der Suppe schwimmen wie bei uns Markklößchen. Deren Dienste für die Schönheit dürften allerdings geringer sein als die der Dumplings aus Meis Zubereitung, die für ihre verjüngende Wirkung berühmt sind. Was Mei in der Füllung verarbeitet, die zart unter jedem Biß knirscht, will niemand so genau wissen. Auch Frau Li nicht. Sie fürchtet, ihren Mann an eine junge Masseurin zu verlieren, weil sie selber älter ist, als es dem Geschmack des Gatten entspricht. Von Frau Meis Kochkünsten erwartet sie ein Wunder.
Es geht also ums Altern und wie man ihm entgeht in Fruit Chans Film „Dumplings“, dem der deutsche Verleih den betulichen Titelzusatz „Delikate Versuchung“ verpaßt hat, was zweifach in die Irre führt, könnte man doch vermuten, daß erstens die Dumplings gut schmecken und zweitens irgendwer ihrer Versuchung widerstehen könnte. Beides ist nicht der Fall. Wer die Dumplings im Vorraum zu Meis Küche, die in einem gesichtslosen Wohnblock mit unzähligen engen Behausungen irgendwo in einer unfeinen Gegend Hongkongs liegt, zu sich nimmt, ist längst dem Versprechen ewiger Jugend erlegen und interessiert sich nicht im mindesten dafür, wie die Teigtaschen schmecken, die sie ihm verschaffen sollen. Dem Gesicht von Frau Li, als sie den allerersten Bissen zu schlucken versucht, ist zu entnehmen, daß es so großartig nicht sein kann. Dazu bläst ein alter Ventilator den Mehlstaub vom Tisch, und Mei singt ein Kinderlied.
Jugendwahn
Fruit Chan hat sich hier auf ein Terrain begeben, das eigentlich dem Horrorgenre zugehört, das keine Ekelgrenzen kennt und keine Tabus. Folgerichtig war „Dumplings“, bevor ein abendfüllender Spielfilm daraus wurde, Teil eines Omnibus-Horrorfilms namens „Three - Extremes“. In der langen Fassung ist der Film nicht weniger beängstigend, und die Tabubrüche sind nicht weniger kraß. Denn die Eingriffe in die Natur, die kein Leben ohne Verfall vorsieht, folgen den archaischsten Phantasien, wie sich dieser Prozeß außer Kraft setzen ließe, und kommen daher ohne jede Wissenschaft und ohne versponnene Techniken aus. Hier wird jung, wer sich jung ißt.
Über der Welt, in der sich die Geschichte zuträgt, liegt ein geheimnisvoller Zauber. Mei, gespielt von der quirlig hexenhaften Bai Ling, ist eine Grenzgängerin, nicht nur im moralischen Sinn. Sie kommt vom chinesischen Festland, betreibt ihre Küche aber in Hongkong. Immer wieder sieht man sie mit ihren gestapelten Dumpling-Körben die Flughafenkontrollen passieren, mit einer Schmuggelware, auf die ihr früherer Beruf als Gynäkologin in der Volksrepublik mit ihrem Ein-Kind-Diktat früh schon einen Hinweis gibt. In der feinen Gesellschaft Hongkongs, zu der Frau Li, ein ehemaliger Fernsehstar, gehört, sehen wir jugendwahnsinnige Geschäftsleute wie ihren Mann (Tony Ka-Fei Leung), der sich mit der täglichen Zufuhr befruchteter Hühnereier potent erhält. Und wir begegnen den sehr dünnen, sehr jungen Mädchen, die ihm zu Diensten sind.
Ekel und Wahn als Elemente grotesker Schönheit
Eine Migrantin vom Festland also, die zunächst mittellos an den Rändern der Stadt hängenbleibt, macht das Geschäft ihres Lebens mit den dekadenten Träumen der verwestlichten Oberschicht. Daß ihre Tricks enteignet werden und Mei am Ende als Köchin nicht mehr gebraucht wird, ist eine Wendung der Geschichte, über die das chinesische Publikum noch eine Weile rätseln mag.
Frau Li, der Miriam Yeung ein allen Epochen entrücktes Gesicht verleiht, ist ein Wesen wie aus einem alten Melodram. Immer perfekt geschminkt und gekleidet in elegante Kostüme, deren Röcke die Knie bedecken, mit passenden Handtaschen, Hüten, Handschuhen und Schmuck, bringt sie eine Zeitlosigkeit in den Film, die um so beängstigender wird, je energischer Frau Li zu agieren beginnt. Bai Ling wiederum stakst auf hohen Plateausandalen, in engen Röhrenhosen und kleinen Oberteilen sehr heutig durch den Film, hockt sich breitbeinig auf den Boden ihrer kleinen Wohnung und singt, während vor den verstaubten Fenstern draußen die Züge vorbeirattern, schüttelt das wilde Haar und kann mit unerwartet kräftigen Bewegungen ein Beil schwingen und einen Teig kneten. All diese Fähigkeiten setzt sie nicht nur beim Kochen ein, sondern auch in einer ans Pornographische grenzenden Sexszene, in der sie sich nimmt, was Frau Li mit ihrer Hilfe unbedingt behalten wollte, nämlich deren Mann.
Ausstattung, Kostüme und die Arbeit des australischen Kameramanns Christopher Boyle, der auch einigen der Filme von Wong Kar-Wei ihr träumerisches, zeitenumspannendes Aussehen geschenkt hat, verleihen Fruit Chans Geschichte eine märchenhafte Aura. Ekel und Wahn werden Elemente einer grotesken Schönheit aus Licht und Farben, in der das Geschehen keineswegs unerhört erscheint. Alles löst sich auf in eine stilisierte, verführerisch elegante Oberfläche, über die immer wieder einmal Blut fließt. „Dumplings“ ist ein kalter Film, mitleidlos mit seinen Figuren, denen sich auch die Kamera nur vorsichtig nähert und die sie immer wieder einmal aus dem Bildrahmen kippen läßt. Selbst Doyle, so scheint es, will sie sich vom Leibe halten, um dann doch ganz genau hinzusehen, wenn Mei ihre Kochkunst pflegt und alles, was zu deren Vorbereitung nötig ist. Daß wir so Zeugen einer Spätabtreibung werden, muß gesagt werden, damit jeder, der das nicht sehen will, den Film meiden kann.