24.03.2006 · Das Gras ist quietschgrün, die Äpfel sind knallrot, die Großmutter hat einen weißen Dutt und der Räuber ist nicht böse und auch nicht richtig gut. Armin Rohde spielt in Gernot Rolls neuem Film den Hotzenplotz für eine neue Generation.
Von Monika OsberghausBraucht jede Generation ihren eigenen „Räuber Hotzenplotz“? Für die heutigen Eltern und Großeltern hat sich Gert Fröbe als der einzig wahre Hotzenplotz ins Gedächtnis gegraben, die Kinder aber kennen den Klassiker von Gustav Ehmck in der Regel nicht. Sie werden jetzt neu justiert. Sollten sie später einmal einen Film sehen, in dem Armin Rohde mitspielt, wird ein seltsam bekanntes Gefühl - eine Art gemütliche Angst - sie beschleichen. Wiedererkennen werden sie Rohde nicht. Nur die Augen werden sie an irgend etwas erinnern. Denn diese Augen gehören ab sofort dem Räuber Hotzenplotz. Man könnte auch sagen, der Räuber hat sie dem Schauspieler gestohlen. Es wird schwer werden, sie ihm wieder abzuspielen. Sie ihm anzuspielen war auch nicht leicht. Es war für ihn, sagt Armin Rohde, die bislang schwerste Rolle.
Eine Figur wie der Hotzenplotz ist heute wichtiger denn je. Kinder brauchen solche starken burlesken Gestalten, die im Gegensatz zu vielem, was sich neuerdings wild nennt, wirklich wild sind: vital, dreist, überraschend, verunsichernd. Und dumm. Holzköpfe eben, vor denen man kreischend abhauen kann, um sie im nächsten Moment zu überlisten. Otfried Preußler hat die Geschichte vor gut vierzig Jahren als schlichtes Kasperle-Märchen geschrieben, mitten in die antiautoritäre Erziehungsbewegung hinein. Die Dimpfelmosers unter den Kinderbuchvermittlern gingen sofort auf diesen rückständigen Kerl los, der sich erlaubte, die Hauptfigur einer Geschichte zu sein, die weder politisch korrekt noch realistisch war, sondern ein Märchen mit dem guten alten Kasperltheaterpersonal, das die Kinder mit seinen wackelnden, grobgeschnitzten Holzköpfen ängstigt und zum Lachen bringt.
Kasperltheater in Realverkleidung
Gernot Rolls Neuverfilmung unterläuft nun ebenfalls den Zeitgeist. Sie verzichtet darauf, den üblichen Geräuschebrei über jeder Szene auszukippen oder mit unmotiviert herbeigeführten Spezialeffekten kurzatmige Spannung herzustellen. Otfried Preußler persönlich hat über die Drehbuchgestaltung gewacht und bürgt für eine stringente Geschichte. Der Vorspann, der als Marionettenspiel daherkommt, signalisiert schon Gernot Rolls Entscheidung zur Schlichtheit. Tatsächlich sehen wir ein im besten Sinne naives Kasperltheater in Realverkleidung mit exzellent agierenden Darstellern, einen Film in den Grundfarben des Kinderlebens von damals, wann auch immer das war: Das Gras ist quietschgrün, die Äpfel sind knallrot, die Großmutter hat einen weißen Dutt und der Räuber ist genau richtig böse, also auch ein bißchen lieb.
Stolz verweist der Produzent des Filmes darauf, daß die Spezialeffekte zurückhaltend eingesetzt wurden. Unter Zurückhaltung verstehen wir etwas anderes, und mit diesem Hotzenplotz hätte man getrost ganz auf sie verzichten können. Armin Rohde füllt seine Rolle grandios aus: Mit derber, naiver Ungeschlachtheit rollt er die Augen und zeigt seine dreckigen Zähne, tobt durch den Wald und bedroht die Großmutter. Ihm dabei zuzuschauen ist ein Räuberfest. Dieser Hotzenplotz ist dumm, ohne albern zu werden, und grob, ohne brutal zu sein. Die Kinder werden ihn vollkommen ernst nehmen, fürchten und lieben.