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Kino Enttarnt

18.09.2007 ·  Romuald Karmakar hat mit „Hamburger Lektionen“ einen Dokumentarfilm über die Hasspredigten von Mohammed al-Fazazi gedreht. Zu den Zuhörern des islamistischen Predigers gehörte auch ein Pilot der Terroranschläge vom 11. September. Von Verena Lueken.

Von Verena Lueken
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Als Romuald Karmakars Film „Hamburger Lektionen“ bei der Berlinale 2006 vorgestellt wurde, schrieben wir, dies sei der Film zur Lage – damals war es der Karikaturenstreit, der für Aktualität sorgte. Allerdings konnte sich kein Verleiher entschließen, den Film auch in die Kinos zu bringen. Dies tut nun, nach mehr als einem Dutzend Festivalaufführungen auf der ganzen Welt, mit mehr als eineinhalbjähriger Verspätung der kleine Farbfilm Verleih mit immerhin zehn Kopien – zufällig gerade zeitgleich mit dem Bericht eines Fernsehsenders, die islamistischen Terrorverdächtigen, die kürzlich im Sauerland festgenommen wurden, hätten im Kontakt mit dem in Frankfurt aktiven Hassprediger Said Khobaib Sadat gestanden.

Vielleicht braucht der Film diese direkte Anbindung an die Tagesaktualität, um eine größere Anzahl von Zuschauern zu finden als das spärliche Häuflein, das sich zu einigen Vorpremieren in den letzten Tagen aufmachte. Tatsächlich ist der Entspannungswert des Films gering. Der Erkenntnisgewinn umso größer, jedenfalls für den, der sich an den Gedanken gewöhnt hat, dass eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit Islam und Islamismus nicht dazu führen wird, dass unser Leben von ihnen unbeeinflusst bleibt.

Hundertvierunddreißig Minuten

Ein flache Häuserfront in Hamburg, Sankt Georg, Steindamm 103, die Adresse der Al-Quds-Moschee. Diese Straßenansicht ist das einzige Bild aus der äußeren Wirklichkeit, das wir im Film sehen werden, einmal bei Tag, einmal bei Nacht. Dann blicken wir auf Manfred Zapatka, auf einem Hocker sitzend. Er trägt ein dunkles Hemd unter einem dunklen Jackett und eine Brille, Dekoration gibt es keine. Der Text, den er hundertvierunddreißig Minuten lang vom Blatt oder von kleinen Zetteln abliest, die ihm zugereicht werden, besteht aus zwei Predigten von Mohammed Ben Mohammed al-Fazazi.

Auf den Zetteln stehen Fragen aus dem Publikum, die sofort im Sinne einer aus dem Koran abgeleiteten Lebenshilfe beantwortet werden. In der zweiten Predigt geht al-Fazazi auf direkte Wortbeiträge seiner Zuhörer ein. Darf man mit einem gefälschten Reisepass auf Pilgerfahrt gehen, will einer wissen. Steht das Gut von Ungläubigen unter dem Schutz des Diebstahlsverbots, ein anderer. Dürfen die Kinder von Ungläubigen getötet werden? Die Frauen? Dürfen Frauen in Not allein reisen?

Mit terroristischen Anschlägen in Verbindung gebracht

Gehalten wurden die Predigten in den letzten Tagen des Fastenmonats Ramadan im Januar 2000 in der Hamburger Al-Quds-Moschee. Ein Anwesender hat sie auf Video festgehalten, das Band wurde später in und außerhalb der Moschee verkauft. Fazazi, der seit Ende der neunziger Jahre Imam der Al-Quds-Moschee war, lehrt die salafistische Variante des Islams. Es ist bekannt, dass drei der vier Selbstmordpiloten des 11. September 2001 sowie andere Mitglieder der Hamburger Gruppe mit al-Fazazi in Kontakt standen und regelmäßig seine Predigten hörten.

Im Oktober 2001 kehrt Fazazi in seine Heimat Marokko zurück. Nach den Anschlägen von Casablanca wird er 2003 dort verhaftet und wegen Anstiftung zum Mord und der Teilnahme an der Planung terroristischer Akte zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Auch mit den Anschlägen von Madrid ein Jahr später wird er in Verbindung gebracht, er soll ein Mobiltelefon im Gefängnis haben. In Deutschland wurde er nie belangt.

Neutral vorgetragene wortwörtliche Übersetzung

Karmakar ließ die Predigten vom Band transkribieren und von einem Team aus zehn Übersetzern und Bearbeitern unter dem Lektorat von Stan Nadolny in eine wortwörtliche deutsche Fassung übertragen und schließlich von Manfred Zapatka in gleichmäßig neutralem Ton vor der Studiokamera vortragen. Die Einstellungen wechseln kaum. Mal sehen wir Zapatka mehr im Profil, dann wieder frontal, mal ein wenig näher, mal weit genug entfernt, um das Wasserglas in den Blick zu bekommen, das neben ihm auf einem zweiten Hocker steht. Untertitel informieren uns über Lachen, Unruhe, Gemurmel oder Kindergeschrei im Hintergrund – ein Hinweis auf den sozialen Kontext, in dem gepredigt wurde, Erinnerung daran, dass es ein lebendiges Umfeld war, in das diese Worte fielen.

Das ist der ganze Film – zwei, drei Bilder und der lange Text. Keine Musik. Nichts wird nachgestellt, niemals getan, als ob. Was einmal Propaganda war, wird in Karmakars abstraktem Setting zum Dokument aus einem hermetischen Universum mitten in Deutschland, das in dieser Kargheit in vollkommener, brutaler Klarheit vor uns steht: die Lektionen eines Hasspredigers.

Banale Wörter wie Danone oder Zahnpasta

Immer wiederkehrende Formulierungen unterstreichen das Sermonhafte des Vortrags – Gott weiß es besser, ist eine dieser Redewendungen und auch die nicht ganz befriedigende Antwort auf die Frage nach der Zulässigkeit des gefälschten Passes auf der Fahrt nach Mekka. Es gibt keinen Gott außer Gott, eine andere, Gott, gepriesen sei er, ist der Zusatz, der niemals fehlen darf. Und zwischen diesen Formeln entwickelt sich langsam eine elliptische Argumentationsführung, aus der so banale Wörter wie Danone oder Zahnpasta (von deren Diebstahl er angesichts fetterer Beute, die zu machen wäre, abrät) herausragen und an deren Ende so etwas steht wie der Aufruf zum totalen Krieg.

Auf dem Weg dorthin wird vor der Gefährlichkeit islamischer Gruppen gewarnt, die die Scharia aus dem Glauben lösen wollen, und daran erinnert, dass der Islam sich in alles einmischt, in die Politik, die Wirtschaft, die Ehe, das Essen, die Beerdigungen, Kleidung und Recht, und dass man sich nicht einfach eine Scheibe von ihm abschneiden und den Rest anderweitig, demokratisch etwa, regeln kann. Härte und Barmherzigkeit des Propheten werden ausgebreitet, wobei die Barmherzigkeit der islamischen Gemeinschaft zuteil wird und die Härte all denen, die sie bedrohen.

Verstehen lernen, was eine Hasspredigt ist

Man muss sich, um zu verstehen, was in diesen Predigten vor sich geht, einhören in das, was gesagt wird, den Girlanden folgen, den Abschweifungen und sophistischen Wendungen. Ausschnitte, deftige Passagen, besonders deutliche Aufrufe zum Bruch der Gesetze in Deutschland, ließen sich zwar herauslösen, zerstörten aber, worum es hier eigentlich geht: dass wir verstehen lernen, was eine Hasspredigt ist. Dass wir die Binnenstruktur eines Denkens erkennen, das darum kreist, uns zu vernichten.

Dass wir Narrative, die uns zunächst fremd erscheinen, zu begreifen beginnen und möglicherweise Strukturen wiedererkennen, die in unserer eigenen totalitären Vergangenheit wirksam waren und die Karmakar in seiner ganz ähnlich inszenierten Dokumentation von Himmlers Posener Rede in seinem „Himmler-Projekt“ vorführte. Und dass wir angesichts des Demagogen der Aufklärung verpflichtet bleiben.

„Hamburger Lektionen“ läuft am 20. September in den Kinos an.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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