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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Kino Die Ferien der Madame La Mort: Francois Ozons Film "Swimming Pool"

 ·  Die Filme von Francois Ozon scheinen momentan zu definieren, was wir unter französischem Qualitätskino verstehen wollen. Sie sind Übermalungen, vertrackte Spiele mit dem Image der Schauspieler oder früheren Versionen des Stoffs. So variiert Ozons „Swimming Pool“ den Psychothriller „La Piscine“ von Jacques Deray.

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Die Geschichte des Virtuosen ist immer dieselbe. Er tritt vor, zeigt ein paar Kartentricks, zieht bunte Bänder aus seinem Ärmel und zaubert ein Kaninchen aus seinem Hut. Er zersägt eine junge Frau und hypnotisiert einen älteren Herrn. Dann ist sein Spiel vorbei, er verbeugt sich und geht ab. Die Luft im Saal ist kräftig aufgewirbelt worden, aber die Welt hat sich um keinen Hauch verändert. Wir haben gestaunt und gebangt; aber was haben wir erfahren?

Francois Ozon ist ein Virtuose des Kinos. Seit fünf Jahren dreht er mit wachsendem Erfolg Spielfilme, und seit seinem dritten Film "Tropfen auf heiße Steine" hat er auch die Gunst des deutschen Kinopublikums für sich gewonnen. Mit "Acht Frauen" hat er hierzulande mehr Zuschauer erreicht als die drei letzten Werke Claude Chabrols zusammen. Ozons Filme, so scheint es, definieren zur Zeit, was wir unter französischem Qualitätskino verstehen wollen. Dabei sind sie selbst alles andere als leicht zu definieren. Ein Vierpersonenstück von Fassbinder, eine Boulevardkrimikomödie aus den sechziger Jahren, eine Parodie auf französische Familienserien ("Sitcom", 1998), ein Gangstermärchen a la Bonnie und Clyde ("Les Amants Criminels", 1999) und die Geschichte einer einsamen Frau ("Unter dem Sand") - das ist eine Filmografie als buntes Allerlei. Ozon selbst hat gelegentlich erklärt, daß ihn das Bunte, die Abwechslung, die Variation mehr interessiere als die konsequente Verfolgung eines Ziels. So setzt er auch seine Kinokunststücke immer auf bereits bespielten Boden. Mit dem Risiko, sich zu verirren, vermeidet er auch die Chance, Entdeckungen zu machen. Was Ozon uns zeigt, haben wir schon gesehen; wir kennen die Melodie, aber genau das gibt ihm Gelegenheit, sie uns zu entfremden. Seine besten Filme sind Übermalungen, vertrackte Spiele mit dem Image seiner Schauspieler oder früheren Versionen seines Stoffs.

"Swimming Pool", Ozons neuer Film, ist die Variation eines französischen Psychothrillers von 1969, "La Piscine" von Jacques Deray mit Alain Delon, Romy Schneider, Jane Birkin und Maurice Ronet. "La Piscine", der im internationalen Verleih ebenfalls "Swimmingpool" hieß, versah eine klassische Film-Noir-Konstellation mit existenzialistischen Akzenten: eine einsame Villa in der Provence, ein ausgebrannter Schriftsteller, seine Frau, ein alter Freund der Frau und dessen Tochter. Im Pool geschieht, natürlich, ein Mord, aber die Polizei klärt ihn nicht auf; Delon und Romy Schneider müssen, unerlöst, ihre Schuld aushalten bis in die nahe Ewigkeit.

Ozon hat von Derays Versuchsaufbau nur zwei Personen übriggelassen: den Autor, der jetzt eine Autorin ist, und die Tochter. Zwei Frauen statt acht. Aber es genügt ein kleiner Kniff, eine tragikomische Differenz, um die Situation abermals mörderisch anzuschärfen. Sarah Morton (Charlotte Rampling), eine erfolgreiche englische Krimischriftstellerin, ist von ihrem Londoner Verleger in dessen Landhaus im Luberon geschickt worden, damit sie dort Inspiration für ihren neuen Roman findet. Zwei Tage und zwei Nächte lang genießt sie die keuschen Freuden des Alleinseins im Paradies, dann wird sie unsanft aus ihrer Ruhe gerissen. Julie (Ludivine Sagnier), des Verlegers französische Tochter, nistet sich im Parterre der Villa ein, hört laute Rockmusik, badet nackt im Swimmingpool, räkelt sich in der Sonne und läßt sich nachts von einheimischen Junggesellen begatten. Die ältliche Engländerin, die selbst ein Auge auf den Dorfkellner Franck (Jean-Marie Lamour) geworfen hat, reagiert auf die Störenfriedin zunächst mit Empörung, lernt aber bald, sich ihrer zu bedienen - erst für erotische Tagträumereien, schließlich sogar für den entstehenden Roman. Was Julie erlebt, erzählt, in ihren Tagebüchern notiert hat, strömt in Sarahs Buch wie Wasser in einen Pool.

Bis das Mädchen entdeckt, welche Rolle es im Leben der Schriftstellerin spielt. Nun rächt sich das Modell an seiner Meisterin, indem es diese mit ihren eigenen Phantasien konfrontiert. Doch der Abend mit Franck, vor dem Sarah sich blamieren soll, endet in einer ganz anderen Art von Katastrophe. Der Stein, den Sarah ins Wasser wirft, während sich Julie mit dem Kellner am Pool vergnügt, entfesselt die Kräfte des Unheils. Was dann folgt, ist eine Übersprungshandlung, ein Stück lebendig gewordene Kriminalliteratur. Und so benimmt sich Sarah Morton bald selbst wie die Protagonistin eines Detektivromans - nur daß sie die Aufklärung, die das Genre erheischt, diesmal unbedingt zu vermeiden sucht. Um das Geheimnis des Pools ihren Lesern verraten zu können, muß sie es hüten, um jeden Preis.

Daß "Swimming Pool" eigentlich kein Zweipersonen-, sondern ein Einpersonenfilm ist, merkt man erst am Schluß, der die Geschichte erklärt und zugleich versiegelt wie eine wasserdichte Folie. Julie ist eine Projektion von Sarah, so wie Sarah eine Projektion Francois Ozons ist, die Autorinnenphantasie des Autoren. Daß in Mortons Name "la mort" anklingt, der französische Tod, ist sowenig ein Zufall wie das Starfoto von Romy Schneider in Julies Tagebuch. Wenn es in Ozons Filmen ein wiederkehrendes Element gibt, dann sind es solche kleinen Hommagen, Winke an ein informiertes Publikum. Sie stellen die Jokerkarte des Virtuosen dar. Und sie geben seinen Spielereien einen Hauch von Tiefe, der sich gut mit der gläsernen Schlichtheit der filmischen Arrangements verträgt. Denn was haben wir wirklich gesehen? Variationen einer Geschichte. Spiegelungen in einem Wasserbecken. Und ein Bild von Romy Schneider. Die aber ist schon lange tot, und niemand mag das mehr bedauern als Francois Ozon. Ihr sphinxhaftes Gesicht wäre die ideale Maske für seine Kinophantasien gewesen. So tief, so glatt, so undurchdringlich. Wie Wasser in einem Pool.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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