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Kino in der Provinz Die goldenen Jahre enden nie

 ·  In Quernheim, Deutschlands kleinstem Kinoort, stellt sich die „Lichtburg“ mit Musikbox, Korn und Koteletts der digitalen Zukunft. Der Betreiber glaubt an seine Chance. Wenn alles so bleibt wie seit 1952.

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Die Städte und Ortschaften entlang der Bundesstraße werden kleiner, die Weiden und Felder größer, mit jedem der vierzig Kilometer riecht es zunehmend nach goldenem Raps, Frühling und Kuhmist. Osnabrück, Bohmte, Lemförde, das Ziel dieser Fahrt ist die Bauernschaft Quernheim, eine idyllische Komposition aus Backsteinhöfen, Schotterstraßen, Treckern und Pferden. Der kulturelle Mittelpunkt eines niedersächsischen Musterdorfes wie Quernheim sollte im Normalfall der Zigarettenautomat sein, an dem sich Pappelweg und die schmale Straße „Kniepenort“ kreuzen. Nicht mal einen Kiosk gibt es hier, doch nach Quernheim, das 465 Einwohner zählt, reisen Cineasten und Schauspieler. Das Dorfkino zählt in guten Zeiten bis zu tausend Besucher pro Woche. Das ist Fuchs zu verdanken.

„Fuchs, Kundschaft!“, ruft der einem Korngläschen zugewandte Gast an der Theke. Treppengeräusche. Karl-Heinz Meier, die Leute nennen ihn „Fuchs“, begrüßt den Gast. Der Duft von Popcorn ist in die Wände und Lederpolsterungen an den Türen eingezogen wie der Geruch von Weihrauch in die Steinmauern eines Doms. Eine „Elvisecke“ ist dem schwarzweißen Schmollmund, der hier nicht altern will, gewidmet. Fuchs wirft fünfzig Pfennig, ja: Pfennig, in eine Musikbox, sie spielt ächzend: „Are you lonesome tonight“. Eine Wanduhr tickt gemütlich, Luftbläschen steigen die neongelb beleuchteten Wassersäulen der Musikbox empor, Vogelgezwitscher drängt durch die offene Eingangstür vorbei am Kassenhäuschen, das seit mehr als fünfzig Jahren so ist, wie es ist. In der „Kussecke“ hängen über einem Zweiertisch die großen Küsse der Filmgeschichte.

Das Kino muss Kino bleiben

Gründungsjahr 1952; das hier ist ein Museum. Für ein Filmmuseum aber ist die Ortschaft Quernheim zu klein, das Kino muss und soll Kino bleiben. Immer schon mussten die Meiers in neue Technik investieren, bessere Projektoren, ein Dolby-Surround-System, einen modernen, zweiten Saal. Doch jetzt stehen größere Investitionen an, sechzigtausend Euro. Die digitale Kinozukunft, die bis 2013 für alle deutschen Kinos Gegenwart sein soll, werde zudem die Unterhaltskosten in die Höhe treiben, befürchtet Meier. Der Betreiber redet nicht so gern darüber.

Fuchs, der einen ordentlichen Strickpullover trägt, ist jedoch Optimist. Auch wenn andere Kinos schließen müssten, sagt er, „uns wird es immer geben“. Er sagt: immer. „Der Stellenwert eines Kinos wird den Leuten erst bewusst, wenn es geschlossen hat.“ Er hat gefunden, wonach er wühlte, blättert jetzt hinter dem Tresen in der Kinokneipe in Fachzeitschriften und kopiert schnell einen Artikel aus der „Filmwirtschaft“ über aktuell diskutierte Förderprogramme für die kleinen Filmtheater.

Schaukästen mit Filmplakaten

Von außen unterscheidet sich die Lichtburg nur durch einen blassgelben Leuchtschriftzug und einige Schaukästen mit Filmplakaten von den roten und braunen Klinkerhöfen ringsum. Das Gebäude wurde mehrfach erweitert, so wie die Holzkirchen des frühen Mittelalters schrittweise zu Kathedralen anwuchsen. Ein kleines Schild am Hintereingang weist darauf hin, was es hier noch so gibt: „Open-Air-Kino / Schießhalle“. Das Wort „digitale Filmtechnik“ passt hierher so gut wie ein USB-Stick in die Musikbox.

Karl-Heinz Meier hat sich eine Grundgelassenheit angewöhnt. Er hängt an seinem Kino, aber nicht an der Vergangenheit. Gern betont er all das Positive, was der Digitalfilm mit sich bringen werde: Alte Filmklassiker ließen sich besser konservieren, aus den gesunkenen Kopierkosten könnten die Verleiher einen Fonds bilden und auch Dorfkinos fördern. Auch darüber gab es irgendwo einen Artikel. Fuchs sucht ihn, kopiert. Neben der Theke hängen Schwarzweißaufnahmen der Lichtburg. 1952, 1960. Der Vater von Fuchs, auch ihn nennen die Quernheimer Fuchs, hat sie gemacht. Manchmal steht der alte Herr Meier mit seinen zweiundneunzig Jahren heute noch selbst am Tresen, zapft Pils und erzählt vom Krieg und von den Nachkriegsjahren in Quernheim. In diesem Gebäude war eine Besamungsstation für Rinder, einmal pro Woche kam das Wanderkino, und weil Fritz Meier so schön Akkordeon spielte, kamen schnell 200 Besucher, während die anderen Dörfer ringsum keine hundert zählten. Am ersten Weihnachtstag 1952 eröffnete das Kino mit einem festen Saal.

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