02.07.2004 · Der Dreiklang des Fortsetzungskinos geht so: Original, Eskalation, Reflexion. Auch der Animationsfilm, wie „Shrek 2“ zeigt, folgt diesem bewährten Muster, bisher jedenfalls.
Von Michael AlthenFrüher war es die Ausnahme, wenn Erfolge eine Fortsetzung fanden - heute ist es nicht nur die Regel, sondern Hollywoods einzige Strategie. Der Dreiklang des Fortsetzungskinos ging so: Original, Eskalation, Reflexion. Folgte also im zweiten Teil die Ausweitung der Kampfzone, so führte in Teil drei die Reise nach Innen. Was das angeht, folgt "Shrek" dem alten Muster. War das Original noch eine Abrechnung des DreamWorks-Chef Jeffrey Katzenberg mit seinem früheren Arbeitgeber Disney, so zieht "Shrek 2" nun ganz Hollywood durch den Kakao. Aber das grüne Ungeheuer am Anfang von seinem ironischen Blick auf Erzählmuster lebte, ist es schon im zweiten Teil bei der Selbstreflexivität angekommen. Es vergeht kaum eine Szene ohne augenzwinkerndes Zitat, so daß es fast ein Wunder ist, wie gut der Film trotzdem funktioniert. Daß er nicht nur deshalb funktioniert, beweist die Tatsache, daß Kinder, denen die ganzen Querverweise nichts sagen, trotzdem ihren Spaß haben. Erwachsene hingegen finden in "Shrek 2" jenes Vergnügen wieder, mit dem auch die amüsanteren amerikanischen Fernsehserien das Leben als fortwährenden Versuch zeigen, sich einem Reim auf die Vorbilder aus der Popkultur zu machen.
Das beginnt schon mit der Besetzung der Synchronsprecher: Im Original wird Shrek von Mike Myers gesprochen, und es ist eine hübsche Pointe, daß bei uns der Ex-Schönling Sascha Hehn dem grünen Ungetüm die Stimme leiht. Shreks nicht minder grüne Gattin Fiona ist hier mit Esther Schweins und dort mit Cameron Diaz besetzt; und wo Antonio Banderas den gestiefelten spanischen Kater gibt, gelingt diesmal Benno Fürmann eine ziemlich lustige Annäherung an das Original. Weitere Rollen wie Eddie Murphy als Esel und John Cleese als König hat man sinnvollerweise mit den entsprechenden Synchronsprechern besetzt. Dadurch erhält sich jener merkwürdig Effekt des Originals, daß es eigentlich nicht so wirkt, als sollten die Schauspieler in die Trickfiguren schlüpfen, sondern als versuchten die Computerwesen, ihre Synchronsprecher nachzuäffen. Wenn also Shrek immer wieder seine Hand vor sein grinsendes Maul hält, dann erkennt man darin Mike Myers in seiner Rolle als Austin Powers. Von dieser Art der Doppelbelichtung lebt der ganze Film, der nicht mehr über Märchenkonventionen den Bezug zur Wirklichkeit sucht, sondern über filmische Erzählformen stets auf Hollywood verweist.
Shrek und Fiona sind nun also verheiratet, wälzen sich wie Burt Lancaster und Deborah Kerr in der Meeresbrandung und würden glücklich bis an ihr Ende fröhlich gemeinsam im Schlamm furzen, wenn nicht die Schwiegereltern auf einem Antrittsbesuch bestünden. So folgt Shrek widerwillig seiner Frau nach Weitweitweg, was natürlich nur ein Synonym für Hollywood ist. Der Ortsname steht in großen Lettern in den Hügeln, das Eingangstor erinnert an das von Paramount, das Schloß ans Zuckerbäckervorbild in Disneyland, der rote Teppich an die Oscarverleihung - und auch sonst scheint die mittelalterliche Welt der Ritter, Feen und Drachen von Beverly Hills eingemeindet worden zu sein. Wenn man davon absieht, daß der Schriftzug von Versace als Versarchery in einer Boutique für Bogenschützenmode auftaucht, hat man sich erstaunlich wenig Mühe gegeben, die Illusion von märchenhafter Vergangenheit aufrecht zu erhalten. Damit wird vermutlich schon der Boden bereitet für eine weitere Fortsetzung, in der Shrek dann eine Zeitreise in die unmittelbare Gegenwart antreten kann, die nicht nur aus Anspielungen besteht.
Fürs erste ist das Mittelalter also die reinste Postmoderne, und das ganze Feuerwerk von Gags und Zitaten würde womöglich ermüden, wenn nicht die Beziehung des Paares die Sache im Herzen zusammenhalten würde. Im zweiten Teil erinnern die beiden mitunter an Spencer Tracy und Katherine Hepburn, was zur Abwechslung keine Anspielung ist, die verstanden sein will, sondern eine Sache der Überzeugung. In all dem computeranimierten Klamauk schlägt ein grünes Herz, das den rosaroten Illusionen Widerstand leistet. Und die schlichte Moral lautet, daß man sich von dem ganzen Blendwerk aus schönen Feen und falschem Zauber nicht vom eigenen Weg und den wahren Gefühlen abbringen lassen soll. So gesehen steht das grüne Ungeheuer für die Ungeheuerlichkeit der wahren Gefühle, die zwischen geschniegeltem Auftreten und zivilisiertem Benehmen ihren Platz beanspruchen. Aber der Shrek hat nachgelassen, der Zauber der ersten Liebe ist verflogen, jetzt geht es vor allem darum, die grüne Form zu wahren. Das ist in Hollywood natürlich auch eine Form der Imagepflege. Denn dort ist ein Ende nur dann wirklich happy, wenn es einer Fortsetzung nicht im Wege steht.