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Kino Gottes Gitarre: "School of Rock" von Richard Linklater

06.02.2004 ·  Es ist kein kleines Kunststück, die "Feuerzangenbowle" und die "Blues Brothers" nicht nur unter einen Hut, sondern so zur Deckung zu bringen, daß an keiner Stelle eine Ecke herausschaut. Der amerikanische Regisseur Richard Linklater kann von sich sagen, daß es ihm gelungen ist.

Von Edo Reents
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Es ist kein kleines Kunststück, die "Feuerzangenbowle" und die "Blues Brothers" nicht nur unter einen Hut, sondern so zur Deckung zu bringen, daß an keiner Stelle eine Ecke herausschaut. Richard Linklater kann von sich sagen, daß es ihm gelungen ist, und zwar nicht trotz, sondern wegen eines Drehbuchs von Mike White, das alles andere als originell ist. Zutiefst amerikanisch kommt einem die Dramaturgie von "School Of Rock" vor, in der ein musikalisch, aber eben nur musikalisch ambitionierter Wohngemeinschaftsmitbewohner an der Grenze zum Sozialschmarotzertum als Leadgitarrist aus seiner Amateurband geschmissen wird, sich unter falschem Namen als Lehrer in eine Privatschule einschleicht und seine Klasse so gehörig aufmischt, daß aus altklugen Strebern gewitzte, inspirierte Schüler werden, die nur noch eins im Kopf haben: Rock'n'Roll.

Ein schönes Thema, das man leicht kaputtmachen kann. Linklater wußte vermutlich um die Gefahr, daß dieser Stoff rasch ins Klamottige abrutscht, wenn man allzu fest auf Pointen und Gags vertraut. So benutzt er die Muster, um die man bei diesem Genre kaum herumkommt, um eine Geschichte von Verlierertum und Aufstiegssehnsucht zu erzählen, die vertraut und vielleicht sogar etwas abgestanden wirkt, die es ihm in ihrer Konventionalität aber ermöglicht, den emotionalen Kern, der unter der vermeintlich rauhen Schale der Rockmusik steckt, bloßzulegen, ohne sich über ihn lustig zu machen. Im Gegenteil, ein angenehmer Ernst geht, bei aller Komik, von der Sache aus. Das ist selten im Kino und im Musikfilm bisher wohl erst einmal passiert: in Alan Parkers "Commitments" Anfang der neunziger Jahre.

Ästhetisch wirkt auch "School Of Rock" nicht jünger. Es ist das gediegene, immer ein wenig blasierte Milieu reicher amerikanischer Schulen mit gutangezogenen, schlauen Insassen (und einer wunderbaren Joan Cusack als Direktorin), wie wir sie aus Peter Weirs "Club der toten Dichter" kennen. Hier ist das Ganze auf Bubi-Format verkleinert. Das macht ein weiteres Wagnis des Films aus und verschafft ihm eine Originalität, die nichts Vordergründiges hat: Statt die Sache einfach mit Halbwüchsigen durchzuspielen, setzt Linklater auf Kinder und zwingt den Zuschauer, sich mit Wesen und Wirkung der Rockmusik als einer Erscheinung auseinanderzusetzen, die eben doch nicht altersgebunden ist. Darin liegt, wenn man so will, eine Humanität, die überdrehteren Produktionen wie der "Rocky Horror Picture Show" oder den "Blues Brothers" fehlt. Die Frage, was Zehnjährige mit diesem Sujet zu schaffen haben, wird deswegen überraschend plausibel beantwortet. "Rock'n'Roll ist nur etwas für überdrehte Kinder, und nur bei ihnen funktioniert er" - der berühmte Satz des "Who"-Bandleaders Pete Townshend fällt hier nicht, aber der Film bestätigt ihn restlos. Auch Phänomene wie übertriebener Wissensdurst und strengste Disziplin, die Pädagogen erfreulich finden, können eine Form der Überdrehtheit sein. Und so ist die dramaturgische Lunte ganz kurz: Die Sterilität der Schulatmosphäre braucht nur einen Keim des Fremden, Wilden aufzunehmen, um sich - Hail, hail Rock'n'Roll! - wie unter dem Einfluß einer heilsamen Krankheit zu verändern.

Jack Black spielt als falscher Lehrer Dewey Finn dieses Fremde derart kraftvoll, daß man fürchten müßte, seine jungen Mitspieler würden davon erdrückt. Doch das ist nicht der Fall. Sie wissen sich anstrengungslos zu behaupten, weil sie auf den Impuls, den ihnen Black bei seinem Initiationsvorhaben gibt, so zögerlich reagieren können, daß dabei keine falsche Euphorie aufkommt, die sich entsprechend schnell wieder legte. An der Art und Weise, wie Finn die Schülerband zusammenstellt, zeigt sich der souveräne Umgang mit den wichtigsten Rockversatzstücken, die man nicht kennen muß, um diesen Film zu genießen: Dem Junggitarristen werden Angus Young von "AC/DC" und Jimi Hendrix eingetrichtert, der Organist soll in die Tasten greifen wie Ray Manzarek von den "Doors", und der Schlagzeuger schult sein fulminantes Spiel an Keith Moon von den "Who". "Come-on, come-on, come-on, come-on now touch me, babe!!!", schmettern die "Doors" aus dem Off, und das Projekt Rock'n'Roll-Band steht, mit allen Schikanen von der gospelnden Backgroundsängerin bis hin zur abgebrühten Jungmanagerin, unangreifbar da.

Schließlich tritt man an zur battle of the bands, und auch in dieser Schlacht zählt kein erster Platz. Es geht nur um ein Lebensgefühl, das tiefer reicht als die sozialkritischen Spitzen, die Linklater sich dann doch nicht verkneifen kann: Es geht darum, sich großartig zu fühlen. "Du kannst dich für den häßlichsten Penner der Welt halten - als Mitglied einer Band bist du erste Sahne." Die Lehrkraft muß es wissen und schwört die Kinder auf den "Gott des Rock" ein wie einst Kapitän Ahab seine Mannschaft auf die Verfolgung von Moby Dick. Und spätestens hier, vielleicht mit einer Träne im Auge, fängt man an, an diesen Gott zu glauben.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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