04.02.2008 · Filmleichen im Keller: „Mondkalb“, der dritte Spielfilm von Sylke Enders erzählt in starken, ruhigen Bildern von zwei Erwachsenen und einem Kind, die gegen ihre Dämonen kämpfen.
Von Tilman Spreckelsen„Sie können Musik hören“, sagt der neue Chef und lächelt teigig, er turnt jovial herum, zeigt seinen kleinen Betrieb im tiefsten Osten vor und macht überdeutlich, dass er keine Vorurteile hat, auch nicht Menschen gegenüber, die gerade frisch aus dem Gefängnis kommen - übrigens: Wofür habe seine neue Laborantin eigentlich gesessen?
Sie hätte damals ihren Mann um ein Haar erschlagen, sagt sie, mit demselben schockstarren Lächeln wie zuvor, und einen Moment lang verschlägt es auch dem quirligen Chef die Sprache. „Sie können Musik hören.“ Das heißt hier: Sie sind, ob Sie nun wollen oder nicht, den ganzen Tag über dem Dudelfunk ausgesetzt, den Ihre mürrischen Kolleginnen anstellen, um ihre Langeweile zu übertönen. Und es scheint nicht so, als ob die Neue daran irgendeinen Anstoß nähme. Es ist, wie es ist, und solange man ihr vom Leib bleibt, ist alles gut.
Brillanz und Intensität
So beginnt „Mondkalb“, der dritte Spielfilm von Sylke Enders nach dem fulminanten „Kroko“ (Im Kino: "Kroko" von Sylke Enders) und „Hab mich lieb!“ von 2004, und in diesem Spannungsfeld aus Einigelungsverlangen und fortgesetzter Zumutung von außen spielt Juliane Köhler die Heimkehrerin Alex mit einer Brillanz und Intensität, dass es einem mitunter den Atem verschlägt: Ihr Gesicht ist wachsam, das Lächeln steinern, sie sichert pausenlos ihr Terrain, und dass sich der kleine Tom trotzdem in ihren Garten und sogar in ihr Haus zu schleichen traut, grenzt an ein Wunder.
Toms Vater, der muntere Fahrlehrer Piet, umwirbt Alex mit ähnlicher Beharrlichkeit, und Axel Prahl verleiht dieser Figur von Anfang an die Ahnung eines Abgrunds, der sich nur zu bald zeigt: Der liebe, lustige, charmante Mann, der Alex zum Lachen und für einen kurzen Moment sogar zum Tanzen bringt, drischt eben auch mitunter besinnungslos auf seinen Sohn ein. Der aber, gespielt von Leonard Carow, ist das geheime Zentrum dieses Films. In der jeweiligen Beziehung zu ihm zeigt sich, was die übrigen Figuren eigentlich ausmacht. Er ist es, der mit seiner schieren Präsenz diverse Wendungen in der Handlung hervorbringt, und während man sich noch fragt, welche Dämonen in diesem schweigsamen Kind lauern mögen, das sich hinter dem langen Haar verbirgt und nur ab und zu das Feuerzeug aufschnappen lässt, gewinnt man rasch eine Ahnung davon, was es heißt, mit ihm umzugehen.
Nachhall einer Katastrophe
Es ist die Stille nach dem Schuss, der Nachhall einer fernen Katastrophe, der diese Existenzen prägt, jede für sich, aber auch alle drei gemeinsam. Toms Mutter, erfährt man bald, brachte sich um, und dass der Junge sie damals fand, wie sie von der Zimmerdecke hing, ist nichts, was er je vergessen könnte. Warum Alex damals so wüst auf ihren Mann einschlug, bleibt zwar unerklärt, aber ihre besondere Sensibilisierung für Spuren elterlicher Gewalt auf Kinderkörpern lässt den Grund zumindest ahnen - nur dass ihre Tochter, um die es damals möglicherweise ging, nichts mehr von ihr wissen will. Und Piet lässt das zwanghafte Stehaufmännchen erkennen, den munteren Kerl, der so lange alles weglächelt und wegwitzelt, bis er nicht mehr kann und, völlig überfordert, um sich schlägt.
All dies zeigt Enders in starken, ruhigen Bildern, die, wenn dann doch etwas passiert, umso heftiger wirken. Sie verharrt auf den Gesichtern von Alex und Piet ebenso wie auf den Körpern, sie arrangiert Begegnungen und Zwiegespräche, die sehr rasch alles Zufällige verlieren und da hingehen, wo es wehtut. Nur manchmal ist diese Stilisierung etwas aufgesetzt, wenn sich etwa schwer symbolisch ein Gitter zwischen Alex und Piet schiebt, nachdem sie eben noch so einträchtig miteinander tanzten.
Am Ende hat sich die Lage zwischen Vater und Sohn verändert, für Alex ist sie äußerlich fast gleich geblieben. Dass sie so, wie sie hier angekommen ist, nicht weitermachen kann, weiß sie auch. Mehr Hoffnung ist in diesem Film nicht zu haben.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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