09.04.2005 · Todd Solondz ist der Mann für die Psychopathologie des amerikanischen Alltags. Sein neuer Film „Palindrome“, der vom Wunsch eines zwölfjährigen Mädchens erzählt, um jeden Preis schwanger zu werden, kommt am Donnerstag ins Kino. Ein Gespräch.
Todd Solondz ist seit Jahren der Mann für die Psychopathologie des amerikanischen Alltagslebens. Seit sein Film „Welcome to the Dollhouse“, die so grausame wie komische Geschichte eines heranwachsenden Mädchens, 1995 in deutsche Kinos kam, hat der Regisseur immer wieder Filme gemacht, bei denen einem regelmäßig das Lachen im Hals steckenbleibt. Filme wie ethnographische Studien über die Grausamkeiten des Erwachsenwerdens, über die emotionalen Wüsten und die verdrängten Sehnsüchte und Lüste in der amerikanischen Provinz.
Solondz, 45, der Rabbi werden wollte, bevor er sich zum Drehbuchschreiben entschloß, lebt in New York. Sein neuer Film „Palindrome“, der vom Wunsch eines zwölfjährigen Mädchens erzählt, um jeden Preis schwanger zu werden, kommt am Donnerstag ins Kino. Mit Solondz sprach die Schriftstellerin Sigrid Nunez.
Sie haben sich dafür entschieden, die Hauptrolle des Mädchens Aviva mit acht verschiedenen Schauspielern zu besetzen. War das von Anfang an der Plan?
Ja, es hat mich sehr gereizt, obwohl ich wußte, daß ich damit ein enormes Risiko eingehe. Das hat bislang noch niemand gemacht. Die Reaktion vieler Leute auf Dawn Wiener, die Hauptfigur in „Welcome to the Dollhouse“, hat mich auf diese Idee gebracht. Die unterschiedlichsten Leute sagten nach dem Film alle dasselbe: „Das bin ich! Ich war genau wie Dawn Wiener!“ Daraufhin habe ich mich gefragt, wie es denn wäre, einen Charakter zu schaffen, der von sehr unterschiedlichen Schauspielern dargestellt wird; was das bedeuten würde für die Identifikation des Publikums mit diesem Charakter. Aber da ist noch mehr. Ich hatte die paradoxe Vorstellung, daß Aviva am Ende ein ausgeprägterer und präziserer Charakter sein würde, gerade weil sie von verschiedenen Darstellern gespielt wird, als wenn ich sie in konventioneller Weise angelegt hätte. Aber mir gefiel auch das Magische an diesem erzählerischen Mittel. Ich wollte mir bei diesem Film, den ich als eine Art Fabel verstehe, alle Freiheiten der Imagination nehmen.
Das ist merkwürdig, ja paradox. Sie wollten mit verschiedenen Schauspielern arbeiten, um einen zentralen Aspekt des Films klarzumachen: Daß sich Aviva am Ende überhaupt nicht verändert hat?
Genau. Ich wollte von allen Schauspielern - einem sechsjährigen Mädchen, zwei heranwachsenden Mädchen, einem heranwachsenden Jungen und zwei erwachsenen Frauen - dieselbe Qualität von Unschuld und Fragilität. Am Ende ihrer manchmal grausamen Abenteuer bleibt Aviva dasselbe Mädchen. Das heißt nicht, daß sie sich gar nicht verändert hätte. Aber der Kern ist identisch. Sie ist noch immer das verletzliche Mädchen auf der Suche nach Liebe, sie ist genauso unschuldig wie am Anfang.
Ihr Film „Welcome to the Dollhouse“ wird zu einem Teil der Geschichte von „Palindrome“. Der Film ist Dawn Wieners Andenken gewidmet, er beginnt mit ihrer Beerdigung, Aviva ist Dawns Cousine, zudem tritt Dawns Bruder Mark auf und hält eine überladene Rede über die menschliche Natur und über die Grenzen unserer Fähigkeit zur Veränderung - eine Rede, die viele Zuschauer als Ausdruck Ihrer Position verstehen werden. Stimmt das?
Nicht ganz. Ich teile die meisten seiner Ansichten, aber für mich klingen sie nicht so trostlos und verhängnisvoll. Klar, freier Wille und Wahlfreiheit mögen Illusionen sein, aber es kann auch befreiend sein, die eigenen Schwächen und Grenzen zu akzeptieren. Wie auch immer: Die Wieners gehörten in den Film. Ich saß da, schrieb noch eine Geschichte über ein junges Mädchen, das der Heldin in „Welcome to the Dollhouse“ sehr ähnelt, und hatte das Gefühl, ich könnte das nicht einfach ignorieren. Ich mußte mich mit den Wieners beschäftigen, um sie hinter mir zu lassen.
Abgesehen von solchen Einflüssen aus Ihrem eigenen Werk, habe ich in „Palindrome“ auch Echos aus „Der Zauberer von Oz“, „Die Nacht des Jägers“ oder „Alice im Wunderland“ gespürt. Gibt es weitere Einflüsse?
Ich habe auch an „Gullivers Reisen“ gedacht. Wenn man sich auf eine lange Reise begibt und in einer fremden Welt ankommt, wo alle ganz anders sind als man selbst. Oder an Huckleberry Finn. Aber Vorsicht - ich habe daran gedacht und mich darauf bezogen, wie ich an Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ dachte, als ich „Happiness“ drehte. Das ist etwas anderes, als zu behaupten, „Palindrome“ sei von irgendeinem dieser Filme und Bücher beeinflußt. Das war er nicht. Zumindest nicht auf eine bedeutsame Weise.
Da ist etwas, was mich sehr überrascht hat: Obwohl es sehr komische Szenen in „Palindrome“ gibt, finde ich, daß deutlich weniger Humor in ihm steckt als in Ihren anderen Filmen. Er ist noch immer eine Komödie, aber...
Sie haben recht. Da ist weniger Humor. Der Film ist weniger Komödie. Ich sehe „Palindrome“ als meinen bislang traurigsten Film, aber auch als den bislang zärtlichsten.
Viele werden sich vermutlich aufregen über die Rollen, die von behinderten Kindern gespielt werden, vor allem wenn diese Kinder christliche Rockmusik für eine Lebensschützerorganisation spielen.
Sie können sich nicht vorstellen, wie gerührt ich war, als wir diese Szenen gedreht haben. Mir standen die Tränen in den Augen, weil diese Kinder mit soviel Stolz und Freude agierten.
Sie sind großartig.
Ja, und daß einige Leute glauben, ich hätte sie benutzt, um groteske Effekte zu erzielen, schmerzt mich sehr.
Ich hatte, als ich den Film sah, eher den Eindruck, das Publikum sei verwirrt. Vor allem über die zwiespältige Haltung zur Abtreibung.
Diese Zwiespältigkeit können die Leute nicht leiden, nicht wahr? Keine von beiden Parteien.
Ich muß an Ellen Barkins Statement auf der Pressekonferenz in Venedig denken. Sie hat gesagt, wenn ihre eigene zwölfjährige Tochter schwanger wäre, würde sie sie schreiend zu einer Abtreibung zerren. Das hat die Lebensschützer natürlich wahnsinnig aufgebracht. Ehrlich gesagt, ich fand es in dem Moment unglaublich bizarr und erschreckend, so etwas zu sagen.
Sie hat nur gesagt, was in ihr vorging.
Ich habe den Eindruck, „Palindrome“ wird den Vertretern der Wahlfreiheit noch mehr Kopfzerbrechen bereiten als den Lebensschützern. Und vermutlich wird das Publikum der Geschichte auch nicht eindeutig entnehmen können, wie Sie persönlich zur Abtreibung stehen, und das wird das Urteil über den Film sicher beeinflussen.
Zunächst einmal handelt „Palindrome“ überhaupt nicht vom Thema Abtreibung oder von irgendeinem anderen Thema. Es geht um Charaktere und um eine Geschichte, die ich für sie erfunden habe. Indem ich diese Geschichte erzähle, erkunde ich, was einem Mädchen zustößt, welches aus einem Bedürfnis nach Liebe den überwältigenden Wunsch entwickelt, Mutter zu werden. Wir erleben, wie ihre Eltern darauf reagieren, als sie erfahren, daß sie schwanger ist, und wir sehen später, was verschiedene andere Leute von dieser Reaktion halten. Diese einander widersprechenden Perspektiven waren für mich als Filmemacher gleichermaßen der Untersuchung wert. Wie ich selber nun zur Frage der Abtreibung stehe, ist etwas völlig anderes. Hätte ich meinen Standpunkt klar und völlig unzweideutig zum Ausdruck gebracht, wäre der Film für mich viel uninteressanter geworden. Und es wäre auch zu einfach gewesen. Es hätte dem Publikum die Spannung genommen. Ein liberales Publikum wie das, mit dem Sie zusammen den Film gesehen haben, würde einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen und sagen: Okay, er zeigt uns auch die andere Seite, aber er ist auf der „richtigen“ Seite. Auf unser Seite. Ich hatte bloß überhaupt kein Interesse daran, die eine Position als die richtige und die andere als die falsche zu zeigen. Ich weiß, daß eine Menge Leute das beunruhigend finden. Aber ich mache keine Filme, damit die Leute hinterher rausgehen und sich gut oder besser als zuvor fühlen oder damit sie sich in ihren Vorurteilen oder Meinungen bestätigt sehen.
Was ist das für ein Gefühl, zu wissen, daß Sie ein derart polarisiertes Publikum hinterlassen? Empfinden Sie die Kontroversen, die bei Ihren Filmen immer entstehen, die einander widersprechenden Urteile als größeres Kompliment für Ihre Arbeit als ein einhelliges Lob?
Ich wünschte, es wäre so. Aber es wäre nicht ehrlich, das zu behaupten. Die Attacken und die Verrisse verletzten mich ziemlich. Vielleicht kann eine andere Person sagen, das beweise, daß ich meine Arbeit tue - ich kann es nicht. Und daß man mir vorgehalten hat, daß ich mir vorsätzlich bestimmte Themen aussuche, um zu schockieren und extreme Reaktionen zu provozieren und mir auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, das ist schlicht und einfach falsch. Ich genieße die Kontroversen oder Attacken überhaupt nicht. Ich möchte, daß die Leute meine Filme mögen und gut über sie reden. Ich wünsche mir Lob und Respekt, wie jeder andere auch.
Pedro Almodóvar hat kürzlich gesagt, er hielte sich in seinen Filmen für ehrlicher, ernster und klarer, als er es im Leben sei. Ist das, was wir auf der Leinwand sehen, mehr Todd Solondz als der Mensch, der mir gerade gegenübersitzt?
Meine Filme fangen Dinge ein, die sich mir in meinem realen Leben womöglich entziehen. Das ist nichts Bewußtes. Ich reserviere nicht bestimmte Teile meiner Person für mein Werk. Im übrigen ist alles, was auf der Leinwand von mir erscheint, codiert und nie explizit. Man könnte daher sagen, es entziehe sich mir immer noch oder sei maskiert.
Da sind wir bei der Geheimniskrämerei. Ich weiß, daß Sie es sich zur Gewohnheit gemacht haben, kein Wort über Ihr nächstes Projekt zu sagen. Sie geben immer die Standardantwort: Mal sehen. Eines aber wissen wir zumindest, weil Sie gesagt haben: Jede Geschichte, die sich zu erzählen lohnt, ist eine Liebesgeschichte. Ich nehme mal an, Sie glauben immer noch daran.
Davon werde ich immer überzeugt sein.
Das Gespräch führte Sigrid Nunez. Die Schriftstellerin wurde 1961 als Tochter eines chinesisch-panamaischen Vaters und einer deutschen Mutter in New York geboren. Sie ist derzeit „Berlin Prize Fellow“ an der American Academy in Berlin. Ihr neuer Roman „The Last of Her Kind“ erscheint Anfang 2006 in Amerika; auf deutsch erschien zuletzt von ihr im Luchterhand-Literaturverlag „Für Rouenna“ (2002).