Home
http://www.faz.net/-gs6-qga0
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kino Die Fratze im Antlitz der Liebe

15.04.2005 ·  Unter all den merkwürdigen Filmen, mit denen das Kino unsere Sinne verwirrt, ist Todd Solondz' „Palindrome“ womöglich der allermerkwürdigste: Hinterher weiß man kaum, ob man heulen oder speien soll.

Von Michael Althen
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Unter all den merkwürdigen Filmen, mit denen das Kino unsere Sinne verwirrt, ist dies womöglich der allermerkwürdigste.

Sein größtes Verdienst ist dabei, daß er jene Formen von Aufgeschlossenheit, die die meisten so selbstverständlich für sich reklamieren, auf eine harte Probe stellt. Der Film mag zynisch erscheinen, aber ist vom Regisseur sicherlich nicht so gemeint. Er soll wohl satirisch sein, aber mit reiner Ironie kommt man ihm kaum bei. Denn „Palindrome“ erzählt die widerlichsten Sachen in einem heiter-süßlichen Tonfall, der wie Sirup die Sinne verklebt. So daß man hinterher kaum weiß, ob man heulen oder speien soll - was ja unter Umständen auch ein Ausweis großer künstlerischer Kühnheit wäre.

Man wird nicht schlau

Wie man es auch dreht und wendet, man wird aus dem Film und den Absichten von Todd Solondz nicht recht schlau. Und genau das ist es, was der Titel bezeichnet: „Palindrome“ sind Worte oder Satzfolgen, die vorwärts wie rückwärts gelesen dasselbe ergeben, also so wie der Name der Heldin Aviva oder eben wie der Satz „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie“. Daß sich die Geschichte am Ende in den Schwanz beißt, ist in diesem Zusammenhang nur konsequent.

Es beginnt mit der Beerdigung von Dawn Wiener, der Heldin aus Solondz' Erstling „Welcome to the Dollhouse“, die Selbstmord begangen haben soll und von der es heißt, sie habe unter Fettleibigkeit, einer schlimmen Hautkrankheit und einer ungewollten Schwangerschaft gelitten. Ihre dreizehnjährige Kusine Aviva verkündet daraufhin, sie wolle schwanger werden, damit sie immer jemanden habe, der sie liebt.

Irritation mit System

Daß die schwarze Hautfarbe des Mädchens mit der ihrer weißen Eltern nicht übereinstimmt, ist erst mal nur eine Irritation, die aber auf eine Weise System hat, von der sich nicht einmal Bunuel hätte träumen lassen, der in „Dieses obskure Objekt der Begierde“ seine Heldin von zwei Schauspielerinnen hat darstellen lassen, ohne diesen Umstand weiter zu legitimieren.

In „Palindrome“ wird Aviva von acht Darstellerinnen gespielt, und wo es schon bei Carole Bouquet und Angela Molina nicht um Ähnlichkeit gegangen war, da betont Solondz die Unterschiede noch, indem er seine Heldin mal von schwarzen, mal von weißen, mal von fetten, mal von schmächtigen Mädchen, mal von einem Jungen und mal von Jennifer Jason Leigh spielen läßt - und alles soll ein und dieselbe Person sein. Was wie ein mehr oder minder willkürlicher Gimmick klingt, erweist sich erstaunlicherweise als die beste Idee des Films.

Fast schon Zärtlichkeit

Tatsächlich vollzieht man als Zuschauer die Wechsel so gut es geht mit und glaubt irgendwann tatsächlich an jenen unveränderlichen Charakterkern, der all diesen unterschiedlichen Körpern jenseits von Form und Hautfarbe innewohnen soll. Das könnte man fast schon Zärtlichkeit nennen, wenn Solondz dieser Begriff nicht fremd wäre.

Aviva hat mit ihrem Kinderwunsch bald Erfolg, indem sie sich vom verklemmten Nachbarsjungen schwängern läßt, und die liberalen Eltern (Ellen Barkin und Richard Masur) sind entsprechend entsetzt. Sie bezeichnen den Fötus als Tumor und zwingen ihre Tochter zur Abtreibung, die schrecklich schiefgeht. Das Mädchen flieht, zu einer neuerlichen Schwangerschaft wild entschlossen, läßt sich von einem Lastwagenfahrer fröhlich mißbrauchen, wandert durch einen Märchenwald und landet bei Mama Sunshine, einer christlichen Fundamentalistin, die allen möglichen behinderten Kindern ein Heim bietet. Dort scheint Aviva mit ihrer fixen Idee bestens aufgehoben, man singt christliche Rocksongs und erfreut sich der Idylle, in deren Schatten jedoch Morde an Abtreibungsärzten geplant werden.

Abgrundtiefe Verworfenheit

So trifft unbeirrbare Blauäugigkeit immer wieder auf abgrundtiefe Verworfenheit, ohne daß man je sicher sein könnte, wo der Regisseur eigentlich steht. In Aussagen zum Film beharrt er darauf, es handle sich bei „Palindrome“ um einen Liebesfilm. Es ist schon klar, daß die Liebe so vielgestaltig ist wie der Mensch selbst und sich in Geschmackskategorien sicher nicht fassen läßt, aber auf Dauer ist es wahnsinnig ermüdend und letztlich auch zu billig, in ihrem Antlitz immer nur eine Fratze zu erblicken.

Egal, ob man sich der Sache von vorne oder hinten nähert, „Palindrome“ gefällt sich vor allem darin, jeden für dumm zu verkaufen, der vom Kino mehr erwartet, als daß der gute Geschmack mit Füßen getreten wird.

Quelle: F.A.Z., 15.04.2005, Nr. 87 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 13