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Sonntag, 12. Februar 2012
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Kino Dick, dicker, Dickens: Douglas McGraths brave Verfilmung von "Nicholas Nickelby"

08.01.2004 ·  In unseren mageren Zeiten heißt es ja gern, weniger sei mehr, aber manchmal ist eben nur mehr tatsächlich mehr. Wer es wagt, einen gut siebenhundertseitigen Roman, noch dazu einen der bekannteren Klassiker, zu einem zweistündigen Film zu destillieren, kennt die Referenzgrößen - und die Risiken eines solchen Unterfangens.

Von Felicitas von Lovenberg
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In unseren mageren Zeiten heißt es ja gern, weniger sei mehr, aber manchmal ist eben nur mehr tatsächlich mehr. Die Royal Shakespeare Company begeisterte das angelsächsische Publikum in den achtziger Jahren mit einer neunstündigen Produktion von "Nicholas Nickelby", die in ihrer Ausführlichkeit nicht behäbig wirkte, sondern dank ihrer dramaturgischen Gelassenheit sowohl das Ausufernde des Dickensschen Stils wie auch die Melodramatik der Handlung anschaulich zu machen verstand.

Wer es wagt, einen gut siebenhundertseitigen Roman, noch dazu einen der bekannteren Klassiker, zu einem zweistündigen Film zu destillieren, kennt die Referenzgrößen - und die Risiken eines solchen Unterfangens. Vor sechs Jahren gab Douglas McGrath sein Regiedebüt mit Jane Austens "Emma"; eine Literaturverfilmung, die in guter Erinnerung blieb - nicht nur, weil die damals noch kaum bekannte Gwyneth Paltrow mit Verve die Titelrolle spielte, sondern auch, weil es McGrath bei geradezu sklavischer Werktreue ein flotter, gutgelaunter Film gelang. Nicht nur bei Klassikerverfilmungen sind es eben oft Nuancen, die zwischen stilvoll und schwerfällig entscheiden.

Jetzt hat McGrath sich mit "Nicholas Nickelby" Charles Dickens' Geschichte vom finanziellen Fall und moralischen Triumph eines hochherzigen jungen Mannes vorgenommen, Schelmenroman, Milieustudie, Familiensaga, Sozialkritik und moralisches Traktat in einem. Herausgekommen ist eine Art Watchers' Digest-Version, welche die Höhepunkte brav versammelt und die ausschweifenden Episoden ignoriert: So weit, so erwartbar. Nun lebt Dickens' Werk vor allem von den Charakteren, die mit Bosheit, Güte oder eben umwerfender Skurrilität die moralisierenden Passagen auf ein willkommenes Maß stutzen. Dieser Balanceakt gelingt dem Film nicht.

Nach dem frühen Tod des Vaters, der das Familienvermögen verspekuliert hat, sind die Kinder Nicholas (Charlie Hunnam) und Kate mit ihrer Mutter auf sich gestellt. In ihrer Verzweiflung bitten sie den wohlhabenden, aber hinterhältigen älteren Bruder des Vaters um Hilfe. Ralph Nickelby nimmt Kate (Romola Garai) zu sich, um sie als Frischfleisch unter seinen Bekannten anzubieten, und verschafft Nicholas einen Posten als Hilfslehrer in der Privatschule eines gewissen Wackford Squeers. In Dotheboys Hall erlebt Nicholas jene Trostlosigkeit und seelische Grausamkeit, in deren überdrastischer Schilderung der kaum dreißigjährige Dickens brillierte und für die der Film fast gothisch anmutende Szenen in einem düsteren Blaugrau findet. Jim Broadbent gibt Wackford Squeers mit enthusiastischer Herzlosigkeit, der, wenn er nicht gerade seine unterernährten Zöglinge in Angst und Schrecken versetzt, von speicheltriefender Zuvorkommenheit seiner Frau gegenüber ist. So vielversprechend diese erste halbe Stunde des Films ist, in der Dickens' wirkungsvoll überzeichnete Tragödie mit leichter Hand lebendig gemacht wird, so krampfhaft bemüht wirken die Abenteuer, die Nicholas und Smike (Jamie Bell), den er bei seiner Flucht aus den Klauen der Sqeers befreit, auf ihrem Weg nach London zu bestehen haben. Ihr kurzes Engagement bei einer Theatercompagnie, für das McGrath Nathan Lane als Crummels und Edna Everage als seine Frau angeheuert hat, bleibt trotz der prominenten Gastauftritte ohne Pfiff. Bei den gutmütigen Brüdern Cheeryble findet Nicholas schließlich eine Anstellung und kann nicht nur die Machenschaften seines Onkels durchkreuzen und die Ehre seiner Schwester retten, sondern auch seiner angebeteten Madeline Bray zu einem glücklichen Leben verhelfen.

Die Rollen sind durchweg passabel besetzt - bis auf eine. Charlie Hunnams weiche Züge, umrahmt von einem blonden Schopf, mögen zwar Brad-Pitt-Adeptinnen gefallen, aber als Nicholas Nickelby wirkt er im Dickensschen Kontext schon optisch völlig fehlbesetzt, ganz zu schweigen von seiner oft hilflosen Darbietung des aufrechten jungen Mannes. An seiner Seite fällt Jamie Bell als mißhandelter, schwindsüchtiger Smike dafür umso mehr auf.

Die besten Szenen tragen sich in dem von ausgestopften Tieren bevölkerten Londoner Stadthaus Ralph Nickelbys (Christopher Plummer) zu, wo dieser sich mit seinem Sekretär Newman Noggs (Tom Courtenay) zankt wie ein altes Ehepaar. Noggs äfft jeden Satz des Alten sarkastisch nach wie ein Papagei und bringt den ungeliebten Herrn so zur Weißglut. Am Ende versinkt der Film dennoch im Kitsch, wenn Nicholas und Madeline (Anne Hathaway) sich in die Arme sinken, Kate ebenfalls ihren Herzbuben findet und der böse Onkel seine Katharsis erlebt. Das Netteste, was sich über McGrath' "Nicholas Nickelby" sagen läßt, ist, daß der Film sorgfältig gemacht und ohne größere Patzer daherkommt. Dafür ist er aber auch frei von Überraschungen. Wer aber, trotz Dickens, keine großen Erwartungen hegt, wird wenigstens nicht enttäuscht.

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