20.09.2004 · Das Klischee des Busenstars hat sie längst überwunden: Die Courage, hinter den eigenen Glamour zurückzutreten, macht die wahre Größe Sophia Lorens aus. An diesem Montag wird die Schauspielerin siebzig.
Von Hans-Dieter SeidelEitel über die Maßen dürfte diese Schauspielerin nicht sein. Zwar kann bei offiziellen Anlässen, etwa jüngst zur Preisverleihung der Filmfestspiele von Venedig, Sophia Loren nach wie vor die wunderbare Magie der Diva aufstrahlen lassen, eine Dame durch und durch, welche die Aura von Kunstsinn und ewiger Schönheit pflegt.
Aber ihre Rollenbilder haben sich von diesem Stereotyp längst emanzipiert, und die Courage, hinter den eigenen Glamour um der Wahrhaftigkeit einer Filmfigur willen zurückzutreten, macht die wahre Größe der Akteurin aus. Zuletzt, im vergangenen Herbst beim Regiedebüt ihres Sohnes Edoardo Ponti, "Zwischen Fremden", war es eine im stummen Wüten ihrer Ehe heillos Resignierte, der Sophia Loren, grau im Gesicht und mit leerem Blick, die Kontur von Dulden und Sühnen gab.
Blasse römische Hausfrau
Das Klischee des Busenstars hatte die Schauspielerin freilich schon in den siebziger Jahren überwunden, mit Ettore Scolas Film "Ein besonderer Tag" etwa. Unter völligem Verzicht auf die segensreiche Wirkung des Make-ups und auf die Illusion von Jugend und Schönheit verkörperte Sophia Loren eine blasse römische Hausfrau mit Laufmaschen und in Pantoffeln. Doch unter dem Grau der gedemütigten, niemals zuvor aufbegehrenden Frau trat unversehens das Gesicht einer Zweifelnden, vorsichtig eigene Schritte Wagenden hervor.
Gold von Neapel: Sophia Loren wird siebzig
Pünktlich zum siebzigsten Geburtstag Sophia Lorens an diesem Montag ist im Verlag Schirmer/Mosel ein prächtiger Bildband mit Fotografien von Tazio Secchiaroli erschienen (168 Seiten, 142 Tafeln in Farbe und Duotone, 39,80 Euro), der Sophia Loren aufs ausdrucksvollste, aber nie im Stil erstarrt, als erotische, stolze und leidenschaftliche Italienerin feiert. Marcello Mastroianni hatte sie mit dem Fotografen 1964 bei den Dreharbeiten zu Vittorio De Sicas "Hochzeit auf italienisch" bekanntgemacht. Seitdem und bis zu seinem Tod 1998 begleitete Secchiaroli die Karriere und das private Leben Sophia Lorens als ein persönlicher Vertrauter, der auch dort noch Bildzeugnis ablegen durfte, wo anderen der Zutritt verwehrt blieb.
Neapolitanisches Temperament
Um das Klischee der fünfziger Jahre brauchte sich der Fotograf zum Glück nicht mehr zu scheren. Damals, als die Botschaft allein Sex-Appeal hieß, lagen die Dinge scheinbar noch einfach - ein wohlgerundeter Körper, den samt feurigem Hüftschwung zu zeigen die junge Frau sich nie scheute, ein weitlippiger Mund, in dem alles Lachen der Welt Raum zu haben schien, und ein neapolitanisches Temperament, in dem das einfache Fischermädchen sich ebenso wiederfinden konnte wie die Kanaille mit dem Hang zum Ordinären.
Unter solch idealen Voraussetzungen wurde der Filmstar Sophia Loren zwar von anderen geprägt: von einer ehrgeizigen Mutter; von dem um einunddreißig Jahre älteren Ehemann und Produzenten Carlo Ponti, der sie unter seine Fittiche nahm. Aber den Aufstieg aus Neapels Armenviertel Pozzuoli, wo Sofia Scicolone aufgewachsen war, geboren allerdings in Rom, am 20. September 1934 - dieses Märchen von einer, die auszog, Cinecitta und Hollywood zu erobern, hat Sophia Loren sich nicht zuletzt selber zuzuschreiben, weil sie sich nicht auf Dauer so verbiegen ließ, wie es dem Kino bequem und gefällig gewesen wäre.
Gewichtige Rollen
Die künstlich gezüchtete und von der Regenbogenpresse gehätschelte Rivalität mit der anfangs populäreren, auch sieben Jahre älteren Kollegin Gina Lollobrigida mag dazu beigetragen haben, Sophia Loren bekannt zu machen. Aber ihren Status als ernstzunehmende Künstlerin begründen konnte dieser sogenannte Zweikampf nicht. Dazu brauchte es Rollen von gewichtigerem Kaliber, seit sie mit vierzehn Jahren einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte und 1950 in "Quo vadis" von Mervyn LeRoy erstmals vor der Kamera stand.
Und es brauchte einen Regisseur wie Vittorio De Sica und dessen "Gold von Neapel" (1954), daß aus der Darstellerin überhaupt eine Schauspielerin werden konnte. Er habe sie gelehrt, "das C über dem hohen C zu spielen", rühmte Sophia Loren in ihren schon 1979 erschienenen Memoiren. "Spiel mit deinem ganzen Körper", soll er gesagt haben, "mit dem Leib, den Zehen, den Fingern - alles muß in Ausdruck umgesetzt werden, nicht nur Stimme und Gesicht."
Nicht zufällig mag ihr erster, 1957 in Amerika gedrehter Film "Stolz und Leidenschaft" betitelt worden sein. "Hausboot" an der Seite Cary Grants oder "Es begann in Neapel" waren andere amerikanische Triumphe. Ihren ersten Oscar aber gewann Sophia Loren 1961 wieder für eine Arbeit unter De Sica, "La ciociara" mit dem deutschen Titel "...und dennoch leben sie". Dieses "dennoch", das einen Glückwunsch verdient, bürgt bis heute für die Balance von Startum und Glaubwürdigkeit Sophia Lorens.