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Kino Die Frau, die sich vervielfältigt

10.09.2009 ·  Nichts ist überraschender als das eigene Leben, im Rückblick betrachtet: In „Les plages d'Agnès“ blickt die große französische Dokumentarfilmerin Varda ganz ungravitätisch und experimentierfreudig auf ihre Biografie. Das Berliner Arsenal begleitet den Filmstart mit einer großen Werkschau.

Von Bert Rebhandl
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In Frankreich bekommt man für jedes Lebensjahr einen Besen. Selten wird dies wörtlich genommen, wie in „Les plages d'Agnès“ von Agnès Varda. Da wird der achtzigste Geburtstag der Künstlerin nämlich tatsächlich genau damit gefeiert: mit achtzig Besen. Der Kehraus, der sich damit veranstalten ließe, passt durchaus zum nonchalanten Gestus dieses autobiographischen Films. Es verhält sich allerdings auch so, dass Agnès Varda bei ihrem Rückblick auf ein langes künstlerisches und privates Leben konsequent die unerwarteten Wendungen wählt und viele naheliegende Anschlüsse bewusst vermeidet. Mit den Besen wird also nichts unter den Teppich gekehrt, es wird aber auch nicht der künstliche Strand beiseitegeschafft, der mitten in Paris vor dem Büro der Firma von Agnès Varda aufgeschüttet wurde.

Nichts, so lernen wir aus „Les plages d'Agnès“, ist überraschender als das eigene Leben, im Rückblick betrachtet. Gerade in Frankreich ist das Genre der Selberlebensbeschreibung ja eher durch schonungslose Selbstbetrachtungen im Stile von Rousseau oder Sartre geprägt, der ungravitätische Unterschied, den Agnès Varda dazu macht, hat vielleicht auch mit ihrem Geschlecht zu tun und mit ihrer einzigartigen Position im französischen Kino der Nachkriegszeit. Sie kam zuerst („La pointe courte“, 1954), und sie ist im einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch da. Zwischendurch musste sie allerdings die Aufmerksamkeit sehr häufig mit Männern teilen, mit den Stars der Nouvelle Vague in den sechziger Jahren, mit ihrem Lebenspartner Jacques Demy und dessen federleichten Musicals ein wenig später. Seit Demy 1990 starb, ist Agnès Varda auf sich selbst gestellt, aber es hat immer noch eine Weile gedauert, bis sie ganz aus dem Schatten getreten ist und als große Künstlerin eigenen Rechts anerkannt wurde.

Das Selbst zerfließt am Meer

Seit einiger Zeit ist es auch in Deutschland so weit. Mit dem bundesweiten Start von „Les plages d'Agnès“ geht eine große Werkschau im Berliner Arsenal einher. Agnès Varda wird dabei als Film- wie als bildende Künstlerin präsentiert, die in den letzten Jahren zunehmend auch installativ gearbeitet hat und dabei vor einem Auftritt als Kartoffel bei der Biennale von Venedig nicht zurückscheute. Im Grunde ist „Les plages d'Agnès“ selbst eine Werkschau, allerdings eine, die nicht auf Vollständigkeit zielt, sondern sich vom Staunen leiten lässt, das die Zeit zwischen die eigenen Filme und deren um viele Jahre gereifte Betrachterin gestellt hat. Diese Zeit hat in „Les Plages d'Agnès“ ein besonderes Medium. Am Meer ist Agnès Varda ganz bei sich, das hat mit ihrer Kindheit in dem belgischen Ort Sète zu tun, aber auch mit dem Haus, das sie mit Jacques Demy über viele Jahre hindurch in einem Küstenort geteilt hat. Am Meer kommen die Wellen auf die Betrachterin zu, das Wasser fließt nicht so vorbei, dass sich unweigerlich die Metapher von einem Strom des Lebens aufdrängt.

Am Meer werden die Menschen sich selbst zum Rätsel. Agnès Varda inszeniert dies, indem sie sich am Sandstrand in einem Spiegelkabinett versteckt, das ihre Assistenten von der Firma Cine Tamaris aufstellen. Das Manöver läuft dabei nicht auf kokette Selbstdekonstruktion hinaus, sondern auf einen Raum der freien Korrespondenz - die Agnès Varda von heute erinnert sich an die Agnès Varda von damals anhand der Bilder, in die sich die Distanz objektiviert hat.

Sich selbst aufsammeln

Es gibt sehr ernste Stellen in „Les plages d'Agnès“, vor allem dort, wo Varda die Tücke des Gedächtnisses vor Augen geführt bekommt. Aber insgesamt überwiegt das Glück, die Spuren eines umfangreichen und weit verzweigten Werks gelegt zu haben, das schon zwischendurch immer wieder der Selbsterforschung gedient hatte. „Documenteur“ (1981) bezieht sich auf die Zeit, die Agnès Varda und Jacques Demy in den späten Sechzigern in den Vereinigten Staaten verbracht haben, mit dem Titel vollzog Agnès Varda aber auch ein Manöver, das sie jetzt in „Les plages d'Agnès“ wiederholt: Sie versteckt sich mit ihrer Aufrichtigkeit in einem Dementi. Die unaufrichtige „Dokulügnerin“ könnte man zwischen den Spiegeln am Strand wiederzuerkennen suchen, aber da wie dort geht es nicht darum, sich von sich selbst zu dispensieren, sondern sich experimentell zu vervielfältigen. (Einer der Wahlverwandten, die in „Les Plages d'Agnès“ eine Rolle spielen, ist Chris Marker, der gern mit Pseudonymen arbeitet und sehr auf Anonymität bedacht ist.)

In dem Kurzfilm „Ulysse“ (1982) ging Varda von einer Fotografie aus, die sie in den fünfziger Jahren gemacht hatte - ein Junge, ein nackter Mann, eine tote Ziege an einem Strand. Die beiden menschlichen Protagonisten in diesem Bild treten in dem Film viele Jahre später wieder auf, der Mann neuerlich nackt, nun aber zwischen Büchern und in einem durch und durch ästhetischen Setting; der Junge von damals war in der Zwischenzeit zu einem Buchhändler geworden und konnte sich an die Szene, die auf dem Foto festgehalten wurde, nicht erinnern.

Das Verstreichen der Zeit obsiegt in Agnès Vardas Filmen, das Bild unterliegt der Zeit, es hält diese fest und wird dann wieder in Bewegung gebracht. Diese Spannung zwischen dem Ewigkeitszeichen des fotografischen Bilds und der (autobiographischen) Recherche, die es bei jeder neuen Betrachtung auslöst, prägt das Werk von Agnès Varda, die sich im Lauf der Jahre zunehmend als Sammlerin neu erfunden hat - sie sammelt Dinge am Wegesrand, zunehmend aber auch sich selbst, als wäre sie selbst eines dieser Dinge. „Les plages d'Agnès“ ist ein Schlüsselwerk des Kinos, nicht zuletzt deswegen, weil sich der ganze Reichtum dieses Films erst dann erschließt, wenn man ihn auf das hin entfaltet, was er nur andeuten kann: das ganze Werk.

Die Retrospektive des Werks von Agnès Varda im Berliner Kino Arsenal läuft bis zum 30. September.

Quelle: F.A.Z.
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