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Kino Die Strategie des Känguruhs

27.01.2006 ·  Es ist nur ein Film, aber das ist für den Zuschauer kein Trost: Michael Hanekes mustergültig komponiertes Drama „Caché“ ist ein Meisterwerk über die Schatten der Vergangenheit - Antikino in Vollendung.

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Die Rue des Iris in Paris, die man in der ersten Einstellung von „Caché“ zu sehen bekommt, gibt es tatsächlich. Es ist eine kleine Straße im dreizehnten Arrondissement, die in einem Bogen auf die Rue Brillat-Savarin zuführt, in einer ruhigen Gegend mit gemischtem Publikum, Mietern, Hausbesitzern, Klein- und Großbürgern. An der Straßenecke steht, genau wie im Film, ein zweistöckiges Stadthaus mit Atelierfenstern und weißem Vorbau. Oder besser: Es steht in Michael Hanekes Film genauso da wie in Wirklichkeit. Nur daß es in „Caché“, je länger man es betrachtet, unmerklich zu zittern scheint.

Der Film läßt sich Zeit. Minutenlang betrachtet er nur das Haus und die Straße davor, die parkenden Autos, die Blumen auf einem nahen Balkon. Vogelzwitschern; ein Radfahrer fährt vorbei; ein Mann tritt aus der Tür. Dann sagt eine Frauenstimme: „Das Band läuft über zwei Stunden.“ Die Stimme zerstört die Illusion, dies hier könne eine Geschichte wie alle anderen sein. Es ist der erste tiefe Riß in diesem aus Rissen und Brüchen komponierten Film - und der nachhaltigste. Kurz darauf sieht man, wie das Band zurückgespult wird: Jetzt löst sich das Haus selbst in flirrende Fetzen auf. Es ist ja nur ein Bild, möchte man sich selbst beruhigen; aber das ist in „Caché“ kein Trost.

Aber wer sieht wen?

Nun treffen wir die Bewohner des Hauses. Es sind Georges (Daniel Auteuil) und Anne Laurent (Juliette Binoche), ein Fernsehmoderator und eine Verlagslektorin, mit ihrem zwölfjährigen Sohn, Pierrot. Zwei erfolgreiche Medienleute mit intellektuellen Ansprüchen; zum Abendessen im Bücherzimmer trinken sie Bordeaux. Jemand hat ihnen ein Video geschickt, auf dem ihr Haus zu sehen ist. Ich sehe euch, heißt das. Aber wer sieht wen? Kurz darauf erhält Georges einen Umschlag, in dem eine Art Kinderzeichnung steckt: ein Gesicht, aus dem Blut quillt. Heißt das: „Ich töte euch“? Oder, wie es die Geschichte später nahezulegen scheint: „Ich töte mich, und ihr schaut zu“?

Als Michael Haneke im Mai in Cannes für diesen Film einen Jurypreis als bester Regisseur bekam (dem im Dezember der Europäische Filmpreis folgte), war ihm die Enttäuschung darüber anzumerken, daß er nicht die Goldene Palme gewonnen hatte. Das ist verständlich, denn „Caché“ ist Hanekes Meisterwerk, ein Film, der auf perfekte Weise all das zusammenführt, was sein Autor in „Code Inconnu“, „Funny Games“, „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ oder „Bennys Video“ einzeln entwickelt hat.

Sie müßte das Kino verdammen

Andererseits erscheint es durchaus konsequent, wenn Haneke der Hauptpreis des wichtigsten Festivals der Welt, das seit siebzehn Jahren alle Filme des Österreichers zeigt, auch weiterhin verwehrt bleibt. Denn eine Jury aus Filmleuten, die ihm die Palme verliehe, müßte ihre eigene Unzuständigkeit erklären. Sie müßte zugeben, daß ihre Mitglieder, sei es als Schauspieler, Regisseure oder Produzenten, zeit ihres Lebens nichts anderes getan haben, als die Leinwand mit überflüssigen, konsumistischen, fallweise zynischen oder lächerlichen Bildchen zu verstopfen. Sie müßte das Kino, dem ihr Walten und Wirken gilt, als Rummelplatz der Selbstvergessenheit verdammen. Ebendas tut Michael Haneke in allen Äußerungen, die es von ihm gibt. Und diese Einsicht setzt er auch in seinen Filmen um.

Es genügt nicht, Haneke als filmischen Moralisten zu bezeichnen. Denn er moralisiert nicht nur, sondern schlägt auch zu, er baut seine Kirche im Herzen der Hauptstadt des Feindes und erklärt ihm den Krieg. Daß Hanekes Kino eine natürliche Nähe zum Attentat hat, konnte man am deutlichsten in „Funny Games“ erkennen, dem Film, der zugleich am allernächsten an der ästhetischen Entgleisung war, weil er den Zuschauer mit Gewaltbildern bombardierte, deren Wirkung ihm selbst entglitt. Davon kann in „Caché“ keine Rede sein. Hier ist alles im Gleis, eiskalt austariert und zugleich menschlich verständlich, und der Schockmoment, den man vom ersten Augenblick an erwartet, kommt so unvermeidlich und doch so überraschend, daß man sich im Kinosessel instinktiv selbst an die Kehle greift. Ach, es ist ja nur ein Film. Aber das ist hier kein Trost.

Ein Junge, der Blut spuckt

„Caché“ deutet auf etwas Verborgenes, und tatsächlich hat Georges Laurent, der smarte Moderator einer Literatur-Talkshow mit hohen Einschaltquoten, ein düsteres Geheimnis, das tief in seine Kindheit zurückreicht. Wir erfahren davon durch seine Träume. Diese Traumbilder sind die einzigen, die in „Cache“ ganz filmisch wirken, unkorrumpiert durch Fernsehästhetik und Videoeffekte, durch Studioatmosphäre und Wohnzimmermuff. Sie zeigen einen Jungen auf einem Bauernhof, der einem Hahn den Kopf abschlägt und mit dem blutigen Beil auf die Kamera zugeht, einen Jungen, der Blut spuckt und schließlich von zwei Fremden in einem grauen Auto abgeholt wird.

Georges hat das Leben dieses Jungen zerstört, aber das Wissen um seine Tat ist in ihm vergraben wie eine Filmkassette im Archiv. Erst die anonymen Videos und die Zeichnungen, die sie begleiten, holen es wieder hervor. Ein Bild ruft das andere, auch wenn der Urheber der Bänder, anders als in einem handelsüblichen Thriller, bis zuletzt unklar bleibt. Und die Bilder schreien so laut, daß Georges Laurent ihren Lärm am Ende nur noch mit Schlaftabletten ertragen kann, so daß er nicht mehr bemerkt, wie seine Frau und sein Sohn sich von ihm entfernen. Es ist, als brütete sein Unterbewußtsein selbst das Unheil aus, out of the past, wie ein großer Gangsterfilm aus Hollywoods existenzialistischen Tagen heißt.

Juliette Binoche im Wollpulli

Ein Kunstmittel Hanekes, um die Fassade der Normalität zum Einsturz zu bringen, besteht darin, seine Akteure zur Kenntlichkeit zu entstellen. Juliette Binoche schlurft in Sandalen und Wollpulli wie eine Bäuerin durch „Cache“, und Daniel Auteuil trägt seinen Bauch wie einen Känguruhbeutel vor sich her. Mit österreichischen Theaterschauspielern hätte er einen vergleichbaren Effekt kaum erzielt. Aber ebendarin liegt Hanekes Erfolgsrezept: Er betreibt Antikino mit Filmstars. Er ist der Guerrillero im Salon. Sein Formbewußtsein ist makellos, sein Instinkt bei der Besetzung der Rollen - etwa bei Maurice Benichou, der den Gegenspieler Auteuils verkörpert - untrüglich. So dreht er perfekt stilsichere und handwerklich saubere Filme über unreine und zutiefst verunsichernde Sujets. Adorno, den Haneke verehrt, hätte gesagt: Sein Kino spiegelt die Antinomie moderner Kunst. Es ist so still, damit es lauter schreien kann.

Am Ende entkommt auch „Cache“ nicht der Zweideutigkeit alles Ästhetischen. Der Film rüttelt unser bürgerliches Gewissen auf, aber er ist auch auf eine Weise gelungen, die man genießen, mindestens nachempfinden kann. Die Unerbittlichkeit, mit der Haneke seine Enthüllungsgeschichte vorantreibt, die fragmentarische Präzision der Videobilder und die innere Glaubwürdigkeit der Figuren sind eben nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch eine des Könnens, der Kunst. Und in dieser Disziplin muß sich Haneke hinter keinem heutigen Kino-Kulinariker verstecken. Noch die letzte Einstellung seines Films, die vor der Schule von Georges' Sohn Pierrot spielt, ist so mustergültig komponiert, daß man ihren eigentlichen Inhalt fast übersieht. Erst auf den zweiten Blick erkennt man das Drama, auf das sie hindeutet. Ein Schock, in Schönheit gehüllt, das ist Michael Hanekes Film. „Caché“: touché.

Quelle: F.A.Z., 26.01.2006, Nr. 22 / Seite 39
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