05.10.2006 · Kostbare Spiele mit klassischen Filmbildern: Brian De Palmas virtuoser Thriller „Black Dahlia“ holt auf dem Umweg über Bulgarien ein Los Angeles zurück ans Tageslicht, das die Hollywood-Bilder verschüttet hatten.
Von Andreas KilbAls der Polizist Bucky Bleichert zum Abendessen zu den Linscotts kommt, steht ein ausgestopfter Hund im Vorzimmer. Den habe Daddy vor zwanzig Jahren aus Freude über seine erste Dollarmillion erschossen, erklärt ihm Madeleine, die Tochter des Hauses. Am Eßtisch, zwischen Silberleuchtern und purpurnem Plüsch, stochert die Hausherrin lallend und fluchend auf ihrem Teller. Der alte Linsoctt, erfährt Bucky von dessen volltrunkener Gattin, ist durch Wohnsiedlungen reich geworden, die er aus gebrauchten Stummfilmkulissen in Hollywood zusammenschustern ließ. Martha, die kleine Schwester, kritzelt derweil eine obszöne Zeichnung. Dann haben Madeleine und Bucky genug. Sie gehen in ein Motel.
Los Angeles, 1947. Es ist das Jahr, in dem Jacques Tourneur „Out of the Past“ und Howard Hawks „Red River“ dreht und Nicholas Ray sein Debüt „They Live by Night“ vorbereitet. In Hollywood strahlen die Studios im Licht ihrer Kassenerfolge, nicht ahnend, daß der kleine graue Kasten mit der Mattscheibe, an dem die Techniker noch feilen, ihre Herrschaft beenden wird. Das Jahr ist gerade zwei Wochen alt, als auf einem freien Grundstück im Süden von Downtown L.A. eine Frauenleiche gefunden wird, verstümmelt, ausgeweidet, zerschnitten. Elizabeth Short, die Tote, wollte Schauspielerin werden; in Probeaufnahmen trägt sie Schwarz und im Haar eine Dahlie, deshalb nennt man sie „die schwarze Dahlie“. Ihr Mörder wird nie gefaßt. Shorts Geschichte, die klassische murder mystery, schreit nach einer Verfilmung, einem düsteren Film noir. Hier ist er: „Black Dahlia“, Herbst 2006.
Ein großer Fake
Das Los Angeles von Brian De Palmas Film wurde im bulgarischen Sofia nachgebaut. Es ist ein großer Fake wie alles bei De Palma - die Story, die Figuren, die Psychologie, der historische Hintergrund. Der Realismus des Kinos hat diesen Regisseur nie gekümmert, ihn fasziniert das Kino als eine eigene, andere Realität. Er weigert sich, dem Publikum vorzugaukeln, seine Filme spiegelten wider, was man „das wirkliche Leben“ nennt. Mit dieser Haltung hat sich De Palma in Hollywood, wo die reine Kinokunst der Comicfilmsparte vorbehalten bleibt, ziemlich unbeliebt gemacht. Seit „Mission Impossible“ (1996) konnte er keine große Produktion mehr auf die Beine stellen, sein vorletzter Film „Femme fatale“ entstand zur Gänze in Frankreich. Daß De Palma „Black Dahlia“ bis auf wenige Außenszenen in Bulgarien gedreht hat, ist auch eine künstlerische Unabhängigkeitserklärung - von der Filmindustrie, die ihn an den Rand gedrängt hat; und von der Stadt, in der diese Industrie ihren Sitz hat.
Was also sieht man in De Palmas Spiegel? Andere Spiegel. Der erste und wichtigste ist James Ellroys Dahlien-Roman von 1987, ein spätes Hauptwerk des „Los Angeles Noir“, wie diese Gattung bei Literaturwissenschaftlern heißt. Ellroy spinnt den Mord an Elizabeth Short in ein Netz von Nebenhandlungen ein, er will in dem Kriminalfall die Stadt selbst, ihre Gier nach Sex und Ruhm, ihre fiebrige Dekadenz porträtieren. Dabei verzettelt er sich. Das sollte De Palma nicht passieren. Deshalb rückt er die Motive, die Ellroy auf der Bühne seiner Prosa ausbreitet, enger zusammen. Dabei tritt die Geschichte der Betty Short noch mehr in den Hintergrund. Was man jetzt von ihr sieht, ist ein dünnes, trauriges Mädchen im schwarzen Kleid (Mia Kirshner), das bei Filmproben sein Gesicht in die Kamera hält und auf dem Set eines Privatpornos verzweifelt zu lächeln versucht. Die Regieanweisungen für die Probeaufnahmen gibt, unsichtbar, die Stimme Brian De Palmas. Das, sagt De Palma, habe sich beim Drehen zufällig ergeben. Was natürlich gelogen ist.
Der zweite Höllenkreis
„Black Dahlia“ beginnt als Polizistengeschichte. Bucky Bleichert (Josh Hartnett) und sein Partner Lee (Aaron Eckart) sind durch ein getürktes Boxmatch Freunde geworden. Zwischen ihnen steht die blonde Kay (Scarlett Johansson), die mit Lee in platonischer Gemeinschaft lebt. Als Bucky auf der Suche nach dem Mörder von Elizabeth Short die Nachtschwärmerin Madeleine Linscott (Hilary Swank) kennenlernt, die dem Opfer verdächtig ähnlich sieht, tritt er in den zweiten Höllenkreis der südkalifornischen Gesellschaft ein. Es ist der Augenblick, in dem der Film in logischer wie in ästhetischer Hinsicht zu entgleisen beginnt. Und es gibt keinen Zweifel, daß De Palma diese Entgleisung bis ins kleinste Detail geplant hat.
Denn das, was den Regisseur der „Dahlie“ noch viel mehr interessiert als die Geschichten, die er im Kino erzählt, ist sein Vermögen, ihnen visuelle Kabinettstücke zu entlocken, Proben seiner Kamerakunst. Auf diese Weise unterhält er sich mit der Filmgeschichte: von Meister zu Meister, von Bild zu Bild. Seine Mrs. Linscott, die wie ein hysterischer Engel die Treppe hinunterschwebt, ist De Palmas Hommage an Gloria Swanson in Billy Wilders „Sunset Boulevard“, seine Madeleine eine Verbeugung vor Gene Tierney und Lauren Bacall und sein blondes Gift Kay ein optischer Toast auf Veronica Lake (der zu gleichen Scarlett Johansson sichtlich schwerfällt). So wie der ganze, von Dante Ferretti erlesen ausgestattete und von Vilsmos Zsigmond in sonore Brauntöne getauchte Film in Wahrheit nichts als eine Fünfzig-Millionen-Dollar-Antwort auf Roman Polanskis „Chinatown“ ist, der, bevor er ein Klassiker wurde, auch schon ein epigonaler Nachzügler war. Wie der alte Linscott baut De Palma sein Filmgebäude aus dem, was vom Kino übrigblieb.
Und siehe da, es hält. Nicht weil De Palma ein so ausgekochter Virtuose wäre (das war er auch in schwachen Filmen wie „Mission to Mars“ oder „Raising Cain“). Sondern weil der Stoff, das Krimigenre, auf seinen Stil anspricht. Weil Los Angeles unter den zahllosen Filmbildern, die es inspiriert hat, so verschüttet ist, daß es in seiner bulgarischen Variante seltsam real wirkt. Und weil der Fall der schwarzen Dahlie genau die Mischung von Horror und Märchenhaftigkeit besitzt, die De Palma für seine kostbaren Kinospiele braucht. Den Amerikanern hat der Film übrigens nicht gefallen. Nicht jeder findet beim Blick in den Spiegel, was er sucht.