31.10.2003 · Mit ihrem Kinodebüt „Sie haben Knut“ beschwören Stefan Krohmer und Daniel Nocke die frühen achtziger Jahre, wie es authentischer nicht geht. Dabei waren der Regisseur und sein Drehbuchautor damals erst dreizehn, vierzehn Jahre alt.
Von Hans-Dieter SeidelWinter 1983. Die Berghütte in der dick verschneiten Tiroler Wildschönau scheint so abgelegen, daß Ingo keine Sorge haben muß, seine insgeheim gefaßten Absichten könnten durchkreuzt werden. Der Skiurlaub, zu dem er seine Freundin Nadja auf die staunenswert geräumige Hütte, die übrigens Nadjas Eltern gehört, eingeladen hat, ist nur ein Vorwand. In Wahrheit will er "ihre Beziehung diskutieren", in der offenbar vieles im argen liegt, will "sich neu einbringen" als einer, den man doch lieben können sollte. Aber mach nur einen Plan und sei ein großes Licht... Nadjas Bruder Knut hat mit seinen Volleyballfreunden auch ein paar Tage Skiferien im Sinn, und so bricht ein Haufen Menschen, die absolut nichts mit solcher "Aufarbeitung einer Beziehung" im Sinn haben, lärmend in die Zweisamkeit Ingos und Nadjas ein, kaum daß die beiden zu ersten stochernden Dialogen angesetzt haben. Die Hütte ist groß genug für alle, Ingos Grimm über die Störung aber könnte kaum größer sein.
Ski und Volleyball und die zwischenmenschlichen Schwingungen sind natürlich nicht das einzige, was die meisten dieser jungen Leute umtreibt. Sie pflegen auch ein "politisches Bewußtsein", hegen Ideale, die so scheckig, und Parolen, die so selbstgestrickt sind wie ihre Pullover, sie können sich nicht genugtun vor Betroffenheit und hüten sich vor jedem Verständnis für Andersgesinnte. Nur Knut selbst ist nicht dabei, er muß wohl irgendwie aufgehalten worden sein.
Zwölf Stunden später wird dieses "Irgendwie" konkret. "Sie haben Knut!" lautet die Schreckensbotschaft: Der Freund ist bei einer Demonstration inhaftiert worden. Sofort "etwas unternehmen"? Und wenn ja, was? Oder doch erst einmal Skikurs wie geplant? Die Diskussionen auf der Hütte sind heillos, und Ingo, der sich am liebsten aus alldem heraushielte, wird immer grimmiger, was wieder Nadja kaum gefallen kann. Überall Konfusion: in der politischen und prompt auch in der erotischen Orientierung.
"Sie haben Knut" von Stefan Krohmer (Regie) und Daniel Nocke (Drehbuch) ist ein höchst ungewöhnlicher Film. Der Zeitgeist der frühen achtziger Jahre, die das letzte Zucken der Friedensbewegung verzeichnen, wird mit einer Akribie beschworen, daß ein höherer Grad von Authentizität kaum vorstellbar ist. Dabei waren Regisseur und Drehbuchautor in jener Zeit, von der sie so eindrücklich Zeugenschaft ablegen, noch Kinder. Daniel Nocke, damals vierzehn, kultivierte immerhin schon die Meinung, "gegen Raketen-Stationierungen auf die Straße gehen und kritische Songs zur Gitarre singen zu sollen". Das hatte, weiß er heute, "sicherlich mit dem Umfeld zu tun, in dem ich aufgewachsen bin", was für Stefan Krohmer ganz ähnlich gilt: "Ich war 1983 zwölf Jahre alt und, offen gesagt, nur durch meine Mutter und ihre Freunde an der Friedensbewegung beteiligt. In der Zeit sind wir an Ostern immer mit dem Fahrrad auf die Schwäbische Alb nach Engstingen gefahren, wo angeblich Pershing-Sprengköpfe gelagert waren."
Die Argumente diffus, die Widerstandshaltung eher gestikulierend als fest - der Film ist in den Tonlagen und in der Körpersprache seines guten Dutzends Figuren, die sich Auseinandersetzungen ohne Ende liefern, im Sinn einer So-war-es-und-nicht-anders-Typisierung ebenso genau wie in seiner Ausstattung. Indoktrination trifft auf Gleichgültigkeit, fahriges Denken bewirkt Satzhülsen im Kreisverkehr. Allein die gegenseitigen Anfeindungen werden immer konkreter. Erste Absetzbewegungen gleichfalls. Keinen dieser Abziehmenschen hätte man gerne näher kennen mögen, und alle sind sie, der durchweg großartigen Darsteller wegen, auf Anhieb kenntlich. Hans-Jochen Wagner als rührend tapsiger Ingo, Valerie Koch mit einer fast somnambul trägen Nadja, Anneke Kim Sarnau, fürs Patente und die Vernunft stehend, und in der Rolle des größten Unsympaths der Autor Nocke selbst seien wenigstens genannt.
Stefan Krohmer und Daniel Nocke, beide Absolventen der Ludwigsburger Filmakademie, die sie von 1994 an besuchten, haben sich mit nur zwei Fernsehfilmen, "Ende der Saison" und "Familienkreise", sofort in die erste Reihe dieses Mediums gespielt. "Sie haben Knut" ist ihre erste Kinoarbeit, und wieder ringt die Kunst Hochachtung ab, mit der sie scheinbar unaufwendig, aber ungemein einleuchtend Figuren erstehen lassen, die keine Thesenträger sind, sondern wahrhaftige Menschen, und die nicht zur Belustigung in ein Gehege gestellt werden, sondern selbst darauf kommen dürfen, wo es bei ihnen hakt. So ist ein Film entstanden, der einen eng begrenzten Erfahrungshorizont beschreibt und trotzdem nie hermetisch wirkt. Womit spätestens jetzt der Kameramann Benedict Neuenfels gerühmt werden muß, der nicht nur die Tiroler Bergwelt von aller Schneeidylle freihalten kann, sondern entscheidenden Anteil hat, daß die Klaustrophobie der gedanklichen Engführung dieser Menschen in fast jedem Bild körperlich spürbar wird.