25.08.2005 · Des Feuers Glut bezwingt er, die bunten Farben bringt er: „Das wandelnde Schloß“ von Miyazaki Hayao ist ein optisches Fest, wie es das Kino sonst nirgends mehr bereithält.
Von Andreas PlatthausDieses ist der dritte Streich, und wie üblich kommt er reichlich verspätet in die hiesigen Kinos. Nach „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise“ hat der japanische Zeichentrickfilmer Miyazaki Hayao mit „Das wandelnde Schloß“ im vergangenen Jahr wieder einmal alle Zuschauerrekorde in seinem Heimatland gebrochen.
Auf den Filmfestspielen von Venedig wurde der Film erstmals dem staunenden europäischen Publikum vorgeführt, doch es brauchte trotzdem noch ein Jahr, bis er hier angekommen ist. Aber nicht einmal der Goldene Bär von 2002 für „Chihiros Reise“ hatte es damals ja vermocht, die deutschen Verleiher zu etwas mehr Eile zu bewegen, wenn es um die aktuellen Werke des derzeit weltweit wichtigsten traditionellen Trickfilmers geht.
Eine legendäre Größe
Bei der Pflege des früheren OEuvres von Miyazaki sieht es noch trauriger aus. Nicht einmal auf DVD ist über die beiden letzten Filme hinaus etwas auf Deutsch verfügbar. Dabei ist etwa „Mein Nachbar Totoro“ von 1988 ein Meisterwerk, das selbst aus diesem Schaffen noch herausragt. Immerhin soll jetzt bald „Nausicaa“ erscheinen, jener Film, den der Regisseur nach der Vorlage seines eigenen gleichnamigen Manga 1984 drehte und der ihm den ersten großen Kinoerfolg verschaffte, nachdem er zuvor vor allem als Animator für das Fernsehen gearbeitet hatte. Heute ist Miyazaki mit seinem Ghibli-Studio eine bereits legendäre Größe in Japans Filmindustrie, und in einem Land wie Frankreich, dessen Publikum über ein etwas feineres Gespür für filmästhetische Leistungen verfügt, sind auch die älteren Arbeiten des Japaners in jüngster Zeit mit neuen Kopien in die Kinos gelangt.
Die Kenntnis dieser frühen Filme ist für die Bewertung von „Das wandelnde Schloß“ elementar, denn Miyazaki ist hier, nach den beiden urjapanischen Stoffen von „Prinzessin Mononoke“ mit dessen historischem Verweis auf die Muromachi-Epoche und „Chihiros Reise“, der das ganze Panoptikum der japanischen Dämonenwelt aufmarschieren ließ, wieder auf einen europäischen Schauplatz zurückgekehrt, wie er es schon in „Kikis Lieferservice“ oder „Porco Rosso“ getan hatte, und in „Laputa - Das Luftschloß“ von 1986, einem Film, der in der viktorianischen Ära angesiedelt ist und den Kampf um ein schwebendes Schloß zum Gegenstand hat.
Wesensverwandt empfunden
Erstaunlich dabei war, daß im selben Jahr, in dem „Laputa - Das Luftschloß“ fertiggestellt wurde, in England der Fantasy-Roman „Howl's Moving Castle“ von Diana Wynne Jones erschien, dem dann vier Jahre später das Buch „The Castle in the Sky“ nachfolgte. Man hat Miyazaki und Frau Jones häufiger wechselseitige Beeinflussung nachweisen wollen, und so darf man es wohl für mehr als nur einen Zufall ansehen, daß der Japaner für seinen neuesten Film jenes Buch der Engländerin zur Vorlage gewählt hat, das von dessen Erscheinen an als dem Werk des japanischen Regisseurs so wesensverwandt empfunden worden ist.
Allerdings hat Miyazaki nicht viel mehr übernommen als die Grundkonstellation des Buches: In dem imaginären Phantasiereich Ingary wird die junge Frau Sophie als älteste Tochter eines verstorbenen Hutmachers von der Mutter und den zwei Schwestern schlecht behandelt und flüchtet sich in romantische Träume um den geheimnisvollen Zauberer Howl, der in einem beweglichen Schloß haust und von dem die Kunde geht, er raube jungen Frauen das Herz. Von hier an übernimmt dann Miyazaki mit seinem spezifischen Eklektizismus. Das an Ungarn angelehnte Ingary, dessen Name im Film gar nicht erst fällt, setzt er aus mehreren europäischen Einflüssen zusammen: deutsches Fachwerk, englische Schilder, französische Warenbeschriftungen, die Alpen, das Meer, die Moore. In diesem Barockreich der Phantasieuniformen und Sänftenträger tobt ein vom König propagierter Krieg - „Mut und Willenskraft“ kündet auf deutsch ein Plakat im japanischen Trickfilm -, der mit gigantischen fliegenden Kampfmaschinen ausgetragen wird, die auffällig den japanischen Schlachtschiffen des Zweiten Weltkriegs ähneln. Miyazaki, 1941 geboren, ist überzeugter Pazifist, und er läßt am Schrecken des Krieges auch in einem Trickfilm keinen Zweifel.
Hexe aus dem Niemandsland
Nur einer streitet in diesem Krieg gegen diesen Krieg: Hauru, wie Howl auf japanisch, der Sprache, die kein L kennt, heißt. Seine Gegner sind vor allem zwei andere Zauberkundige: die Hexe aus dem Niemandsland, von der Sophie in eine alte Frau verhext wird, und Suliman, der magische Beistand des Königs. Aus ihm ist bei Miyazaki, der schon immer einen Hang zu Frauenfiguren hatte, eine Zauberin geworden, und so ist nur noch Hauru als männliche Hauptfigur übriggeblieben, die aber gegenüber Sophie klar ins Hintertreffen gerät.
Daß einem bei den Bildern Miyazakis die Augen übergehen, ist man gewöhnt. Deshalb überrascht gleich am Anfang eine recht lieblos animierte Schafherde, die über eine pittoreske Alm wackelt. Man mag das als Hommage an die Heidi-Fernsehserie der siebziger Jahre gelten lassen, mit der Miyazaki und sein Partner Takahata Isao erstmals bewiesen haben, daß man auch über einen wenig spektakulären Alltag gute Zeichentrickgeschichte erzählen kann. Das wandelnde Schloß mit seiner anachronistischen Zusammenführung verschiedenster Bau- und Technikelemente versöhnt dann wieder, und spätestens wenn die nun vergreiste Sophie bei Hauru als Putzfrau anheuert, sind wir wieder ganz in der visuellen Welt eines Trickfilmvisionärs, dem selbst mit der denkbar schlichten Darstellung einer lebenden Flamme, des grandios verschüchterten Dämons Calcifex, das Schwerste gelingt, was es neben Wasser für Trickfilmer gibt: Feuer.
Ein Happy-End, ich sehe schon
Es wird zu Walzerklängen durch die Luft geschritten, es wird auf blumenübersäten Wiesen gelaufen, es wird in Farben und Formen geschwelgt, daß es eine Lust ist. Doch zugleich verzichtet Miyazaki diesmal auf die ambivalente Zeichnung seiner Hauptfiguren. Nur Hauru, der als Idealgestalt eines jungen Mannes im Stil der Shojo-Manga präsentiert wird, hat in seiner fanatischen Feindschaft gegenüber dem Krieg noch eine abgründige Eigenschaft zu bieten, ansonsten erweisen sich selbst die prospektiven Gegner des Anfangs am Ende als Verbündete oder zumindest einsichtige Verlierer: „Ein Happy-End, ich sehe schon“, seufzt etwa Suliman zum Abschluß, „da kann man wohl nichts machen.“
Das könnte auch als Motto über dem ganzen Film stehen. Seine Hauptfigur Sophie ist das Gute in Vollendung und damit der japanischen Tradition der Charakterzeichnung weitaus näher als etwa die abgründige Mononoke. Aber zugleich spielt sich „Das wandelnde Schloß“ im uns vertrauten euopäischen Dekor ab, und deshalb erwartet man auch vertraute Figuren. Dieses Dilemma hat der Eklektizist Miyazaki nicht erkannt - oder nicht erkennen wollen. Doch sein neuer Film ist immer noch ein optisches Fest, wie es das Kino in solcher Splendidität sonst nirgends mehr bereithält.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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