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Kino : Fensterputzen für Vermeer: "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"

  • -Aktualisiert am

Johannes Vermeer wußte Oberflächen so zu malen, daß der Betrachter sie beim Schauen mit den Fingerspitzen zu ertasten meint. Auch ins Kino läßt sich der Effekt übertragen: Dieser Film ist eine Augenweide.

          Kein Sinnesorgan langweilt sich schneller als das Auge, das Schönheit, die es immer wieder betrachten kann, schon nach kurzer Zeit nicht mehr als solche wahrnimmt. Um der Blindheit der Gewöhnung zu entgehen, fordert gerade das Auge Abwechslung, sehnt sich nach immer neuen Farben, Formen, Mustern und Perspektiven. Peter Webbers "Mädchen mit dem Perlenohrring" will dieses Verlangen gar nicht erst aufkommen lassen.

          Dieser Film ist eine Augenweide. Der Blick gleitet über die Maserung der Holzvertäfelungen, streift das struppige Fell eines Esels am Straßenrand, bemerkt den groben Stoff des Kittels der Dienstmagd ebenso wie den gestärkten Spitzenkragen der Hausherrin, verweilt auf den Verstrebungen der Fenster, huscht über das Gefieder der Hühner und Tauben, ruht auf dem matten Glanzkegel einer frisch polierten Kupferkanne und auf der Pelzverbrämung einer Samtjacke. Vor allem aber wird das Auge angezogen vom schimmernden Lüster der Perlen, die sich an warme Frauenhälse schmiegen oder ihnen lockend vom Ohrläppchen baumeln.

          Johannes Vermeer wußte Oberflächen so zu malen, daß der Betrachter sie beim Schauen mit den Fingerspitzen zu ertasten meint. Doch so leicht es fällt, sich in seine Bilder zu versenken, so flüchtig und also zu Interpretationen einladend ist bis heute die Gestalt des Malers. Der amerikanischen Autorin Tracy Chevalier war es nicht um die Ausleuchtung der dämmerigen Biographie Vermeers zu tun, sondern sie wollte ohne Umwege sein Geheimnis ergründen. Dazu wählte sie eines seiner beliebtesten Bilder, "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", das im Haager Mauritshuis hängt. In ihrem 1999 erschienenen, gleichnamigen Roman erfand Chevalier mit dem Schicksal des Dienstmädchens Griet im Hause Vermeers eine wunderbar stille und zugleich wirkungsvolle Entstehungsgeschichte des Gemäldes. Vor allem schilderte sie die bürgerliche Welt des holländischen siebzehnten Jahrhunderts in so kräftig leuchtenden Farben, daß ihr Buch die Imagination noch lange nach der Lektüre besetzt hielt.

          Jetzt hat sich der junge englische Regisseur Peter Webber des Stoffes für sein Kinodebüt angenommen - nachdem Mike Newell das Projekt ausgeschlagen hatte. Daß Webbers Inszenierung nicht hinter der suggestiven Schilderung der Romanvorlage zurückbleibt, verdankt sich auch den Schauspielern, die - mit Ausnahme von Colin Firth - hervorragend besetzt sind. Vor allem aber liegt es an den opulenten Interieurs, die bis ins Detail niederländischen Altmeistergemälden nachempfunden sind: ein schwelgerischer Reigen von tableaux vivants, für die Kameramann Eduardo Serra zu Recht für einen Oscar nominiert wurde.

          Die siebzehnjährige Griet (Scarlett Johansson) kommt 1665 ins Haus des Delfter Malers. Zu ihren liebsten Pflichten zählt das Putzen seines Ateliers, wo sie dem Meister durch ihre Umsicht - etwa wenn sie darauf hinweist, daß das Säubern der Fenster das Licht verändern könnte - und ihren Sinn für Proportionen auffällt. Während der Künstler sich so gut von ihr verstanden fühlt, daß er sie sogar seine Farben mischen läßt, bleibt Griet ein von den anderen Bewohnern mißtrauisch beäugter Fremdkörper. Doch nicht nur Vermeers Frau Catharina ist eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die der Hausherr dem hübschen Mädchen entgegenbringt; auch die Tochter Cornelia heckt Bosheiten aus, um Griet in Schwierigkeiten zu bringen. Als dann noch Vermeers Gönner, Pieter van Ruijven (Tom Wilkinson), lautstarken Gefallen an der scheuen Magd mit den runden Augen findet und ein Bild von ihr in Auftrag gibt, löst die notwendige Geheimhaltung dieses Gemäldes ihre Entlassung aus.

          Zugunsten einer dramatischen Beschleunigung verzichtet der Film auf die Zurückhaltung des Romans. So ist es hier auch nicht Griet, die sich mit einer Nadel ins Ohr sticht, um die Perle tragen zu können, sondern Vermeer, der sie damit allzu symbolisch defloriert. Insgesamt jedoch hält Webber sich ziemlich genau an die literarische Vorlage. Die Spannung zwischen Maler und Magd-Modell bleibt unausgesprochen und unausgelebt, und Scarlett Johansson, die die Rolle annahm, bevor sie durch "Lost in Translation" zum Star wurde, gelingt es, ihr Verständnis für das Wesen von Vermeers Malerei in ihren Blick zu legen, wo sie keine Worte benutzen darf - etwa wenn sie das Arrangement im Atelier und das dazugehörige Bild auf der Staffelei aufmerksam betrachtet und es schließlich wagt, einen Stuhl zu verrücken. Als Vermeer sie darauf anspricht, erklärt sie, die Frau auf dem Bild habe eingeschlossen gewirkt. Es sind solche sparsamen Gesten und Dialoge, in denen der Gegensatz zwischen der wuselnden Geschäftigkeit auf der Straße und der überlegenen Ruhe im Studio des Malers lebendig wird und die Umstände, unter denen Vermeers Bilder entstanden sein müssen, plötzlich greifbar erscheinen. Die unendliche Mühe, alles sauberzuhalten, das ständige Waschen, Schrubben und Schleppen wird ebenso beiläufig deutlich wie Vermeers Arbeitsweise mit der Camera obscura oder die Farbe der Wolken, anhand deren er Griet erklärt, daß etwas, das zunächst schlicht weiß scheint, in Wirklichkeit gelb, grau und blau sein kann.

          Die einzige, dafür große Enttäuschung des Films ist Colin Firth, der mit wallender Mähne und Leidensmiene eher wie ein Christus als wie ein Künstler aussieht und dessen Verlangen nach der trotzig-schüchternen Magd ebenso aufgesetzt wirkt wie seine steife Art, Palette und Pinsel zu halten. Daß dies der Geschichte wenig anhaben kann, liegt daran, daß Firth nie allzu lange im Bild ist - und daß der Blick des Zuschauers ohnehin immerzu abgelenkt wird. Schöner als manche Einstellungen dieses Films sind nur die Bilder Vermeers. Wer aber nicht demnächst nach Den Haag kommt, sehe sich einstweilen getrost Webbers "Mädchen mit dem Perlenohrring" an.

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