18.01.2007 · In erster Linie ist „Das Streben nach Glück“ ein Starvehikel, das Will Smith von seiner ernsthaften Seite zeigen soll. Dabei trägt das Rührstück um den Obdachlosen Chris Gardner, der sich - den Filius im Schlepptau - zum Vermögensberater mausert, ordentlich dick auf.
Von Bert RebhandlDie Schattenseite des amerikanischen Traums sieht so aus: Bis fünf Uhr sitzt Chris Gardner an seinem Schreibtisch in einem Großraumbüro in San Francisco. Kaum ist der Arbeitstag zu Ende, läuft er zu der Tagesheimstätte, in der sein Sohn schon auf ihn wartet.
Gemeinsam stellen sie sich in die lange Schlange der Menschen, die auf einen Schlafplatz in einem Obdachlosenasyl hoffen. Wenn etwas schiefgeht, wenn sie etwa zu weit hinten in der Reihe zu stehen kommen, dann droht die ultimative Erniedrigung: eine Nacht in der öffentlichen Toilette.
Nicht jeder Tellerwäscher wird Millionär
Das Streben nach Glück („The Pursuit of Happyness“) ist in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben als ein Grundrecht, von dem sich niemand etwas kaufen kann. Gerade deswegen ist es vielleicht eine tragende Säule des Selbstverständnisses geworden, jedenfalls soweit es sich aus vielen Hollywood-Filmen erschließen lässt.
Das ewige Rackern braucht aber zumindest als Motivationshorizont die gelegentliche Erfolgsgeschichte: nicht jeder Tellerwäscher wird Millionär, aber derjenige, der es wird, schreibt dann auch garantiert ein Buch darüber. Und irgendwann wird's ein Film wie „Das Streben nach Glück“ von Gabriele Muccino, der auf der wahren Geschichte des Gründers eines erfolgreichen Investment-Unternehmens beruht.
Begeisterung für einen Knochen-Scanner
Recht unverblümt wird hier eine bestimmte Form des Glücks angestrebt: Es geht um dem Übergang von der Arbeit der Hände zur Arbeit des Geldes, vom der Produktion zum Kapitalgewinn. Zu Beginn ist Chris Gardner (Will Smith) ein typischer Teilnehmer am amerikanischen Erwerbsleben.
Er verkauft technologische Geräte, seine Begeisterung für einen bestimmten Knochen-Scanner ist authentisch, er trägt zur individuellen und zur allgemeinen Verbesserung bei. Dann geht etwas schief, er bleibt auf seiner Ware sitzen, seine Frau verlässt ihn, sein Sohn bleibt bei ihm. Chris Gardner muss etwas tun.
Ins Reich der Phantasie ausweichen
„Das Streben nach Glück“ spielt in den achtziger Jahren, in einer Zeit der Wirtschaftskrise. Chris Gardner macht die Erfahrung, dass Arbeit nicht viel wert ist. Er lässt sich aber nicht verdrießen und schließt sich der ersten Generation Praktikum an. In einer großen Firma für Vermögensberatung stellt er sich für eine Stelle vor, für die er erst einmal eine einmonatige, unbezahlte Selektionsphase durchlaufen muss. Von dieser Zeit handelt im wesentlich der Film, und damit auch immer von der Zeit, die anderswo fehlt.
Langsam, aber stetig stolpert Chris Gardner auf der sozialen Leiter nach unten - er kann die Miete nicht zahlen, muss wegen eines Strafmandats kurz ins Gefängnis, kommt in Malermontur zu einem Vorstellungsgespräch. Je größer sich die Hindernisse vor ihm auftürmen, desto unbeirrbarer gibt er sich. Und sein Sohn Christopher (gespielt von Will Smiths eigenem Sohn Jaden) weicht mit dem Papa notfalls für ein paar Minuten ins Reich der Phantasie aus, wenn die Sache wieder einmal allzu trübe aussieht.
Gesellschaft der Chancenlosen
„Das Streben nach Glück“ ist natürlich in erster Linie ein typisches Starvehikel: Will Smith, berühmt durch Komödien und Action, gibt sich ernsthaft. Er arbeitet dafür mit dem italienischen Regisseur Gabriele Muccino zusammen, von dem zuletzt auch das Rührstück „Der letzte Kuss“ für amerikanische Verhältnisse adaptiert wurde.
In vor allem farblich leicht verfremdeten Bildern zeigt Muccino das, was vor den „Reaganomics“ war: eine Gesellschaft der Chancenlosen, für die es kaum zum täglichen Fortkommen reicht, für die „das Streben nach Glück“ nicht einmal mehr ein Verfassungsrecht ist.
Zwischen diesen Menschen und Chris Gardner klafft jedoch eine Lücke, die der Film nie zu schließen vermag: Der individuelle Fall steht hier eben nicht für die allgemeine Chancengleichheit, die Gesellschaft ist nur Statisterie für eine in vielen Details dann auch allzu schematisch zugespitzte Heldengeschichte, die als Legitimationsgeschichte für einen Kapitalisten (den Kapitalismus?) deutlich zu dick aufträgt.