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Kino : Fremd im eigenen Leben: Valeria Bruni Tedeschis Regiedebüt „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr...“

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Der Hang zum Unglücklichsein war den Rollen kaum je fremd, die Valeria Bruni Tedeschi seit 1987 in französischen wie italienischen Filmen gleichermaßen zu spielen hatte. In ihrem Regiedebüt setzt die Schauspielerin dem nun die Krone auf. „Il est plus facile pour un chameau...“ ist eine hervorragend ausbalancierte Tragikomödie der Verzweiflung.

          Geld allein macht auch nicht unglücklich. Eine höchst alberne Redensart, aber im Fall von Federica ein wichtiger Mosaikstein zum diffizilen Charakter dieser Frau irgendwo zwischen dreißig und vierzig. Federica ist reich, gut hundertfünfzig Millionen Franc beträgt ihr Erbe. Und Federica ist vollkommen lebensuntüchtig, weil sie aus der fundamentalen Verzweiflung keinen Ausweg weiß, die in erster Linie darauf gründet, daß Federica ihren Reichtum nur als ungerecht und bedrückend empfindet. "Am liebsten würde ich das ganze Geld auf die Straße werfen", sagt sie und hat zugleich keine Vorstellung, woher sie den Mut dazu nehmen soll. Sie versucht sich als Autorin von Theaterstücken, aber benötigt niemals einen Erfolg für ihren Lebensunterhalt. Sie redet sich ein, mit einem Mann befreundet zu sein, der dem Arbeitermilieu entstammt, und verschließt die Augen davor, daß es dieser Beziehung an jeder Gemeinsamkeit gebricht. Sie träumt sich ohne Sinn und Verstand an die Seite eines ehemaligen Liebhabers, sie ist völlig isoliert auch im Kreis ihrer Familie und vermag ihr verheerendes Unglücklichsein nur bei dem jungen Priester zu vergessen, den sie mit ihrem Beichtverlangen systematisch verfolgt. Federica ist eine verstörende und zugleich faszinierende Frau, wie man ihr im Kino so bald nicht wieder begegnen wird.

          Schon wie die Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi sie vorstellt, fällt die Figur aus der Rolle des Üblichen. Die Vorliebe für die Farbe Rosa, vor allem bei obendrein geringelten Pullovern, und für einen schwarzweiß gepunkteten Rock, der aus einem anderen Modejahrhundert übriggeblieben scheint, unterstreicht den Befund, daß dieser Frau Eitelkeit total fremd ist. Und wie die halblangen, stets eher ungewaschen wirkenden Haare keinen Schnitt vermuten lassen, so findet auch die Figur nirgends Halt. Sie ist eine Fremde im eigenen Leben, worauf nicht zuletzt die Tatsache verweist, daß Federica, obwohl seit langem in Frankreich zu Hause, mit den Eltern und ihrer Schwester nur Italienisch spricht.

          "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr..." lautet der Titel dieses wunderbar ausgefallenen Films, und es braucht keine Bibelfestigkeit des Zuschauers, damit er im Geist "als daß ein Reicher in den Himmel kommt" ergänze. Zwar bietet das französische Original "Il est plus facile pour un chameau..." mit seiner Abbreviatur, es sei leichter für ein Kamel..., die Chance, die Dinge noch etwas mehr im Vagen zu halten, doch das sind sprachliche Feinheiten, die den Reiz dieses hervorragend ausbalancierten Films keinen Augenblick beschweren. Die Tragikomödie der Verzweiflung bleibt nämlich, während der Film sich von Station zu Station ebenso weitertreiben läßt, wie Federica mit dem Auto oder zu Fuß durch Paris irrt, nicht in Depression stecken und nicht im Übermut, nicht im eigentlich Lachhaften und auch nicht im Lächerlichen. Es sind Momentaufnahmen eines Lebens, das fortdauernd über der Sinnfrage schlechthin strauchelt.

          "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr..." ist das Regiedebüt der Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi, und es steht nur zu hoffen, daß der Film weniger autobiographisch ist, als es den Anschein haben könnte. Wie ihre Zentralfigur, die als Kind von Italien nach Frankreich verpflanzt wurde, stammt auch Valeria Bruni Tedeschi aus einer begüterten italienischen Industriellenfamilie, die vor den Nachstellungen der Roten Brigaden nach Paris Reißaus nahm, als Valeria sechs war. Seit 1987 machte die unterdessen knapp Vierzigjährige sich als Schauspielerin einen Namen, in französischen wie italienischen Filmen gleichermaßen und unter Regisseuren wie Patrice Chereau, Jacques Doillon und Pascal Bonitzer, Noemie Lvovsky, Claire Denis und Marion Vernoux, Mimmo Calopresti und Claude Chabrol - allesamt aus der ersten Riege des Kinos. Der Hang zum Unglücklichsein war ihren Rollen kaum je fremd, aber man kann nur wünschen, daß die Schauspielerin nicht mit solcher Absolutheit von diffusen Schuldgefühlen bedrängt wird, wie sie Federica zu erleiden hat. Die Enge nämlich, in der sich diese Frau gefangen sieht, scheint nicht zu bezwingen - es sei denn eben durch solch einen kühnen Film.

          Valeria Bruni Tedeschi, die das Drehbuch gemeinsam mit Noemie Lvovsky und Agnes de Sacy geschrieben hat, geht in diesem lockeren Szenenreigen, der es mehr als einmal nur bei Andeutungen beläßt und die Dinge niemals auszubuchstabieren sucht, mit spielerischer Leichtigkeit ans Werk, die wie von ungefähr Rückblenden aus glücklichen Kindertagen in den verwirrten Alltag Federicas schiebt, die sich zu Traumgespinsten aufschwingt und selbst für kurze Animationssequenzen wie in "Lola rennt" Gelegenheit findet. Die erbitterten Auseinandersetzungen Federicas mit Mutter und Schwester (Chiara Mastroianni in der Rolle derer, die sich grundsätzlich zurückgesetzt fühlt) haben nichts Eiferndes und sind trotzdem großes Drama. Die zärtlichen Momente mit dem sterbenskranken Vater sind voller Gefühl, aber fern jeder Rührseligkeit. Und wenn das Pathos doch einmal die Oberhand zu gewinnen droht, dann unterläuft es Valeria Bruni Tedeschi mit geschickt eingesetzter Ironie.

          Am Ende des Films zum Beispiel ist der alte Mann (Roberto Herlitzka) gestorben, und die Trauer scheint kaum zu bewältigen. Doch sie löst sich sofort in Situationskomik auf, die so schwerelos daherkommt wie dieser ganze Film: Weil der Tote in Italien die letzte Ruhe finden soll, muß er überführt werden. Der Sarg aber, mit dem sich mehrere Männer in Overalls plagen, will und will nicht durch die Ladeluke des kleinen Flugzeugs passen.

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