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Kino Kammerspielartig schmal und doch groß: „Koktebel“

19.08.2004 ·  "Koktebel", auf der Berlinale zu sehen und nun in bescheidener Kopienzahl im Verleih, gehört zu jenen neuen russischen Filmen, die wiederentdecken, daß alle wichtigen Fragen des Daseins offen sind.

Von Hans-Jörg Rother
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Ratlos verharrt der Junge an einer Kreuzung im Schlamm versinkender Feldwege. Er ist dem Vater davongelaufen, der mit ihm irgendwann aus Moskau aufbrach, nach dem Tod der Mutter, arbeitslos geworden. Unterwegs hat man im Haus einer Landärztin eine Bleibe gefunden, ein warmes Nest für den nahen Winter. Doch der Elfjährige behält das Ziel fest im Auge: die Tante in Koktebel, einer Stadt auf der Krim, die unter Stalin, der die Erinnerung an die umgesiedelten Tartaren auslöschen wollte, in Planerskoje umbenannt wurde. In der Nähe soll ein großer Segelflugplatz sein. Dort begann einst die Laufbahn des Vaters als Flugzeugkonstrukteur.

Vom Segeln und von Albatrossen hat der Junge, dessen Namen wir ebensowenig erfahren wie den des Vaters, viel gehört und geredet. In der Dämmerung kommt ihm eine Herde Schafe entgegen, denen Hirt und Hund abhanden gekommen zu sein scheinen. Wie vertraut streift er die blökenden Tiere. Wenig später wird er am Schwarzen Meer stehen und auf den Hügel steigen, wo kein Segler mehr startet. Er spannt im Wind einen Bogen Papier auf, als sei es ein Flügel. In der Nacht, die Tante ist verreist, schläft er am Strand, eine Pritsche als Unterlage, einen Sonnenschirm als Decke. Als er am Morgen darauf am Wasser hockt, setzt sich der Vater neben ihn. Schweigend blicken beide auf die leere See.

Die vergessene Kamera

Diese letzte Einstellung dauert nur wenige Sekunden - im Gegensatz zu den langen Kamerablicken, mit denen der Debütfilm von Boris Chlebnikow und Alexej Popogrebskij beginnt. Inszeniert wurde die kammerspielartig schmale und doch große Geschichte an Originalschauplätzen in der Ukraine. Das Prinzip des Kameramanns Sándor Berkesi ist es, stets ein wenig länger auf den Handlungsort und auf Details zu schauen als unbedingt notwendig. "Die vergessene Kamera" nennen die jungen Moskauer Regisseure dieses dokumentarische Prinzip, über dem sie die dramatischen Momente freilich nicht versäumen.

"Koktebel", der bei uns erstmals im Forum der Berlinale lief und nun in bescheidener Kopienzahl im Verleih ist, gehört zu jenen neuen russischen Filmen, die wiederentdecken, daß alle wichtigen Fragen des Daseins offen sind. Das Leben wird nicht mehr von einer alles regelnden Ordnung eingeschnürt, der einzelne muß selbst seinen Weg suchen. Das Land scheint zu verrotten, wofür die vernachlässigten Felder stehen, oder aber im Taumel des Vergnügens Vergessen zu suchen, was die kurzen Streiflichter vom Müßiggang auf der Krim andeuten sollen.

Wo die gewohnten Sicherheiten nicht mehr gelten

Die Autoren sehen in der Freiheit eine Chance, jenseits der breiten, aber nicht unbedingt mehr sicheren Verkehrswege zu einem eigenen Ziel zu gelangen. Links und rechts dieses Pfades entdecken sie manche Vergessenen, die weiterhelfen können: den Gleisarbeiter, der den im Güterwaggon Aufgespürten einen Schuppen zum Übernachten aufschließt und sein Essen mit ihnen teilt, die Landärztin, die Vater und Sohn zum Bleiben auffordert, den hartherzigen Hausbesitzer, der betrunken Lyrik zitiert und vom Alkohol schon zerstört ist - ein groteskes Beispiel des psychischen Verfalls jenes Rußlands, vor dem die Hauptfiguren auf der Flucht sind.

Auch auf der Krim werden sie, wieder vereint, den Raum der Freiheit nicht finden, weil es ihn nicht gibt. Aber er füllt sie aus und verlangt nach Bewegung, nach Traum und jener geistigen Anspannung, die den Elfjährigen an sein Ziel geführt hat. Gleb Puskepalis als Sohn zeigt wunderbar, wie nahe ein Junge dieses Alters einem Verlangen sein kann, das später leicht den Verhältnissen, dem Vorankommen geopfert wird. Die Sorge um diesen Verlust, aber auch das Wagnis trotz alledem, sind auf dem Gesicht von Igor Tschernewitsch als Vater ablesbar. Anders als in Andrej Swjaginzews Film "Die Rückkehr" zieht hier der Sohn den nicht ohne Grund zaudernden Vater hinter sich her. Aber beide Geschichten stoßen den Zuschauer in einen filmischen Raum, in dem die gewohnten Sicherheiten nicht mehr gelten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2004, Nr. 193 / Seite 38
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