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Kino Himmel ohne Sterne: Joseph Vilsmaier verfilmt Stifters Erzählung "Bergkristall"

18.11.2004 ·  Bei Stifter, im Erzählzyklus „Bunte Steine“, gibt es den Bergkristall nur im Titel. In Vilsmaiers Film dagegen ist er das Hauptmotiv der Geschichte: ein Stein, für den man, wie es heißt, seine Seele hergeben muß, weil er die Seele des Berges ist.

Von Andreas Kilb
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Vor einem halben Jahrhundert erregte ein bis dahin unbekannter Mitarbeiter der „Cahiers du Cinema“ großes Aufsehen in der französischen Filmszene. Der Mann hieß Francois Truffaut, und er hatte einen Essay mit dem Titel „Eine gewisse Tendenz im französischen Film“ geschrieben - eine giftige, aber nicht geifernde Polemik gegen das „cinema de qualite“, das „Qualitätskino“, das zu jener Zeit in Frankreich besonders erfolgreich war. Es ging, genauer gesagt, um eine bestimmte Sorte von Literaturverfilmungen, für die das Autorengespann Pierre Bost und Jean Aurenche verantwortlich zeichnete, zwei hochgeschätzte Drehbuchschreiber, die von Colette über Gide bis Bernanos so ziemlich alles bearbeiteten, was damals auf dem Buchmarkt war. Truffaut warf ihnen „ständiges und überlegtes Bemühen um Untreue gegenüber dem Geist wie dem Buchstaben“ der Romane vor und und geißelte ihren psychologischen Kinorealismus, der „weder real noch psychologisch“ sei. Fazit: „In Wirklichkeit machen Aurenche und Bost die Werke, die sie adaptieren, fader.“ Es gab ein mächtiges Gemurmel in der Branche, aber fünf Jahre später gewann Truffaut mit seinem Debütfilm den Preis der Jury in Cannes, während Bost und Aurenche unterwegs ins Vergessenwerden waren.

Was hat das alles mit Joseph Vilsmaiers Verfilmung von Adalbert Stifters Erzählung „Bergkristall“ zu tun? Sehr viel. Denn wenn es einen Vorkämpfer des sozusagen nachklassischen Qualitätskinos in Deutschland gibt, dann ist es Vilsmaier, der von „Herbstmilch“ bis „Marlene“ eine beeindruckende Folge von geistig-moralisch abgepolsterten Konsensfilmen vorgelegt hat, vollständig mit Schlachtgemälde (“Stalingrad“), Begleitkapelle (“Comedian Hamonists“) und Volksbelustigung (“Rama Dama“). Der deutsche Film der neunziger Jahre wäre nicht denkbar ohne Vilsmaiers Leinwandvarietäten, die gleichsam immer die onkelhafte Kehrseite der Neffenphantasien eines Sönke Wortmann oder Rainer Kaufmann und anderer Jungregisseure offenbarten. Und wenn es, andererseits, einen Dichter gibt, dessen Prosa sich hartnäckig gegen den psychologisierenden Zugriff des Kinos sträubt, dann ist es Stifter.

Vilsmaier aber hat sich Stifters „Bergkristall“ vorgenommen, das vierte Stück aus dem Erzählungszyklus „Bunte Steine“, der 1852 erschienen ist und dessen Teile allesamt Namen von Berggesteinen tragen, „Granit“, „Kalkstein“, „Turmalin“ und so fort. Bei Stifter, um damit anzufangen, gibt es den Bergkristall nur im Titel, bei Vilsmaier dagegen ist er das Hauptmotiv der Geschichte - ein Stein, für den man, wie es heißt, seine Seele hergeben muß, weil er die Seele des Berges ist, und von dem der Vater den Kindern in langen Winternächten erzählt. Gleich am Anfang des Films thront er, schön eingefaßt, auf dem Fensterbrett des Pfarrhauses, in dem der Pastor (Max Tidof) einer Skiurlauberfamilie (Katja Riemann, Herbert Knaup) ein altes Märchen vorliest, um die Wartezeit bis zum Beginn des Liftbetriebs zu verkürzen.

Das Märchen ist von Stifter, aber die Rahmenhandlung, deren Optik aus dem Katalog der Skireiseveranstalter stammt, bringt es von vornherein um seine Wirkung. Denn das alles ist ja lange vorbei. Daß man sich auch im Zeitalter der Satellitentelefone immer noch mächtig am Berg verlaufen kann, hat vor ein paar Monaten Kevin Macdonalds Film „Sturz ins Leere“ gezeigt, aber Vilsmaier und sein Drehbuchautor Klaus Richter stellen ihren Stoff lieber gleich zu den Erinnerungsstücken ins Eichenregal, wo er ebenso prachtvoll wie unantastbar erscheint. Daß er nur im Gegenteil allzu antastbar ist, beweisen dann die folgenden knapp neunzig Minuten.

Worum es bei Stifter geht, begreift man am besten, wenn man einen Satz aus der Vorrede zu den „Bunten Steinen“ liest: „Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau emporschwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge emportreibt und auf den Flächen der Berge hinabgleiten läßt.“ Stifter aber erzählt nie von der Lava, nur von der Milch. Es gibt nichts Großes bei ihm, außer dem Kleinen. Zwei Kinder verlaufen sich an Heiligabend auf dem Weg von einem Alpendorf ins andere, verbringen eine Nacht am Gletscher und werden gerettet. Das ist nichts. Das ist alles. Dort oben, heißt es einmal, wären die Kinder zuletzt doch in den Todesschlaf gesunken, „wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welche im Stande war, dem Schlafe zu widerstehen“. Von solchen Kräften müßte die Verfilmung handeln: inneren wie äußeren.

Vilsmaier aber stellt lieber ein paar bunte digitale Lichtlein in den Fels, und sein Drehbuchautor Richter schreibt ein paar bunte Ideen in die Geschichte hinein, weil man „einige epische Momente dramatisieren“ müsse, um „das ganz besondere Feeling des ,Es war einmal'“ zu erzeugen. So kommt es, daß man in dem Film eine Ehekrise zwischen den Eltern der Kinder sieht, von der bei Stifter keine Rede ist, und einen Boykott gegen den Dorfschuster, dessen Geschäfte bei Stifter florieren. Und viele glitzernde Bergkristalle. Und keine Sterne. Im Presseheft wird über die Dreharbeiten zu „Bergkristall“ mitgeteilt, Vilsmaier habe sich entschlossen, die Nachtszenen bei Tage zu drehen, weil es „sinnlos und gefährlich“ gewesen wäre, im Gebirge mit Scheinwerfern zu arbeiten. So bleibt selbst die Beschreibungsqualität der Filmbilder hinter der Vorlage zurück. Nur an den Kinderdarstellern Josefina Vilsmaier (der Tochter des Regisseurs) und Francois Göske findet die Geschichte für kurze Augenblicke einen Halt, dann sinkt sie wieder in ihr ödes Bebilderungsparlando zurück.

Über die Adaptierer Aurenche und Bost schreibt Truffaut, sie behandelten ihre Vorlagen „ähnlich einem Delinquenten, den man umzuerziehen glaubt, wenn man ihm Arbeit verschafft“. Vilsmaier und Richter spannen Stifters Erzählung in einen Rahmen, der sie zum Sprechen zwingen soll. Aber der Dichter rächt sich. Er schweigt.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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