14.09.2003 · Bereits wenige Tage nach dem fulminanten Kinostart in Paris scheint es, als werde „Good bye, Lenin“ zum Kultfilm. Das mag am nostalgisch-verklärten Blick auf die ehemaligen Genossen der Franzosen liegen.
Von Jürg AltweggSelten, wahrscheinlich noch nie ist ein deutscher Film in Frankreich mit so viel Aufwand lanciert worden. Selbst das Fernsehen hat "Good bye, Lenin!" ausführlich gewürdigt. Im führenden öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogramm "France Inter" ist fast jede Stunde ein Hinweis auf Wolfgang Beckers Film zu hören.
Der Sender tritt als Sponsor auf und widmet der Produktion zahlreiche Beiträge in den unterschiedlichsten Programmen. Die Kritik verweist auf den phänomenalen Erfolg in Deutschland und gibt sich begeistert. Der "Figaro" wünscht der "ausgezeichneten Komödie der Wiedervereinigung" so viele Zuschauer wie jenseits des Rheins. "Ein deutscher Film, der wie eine italienische Komödie ist", schwärmt "Le Monde": "fröhlich und melancholisch, sanft und scharf".
Verklärung der DDR
Die Zeitung bringt ein Interview mit dem Regisseur Becker, der sich auch in "Libération" äußert. Der Kritiker der "Libé" formuliert ein paar Vorbehalte, ist aber nicht weniger hingerissen. Er nennt "Good bye, Lenin!" einen "Geschichts-Film, wie man ihn in Frankreich zu drehen nicht mehr fähig ist". Die Politik wird nicht ausgeklammert. Der "Figaro" sieht den ironischen Umgang mit der Vergangenheit im Widerspruch zur "kommunistischen Brutalität". "Le Monde" klammert sich an die Nostalgie einer Zeit, zu der es den Menschen noch möglich war, an ein Ideal zu glauben - "auf die Gefahr hin, sich zu irren". Für den Erfolg des Streifens in Deutschland macht die Zeitung auch sein "sehr aktuelles Engagement" aus: "Die Globalisierungskritik im besonderen Licht der deutschen Geschichte". In den Interviews wird Wolfgang Becker die Frage gestellt, ob die Komik seines Films nicht eine Verklärung der DDR bewirke, die schließlich eine üble Diktatur gewesen sei.
So sah man sie in Paris nicht immer. Für viele Franzosen war das andere Deutschland das bessere - jenes, das sie nicht besetzt hatte. Es gab viele Affinitäten. Nicht nur die Kommunisten und ihre Organisationen, auch Mitterrand und der Schriftsteller Michel Tournier unterhielten zur DDR eine romantische Beziehung. Den eigenen Marxismus haben die Franzosen längst abgewickelt. Aber noch ist die Trauerarbeit über die untergegangene "Kultur der Genossen" nicht abgeschlossen. Der Verlust einer Welt und ihrer Gewißheiten ist im Zeitgeist einer Epoche des Umbruchs stark präsent. Der Blick zurück ohne Zorn, den "Good bye, Lenin!" wirft, trifft eine französische Befindlichkeit. Zudem finden die Franzosen in dem Film jene selbstironische Leichtigkeit, ja Subversion, die ihren Hang zum Ideologisieren ausbalanciert - und die sie von einer deutschen Produktion am allerwenigsten erwartet hätten.
Französische Filme waren nach 1945 das Medium, das die Klischees vom "boche" am heftigsten propagierte. Im Werk von Wenders und Fassbinder entdeckten die Franzosen dann ein anderes Deutschland. "Good bye, Lenin!" kommt in die Kinos gleich nach Leni Riefenstahls Tod, der von der Publizistik intensiv und nochmals im Zeichen der Vichy-Vergangenheit begangen wurde. Drei Tage nach dem fulminanten Kinostart hat man den Eindruck, daß Beckers Komödie in Paris und in der Provinz bereits zum Kultfilm avanciert. Seine Rezeption könnte zu einem neuen Kapitel der so unberechenbaren deutsch-französischen Kulturbeziehungen werden. Ein Preisausschreiben begleitet die Werbekampagne für den Film. Der Gewinner darf nach Berlin reisen.