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Kino Die Finnenwelt der Außenwelt

20.12.2006 ·  In Aki Kaurismäkis neuem Film „Lichter der Vorstadt“ wird ein unschuldiger Wachmann von seiner Angebeteten ins Gefängnis gebracht. Sein tristes Leben spielt in verlassenen Straßen und Kneipen. Frostiger und menschenleerer kann man so ein Dasein nicht einfangen.

Von Andreas Kilb
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Koistinen ist Wachmann in Ruoholahti, einem Neubauviertel von Helsinki. Am Anfang sieht man ihn auf einer endlosen Rolltreppe fahren, eine geduckte Gestalt zwischen Betonwänden, allein in einer kalten, leeren Welt. Dann kommt er in die Wachzentrale, aber auch hier ist er nicht zu Hause, die Kollegen reißen Witze über ihn, am Tisch in der Kneipe gibt es für Koistinen keinen Platz. Er geht in eine Bar, spricht ein Mädchen an, doch sie wendet sich ab, ein Mann drängt ihn zur Seite, ein anderer rammt ihm eine Toilettentür in den Bauch. Koistinens Tag endet an einer Grillbude, wo er drei Würstchen hinunterschlingt. Dann macht die Bude zu. Und am Nachthimmel kein Stern.

Koistinen einen Loser zu nennen wäre eine Übertreibung. Er ist noch nicht einmal das: ein Verlierer, ein Kämpfer, der zu Boden ging. Koistinen, dessen Vorname anscheinend auf dem Postweg verlorengegangen ist, hat nie gekämpft. Selbst als Antiheld wäre er eine Fehlbesetzung. Eben deshalb ist er der ideale Held für Aki Kaurismäkis Film. „Lichter der Vorstadt“, sagt Kaurismäki, sei der Abschluß einer vor zehn Jahren mit „Wolken ziehen vorüber“ begonnenen Trilogie - als gäbe es unter den fünfundzwanzig Kurz- und Langfilmen, die er seit 1981 gedreht hat, so etwas wie eine zwangsläufige Struktur, eine innere Entwicklung.

Jenseits von Helsinki

Dabei ist das einzige, was sich bei Kaurismäki seit „Schatten im Paradies“ (1986) wirklich geändert hat, die Besetzung der Hauptrollen. 1995 ist sein Lieblingsschauspieler Matti Pellonpää mit vierundvierzig Jahren gestorben. Das teilt Kaurismäkis Werk in Filme vor und nach Pellonpää. Pellonpää war ein Hüne, Janne Hyytiäinen, der Darsteller des Koistinen, ist eher klein und gedrungen; die Schläge, die er einsteckt, kommen nicht nur im metaphorischen Sinn von oben. Ansonsten ist alles beim alten in Kaurismäkiland. Auch Kati Outinen, das „Mädchen aus der Streichholzfabrik“, ist wieder da; in „Lichter der Vorstadt“ spielt sie eine Nebenrolle als Supermarktkassiererin.

Und dennoch ist dieser Film ein Abschied. Man sieht es schon an den ersten Bildern der Geschichte, Einstellungen aus einem Neubaugebiet zwischen Helsinki-City und Helsinki-Hafen: leblose Straßen, Fassaden aus Glas und Stahl; Parkplätze, Shopping Malls, Kneipen wie aus dem Katalog. Frostiger, menschenleerer geht es bei Kaurismäki nicht. Selbst der Hafen, Fegefeuer des Fernwehs und Zuflucht der Heimatlosen in allen Kaurismäki-Filmen, bietet keinen Trost mehr; unter dem Blick der Kamera, die ihn aus weiter Ferne abschwenkt, liegt er wie ein Ort von einem anderen Stern da, bleiern und abweisend. Dafür leuchten die von den Vorstadtlichtern angestrahlten Räume in allen Eisfarben, in giftigem Rot, Gelb und Blau, vor denen man hier tatsächlich Angst bekommen kann, in Neongrün und Niemandsrosa.

Von sich aus schöne Bilder

Daß die Bilder in Kaurismäkis Filmen „kaum etwas für sich“ hätten, daß ihr ästhetischer Eigenwert nicht über ihre Funktion in der Geschichte hinausgehe, schreibt Harun Farocki in einem klugen und dichten Aufsatz für einen vor kurzem erschienenen Kaurismäki-Sammelband (Bertz + Fischer, 19,90 Euro), aber das gilt nicht mehr für „Lichter der Vorstadt“. Hier sind die Bilder von sich aus schön, sie wirken wie Studien für ein Fotobuch über das neue Helsinki, aber ihre Schönheit ist ein Schimmer aus dem Totenreich.

Die alte Welt der industriellen Moderne, die dem Müllkutscher Nikander in „Schatten im Paradies“ und dem Bergmann Taisto in „Ariel“ Heimat und dem amnesiekranken „Mann ohne Vergangenheit“ wenigstens ein Obdach gab, ist am Absterben, ihre Nachfolger kommen ohne jenes Proletariat aus, dem Kaurismäkis ganze Liebe gilt. In den Kathedralen des Konsums, die den Gläubigen den Weg ins 21. Jahrhundert weisen, ist der kleine Koistinen nur noch ein Zaungast, der Mann vom Objektschutz, der zu den Objekten selbst keinen Zugang mehr hat. Als Koistinen bei einer Bank einen Kredit beantragt, weil er sich selbständig machen will, wird er als Witzfigur verhöhnt und zum Hintereingang hinausgeworfen. Das Geld ist kein Versprechen mehr, sondern eine Religion für Eingeweihte, und der Wachmann gehört nicht dazu.

Diesseits vom Paradies

Kein Kaurismäki-Film seit dem Frühwerk „Hamlet goes Business“ war unter seinem äußeren Glanz so kalt und böse wie dieser. Die Geschichte kommt in Gang, als Koistinen eine Frau kennenlernt, Mirja (Maria Järvenhelmi), einen drallen Traum in Blond. Aber Mirja ist die Aufziehpuppe des Gangsters Lindholm, der an den Juwelierladen in der Shopping Mall heranwill, und so werden ihre Augen nur lebendig, wenn Koistinen den Nummerncode der Sicherheitsanlage eintippt oder mit seinen Schlüsseln klimpert. Der Coup gelingt wie aus dem Lehrbuch, nur der verliebte Wachmann, ein lästiger Mitwisser, muß nach der Tat beseitigt werden. Also jubelt ihm Mirja einen Teil der Beute unter und ruft anschließend die Polizei, und Koistinen, der in einem Spiegel alles beobachtet hat, läßt es widerstandslos geschehen. Er bekommt zwei Jahre Gefängnis, und Aila, die treue Grillwurstverkäuferin (Maria Heiskanen), sitzt im Gerichtssaal und versteht die Welt nicht mehr.

So wie Kaurismäki. Er ist selbst, wie der Held seines letzten Films, ein Mann ohne Vergangenheit geworden, was vielleicht auch daran liegt, daß er seit fünfzehn Jahren nicht mehr in Finnland, sondern in Portugal lebt und nur noch zeitweise, vor allem zum Drehen, in seine Heimatstadt kommt. Das gibt seinem Blick auf Helsinki etwas zugleich Nostalgisches und Erbittertes. Er sucht, was er kennt, und weil er es nicht findet, will er auch das, was er sieht, nicht kennen.

Die stille Magie von Kaurismäkiland

Immer enger werden die Kreise dieses Erzählens, immer weltloser die Welt, in der es spielt. Inzwischen könnte man das Finnland Kaurismäkis auch im Studio nachstellen, und auch das gewohnte Oldtimer-Auto, das Hafenrestaurant samt Küche fänden dort bequem Platz. Als Fellini an diesem Punkt angelangt war, zog er sich ganz in die Hallen der Cinecittà zurück. Aki Kaurismäki dagegen klammert sich an die Illusion, mit seinem Kino der Wirklichkeit auf der Spur bleiben zu können. Es ist eine Illusion.

Als der ehemalige Wachmann Koistinen ganz unten angekommen ist, als er zerschlagen und verdreckt im Schutt des Industriehafens kauert, schickt ihm sein Regisseur die Frau von der Grillbude als rettenden Engel. Sie legt ihre Hand in seine, und der Film ist aus. Es liegt noch immer ein Zauber über solchen Bildern, der Glanz der Reinheit und Schlichtheit, die stille Magie von Kaurismäkiland. Aber man wird das Gefühl nicht los, daß wir seine beste Zeit längst gesehen haben.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50 / Seite 32
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