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Sonntag, 12. Februar 2012
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Kino Höllensturz ins Kunstgewerbe: Alexander Sokurows Film "Vater und Sohn"

12.08.2004 ·  Alexander Sokurow ist ein großer Kinomaler. In „Russian Ark“ hat er die dreihundertjährige Geschichte von St. Petersburg in ein neunzigminütiges Bild hineingetuscht, und in „Vater und Sohn“ nun soll der in gut zweitausend Jahren gereifte Metaphernvorrat eines christlichen Urmotivs in denselben engen Zeitraum gepreßt werden.

Von Andreas Kilb
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Einer der großen Vorteile des Kinos vor allen anderen Künsten ist seine zeitliche Progression. Sie setzt allen Versuchen, die Bilder auf der Leinwand mit Absichten zu überfrachten, eine klare Grenze. Einzelne Bilder kann man beschriften, verfremden, raffen, dehnen - aber nicht die Minuten, die vergehen. Was in der Malerei im Raum funktioniert, zerschellt im Kino in der Zeit. Deshalb kommen wir aus Filmen, die besonders klug und kunstvoll sein wollen, manchmal dümmer als zuvor: weil nicht einmal das Gewebe, das die Intention tragen sollte, wirklich sichtbar geworden ist, geschweige denn diese selbst. Bei Greenaway konnte man zuletzt diese Erfahrung machen, und in Sokurows "Vater und Sohn" wiederholt sie sich.

Alexander Sokurow ist ein großer Kinomaler. In "Russian Ark" hat er die dreihundertjährige Geschichte von Sankt Petersburg in ein neunzigminütiges laufendes Bild hineingetuscht, und in "Vater und Sohn", dem zweiten Teil einer 1997 mit "Mutter und Sohn" eröffneten Familientrilogie, will er den über zweitausend Jahre gereiften Metaphernvorrat eines christlichen Urmotivs in denselben engen Zeitraum zwängen. Sein Vaterdarsteller, ein an Pierre Brice gemahnender Schönling (Andrej Schtschetinin), und dessen Sohn (Alexej Neymyschew) hausen in einer Dachwohnung über dem Meeresufer, also im Himmel; nur wenn sie herunterkommen, verstricken sie sich in die Wirrsal der Welt, Liebe, Krieg, Freundschaft, Verrat und Versuchung. Beide sind Soldaten, aber nicht von der Armee Gottes; beide begehren, aber man weiß nicht genau, wen. Der Film ist zur Hälfte in Lissabon und Sankt Petersburg gedreht, er mischt das Licht des Südens mit der Luft des Nordens, und so sind auch seine Zitate seltsam gemischt - hier ein Verweis auf Murnaus "Sunrise", dort einer auf Buster Keaton, eine Pieta wie von Michelangelo, eine Straße wie von Balthus, ein Kriegsbild wie vom frühen oder ganz späten Godard. Man schaut in eine Botanisiertrommel, ohne daß klar würde, was und zu welchem Zweck hier botanisiert wird. Ist es ein Märchen, das an uns vorbeidröhnt? Eine russische Allegorie? Eine "education homosexuelle"? Eine Elegie auf die Pubertät? Oder die Pubertät einer Elegie?

All das könnte man vielleicht genauer erkennen, wenn Sokurows Film je zu der Klarheit gelangen würde, die jedes einzelne der von ihm zitierten Kunstwerke besitzt. Aber "Vater und Sohn" bleibt in pompösen Andeutungen stecken. Der Film hat, wie alles, was Sokurow gedreht hat, ein paar visionäre Einstellungen, Sekundenbilder von blitzender Schönheit, aber auf die Dauer wirkt er so monoton wie ein Leierkasten, dessen Klänge man anderthalb Stunden lang anhören muß. Die quäkende Pseudo-Tschaikowsky-Musik von Andrej Sigle tut ein übriges, um diese Zeitspanne noch länger erscheinen zu lassen. Wie man von Vätern und Söhnen zugleich sinnlich und allegorisch erzählt, hat Andrej Swjagintsew in "Die Rückkehr" meisterhaft vorgeführt. Bei Sokurow kann man die Kehrseite des russischen Kinowunders miterleben, den Höllensturz ins Kunstgewerbe. Zum Glück ist auch diese filmische Gespreiztheit nach neunzig Minuten vorbei.

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