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Kino : Existentialistischer, hysterischer Thriller aus Korea: "Oldboy" von Chan-Wook Park

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Es ist nicht das Schlechteste, wenn man von einem Film sagen kann, daß es darin Bilder gibt, die man so noch nie gesehen hat. Zum Beispiel Tintenfische in einer Sorte Bild, dessen Fangarme auch das Gehirn des Betrachters umschlingen.

          Es ist nicht das Schlechteste, wenn man von einem Film sagen kann, daß es darin Bilder gibt, die man so noch nie gesehen hat. Zum Beispiel, wie ein Mann einen lebendigen Tintenfisch verspeist, ihm erst den Kopf abbeißt und dann den Rest in den Mund stopft, während sich die blassen Tentakeln um Mund und Nase schlängeln, wo sie sich im Todeskampf ein letztes Mal festzusaugen versuchen. Das ist die Sorte Bild, dessen Fangarme auch das Gehirn des Betrachters für einige Zeit umschlingen. Und dabei muß man auch jene Szene erwähnen, in der einem Mann ohne Betäubung mit einem Hammer fünfzehn Zähne gezogen werden. Man sieht nur die Extraktion des ersten - die anderen vierzehn darf man sich vorstellen. Dies ist jedoch kein Horrorfilm, sondern ein Thriller mit Anspruch, und der koreanische Regisseur Park Chan-wook hat damit dieses Jahr in Cannes den großen Preis der Jury gewonnen - vielleicht kein Wunder, wenn man weiß, daß ihr Quentin Tarantino vorstand.

          "Oldboy" ist eine Mischung aus "Graf von Monte Christo" und David Finchers "The Game". Ein Mann namens Oh Dae-su wird darin vor einer Telefonzelle im Regen verschleppt und findet sich in einem Raum ohne Fenster wieder, in dem es ein Bett, eine Dusche und einen Fernseher gibt. Fünfzehn Jahre, so erzählt er aus dem Off, wird er dort verbringen, ohne je zu erfahren, wie lange noch, und vor allem ohne je zu wissen, warum. Fünfzehn Jahre, in denen seine einzige Verbindung zur Außenwelt das Fernsehen ist, in dem er aus den Nachrichten erfährt, daß seine Frau umgebracht worden ist und er der Tat bezichtigt wird. Was mit seiner Tochter passiert ist, weiß er nicht. So ziehen die Jahre in Fernsehbildern vorbei, Dianas Tod, die Jahrtausendwende, die Fußballweltmeisterschaft in Südkorea, und das einzige, was der Mann tun kann, ist, sich vorzubereiten auf den Moment, da er freikommt, indem er sich die Hände an den Wänden blutig schlägt, bis sein Körper so abgehärtet ist wie seine Seele. Und dann, eines Tages, kommt er frei.

          Der Mann findet sich nach einer Betäubung auf dem Dach eines Hochhauses wieder, auf dessen Brüstung ein Mann mit Hund im Arm sitzt, der sich zu Tode stürzen will. Oh Dae-su hält ihn zurück, indem er ihm seine Geschichte erzählt, aber als der Lebensmüde seinen Leidensweg loswerden will, wendet sich Oh Dae-su ab und geht davon. Als er auf die Straße kommt, sieht man im Hintergrund den Selbstmörder auf ein Autodach stürzen. Das ist die Sorte schwarzer Humor, die Tarantino wahrscheinlich gefällt, die dem Film aber jene mutwillige Note verleiht, welche die existentialistische Schwerkraft der Geschichte immer wieder untergräbt. In einer Sushi-Bar trifft Oh Dae-su eine junge Köchin, und als sie ihm die Hand auf die seine legt, wird er erst mal ohnmächtig. Fünfzehn Jahre ohne menschliche Berührung haben ihn nicht nur abgehärtet, sondern auch aufs äußerste sensibilisiert. So macht er sich auf die Spur seiner Peiniger, indem er alle Teigtaschenhersteller der Stadt abklappert, um jenen Geschmack wiederzufinden, den er nach fünfzehn Jahren unter allen anderen herausschmecken kann. Er sinnt auf Rache, aber auch in der Freiheit ist er seinem Feind ausgesetzt, der weiter sein Spiel mit ihm treibt und ihm am Telefon die Aufgabe stellt, herauszufinden, warum er eingesperrt wurde.

          Oh Dae-su mag wie eine Figur von Kafka anmuten, aber mehr noch erinnert "Oldboy" an die Filme von David Fincher, der in "The Game" ein ähnlich zynisches Spiel mit Michael Douglas getrieben hat und an dessen visuellen Spielereien aus "Fight Club" sich Chan-Wook Park offenbar orientiert. Wenn etwa Dae-su mit erhobenen Hammer hinter einem seiner Gefängniswärter steht, dann zeichnet eine gestrichelte Linie den Weg vom Hammer zum Kopf des Opfers vor, ehe der Schlag ausgeführt wird. Das sieht wie all die exzentrischen Einstellungen, die aus Untersicht oder Vogelperspektive das Geschehen akzentuieren, natürlich cool aus, führt aber nicht wirklich weit, weil sich die Ironie der Inszenierung nicht recht mit der Lakonie der Geschichte vertragen will. So ist "Oldboy" ein zwar sehenswerter Film, der sein Potential letztlich aber verschenkt - so wie all die asiatischen Filme, die so cool sein wollen wie Melville und am Ende doch nur hysterisch wirken.

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