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Kino Der beste Western seit langem

 ·  Es ist ein Film wie ein Fels, ein Solitär in der Kinolandschaft und der schönste Western seit Eastwoods „Unforgiven“: „Three Burials“ von und mit Tommy Lee Jones. Michael Althen hat einen suggestiv wortlosen Film über Freundschaft und Gnade gesehen.

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Wenn ein Mann wie Tommy Lee Jones selbst einen Film inszeniert, müsste er idealerweise genauso sein wie der Schauspieler: genauso rauh und schweigsam und in jeder Sekunde präsent. Das Wunder an „Three Burials - Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ ist, dass der Film all dies einlöst, was man sich von ihm erhofft. Es ist ein Film wie ein Fels, ein Solitär in der Kinolandschaft, der schönste Western seit Eastwoods „Unforgiven“; und das einzig Irritierende ist, dass es anderthalb Jahre seit seiner Premiere in Cannes gedauert hat, bis er den Weg in unsere Kinos gefunden hat.

Das Drehbuch stammt von Guillermo Arriaga, dessen verschachtelte Konstruktionen schon bei „Amores perros“ und „21 Grams“ zu aufsehenerregenden Ergebnissen geführt haben und dessen dritte Zusammenarbeit mit seinem Landsmann Alejandro González Iñárritu, „Babel“, mit „Three Burials“ insofern verwandt ist, als auch dort eine verirrte Kugel die Ereignisse in Gang bringt. Wo in „Babel“ mit einem Gewehr spielende Kinder aus Versehen eine amerikanische Touristin in einem vorbeifahrenden Bus treffen, wähnt sich hier ein Offizier einer Grenzpatrouille unter Beschuss, erwidert das Feuer und trifft dabei den vermeintlichen Gegner tödlich, einen mexikanischen Landarbeiter, der lediglich auf einen Kojoten gefeuert hatte, der um seine Ziegenherde herumstrich. Ein tragischer Unfall, aber von hier aus nimmt das Schicksal seinen ungeahnten Weg.

Gelassen wird das Netz ausgeworfen

Im Grenzgebiet zu Mexiko am Rio Grande sind Tragödien allgegenwärtig, und wahrscheinlich bliebe auch diese Tat ungesühnt, wenn nicht jener erschossene Melquiades Estrada unter den Gringos einen Freund gehabt hätte, der beschließt, kein Gras über das Grab seines toten Kumpans wachsen zu lassen, ehe sein Tod nicht gesühnt ist. Es ist keine Überraschung, dass Tommy Lee Jones diesen Mann selbst spielt, denn keiner kann halsstarrige Entschlossenheit besser verkörpern als er. Der Gringo ist ein einfacher Cowboy, der dem Mexikaner einst das Versprechen gegeben hat, ihn in seiner Heimat zu begraben, falls ihm etwas zustoßen sollte. Zur Einlösung dieses Versprechens hat er nicht viel mehr als ein Polaroid der hinterbliebenen Familie, eine karge Wegbeschreibung auf einem Zettel und den Namen eines Dorfes. Aber ehe es so weit kommt und er sich auf die Reise machen kann, muss er erst einmal den Täter finden.

Wie immer bei Arriaga sind die Zeitebenen zersplittert, es gibt Vor- und Rückblenden, in denen langsam das Terrain erkundet und Stück für Stück nachgereicht wird, was die Geschichte an weißen Flecken hinterlassen hat. Und Tommy Lee Jones geht mit dieser Konstruktionsweise so gelassen um, dass man sie nie in Frage stellt. Es ist einfach eine Art, ein Netz auszuwerfen, in der sich Zusammenhänge verfangen, die sich in der Chronologie nicht herstellen würden.

Kein Wort zu viel

Vor allem hat Jones aber einen genauen, liebevollen Blick für die Ödnis des Landstrichs und des Lebens dort, bei dem die Details mehr erzählen, als es lange Erklärungen könnten. Man muss nur sehen, wie sich der Grenzoffizier (Barry Pepper) mit dem Taschenmesser die Fußnägel schneidet und wie seine junge Braut (January Jones) mit spitzen Fingern ihre Damenzigarette hält, und man weiß alles über dieses Paar, das zu jung geheiratet hat, um die Langeweile in dem Kaff am Rio Grande zu überstehen. Ein paar Besuche im örtlichen Cafe genügen, um das Geflecht der Beziehungen zu erfassen, welche die Einsamkeit dort zwangsläufig knüpft.

Seine wahre Kraft entfaltet der Film, als Jones den Täter gefunden hat und ihn zwingt, den Mexikaner wieder auszubuddeln, um mit Estradas Leiche auf einem Pferderücken den Rio Grande zu durchqueren und ihn in seiner Heimat zu beerdigen. Jones wäre nicht Jones, wenn er nicht den schwarzen Humor der Situation auskosten würde, mit einer verwesenden Leiche im Gepäck auf die Reise zu gehen. Erst lässt er seinen Gefangenen neben ihr schlafen, obwohl der vor Gestank kaum die Augen zukriegt, dann zündet er sie kurzerhand an, als das Gesicht von Ameisen befallen wird, und schließlich flößt er ihr Frostschutzmittel ein, um ihren Verfall aufzuhalten. Aber je drastischer der Tod seine schaurige Wirklichkeit behauptet, desto abstrakter wird die Reise der beiden durch die monumentalen Landschaften aus Fels und Sand.

Wie üblich spricht Jones kein Wort zu viel, und fast hat man manchmal Mitleid mit seinem unfreiwilligen Gefährten, der nicht weiß, welches Schicksal auf ihn wartet, und unbarmherzig mitgeschleift wird, bis er nur noch ein Häufchen Elend ist. Was als tragisches Missverständnis begonnen hat, wird zu einer monumentalen Geschichte um Schuld und Sühne, in der am Ende einem Mann vor Augen geführt wird, was es wirklich heißt, Buße zu tun. Nur noch darum geht es am Schluss, alles andere ist von den beiden abgefallen - wie zwei ewige Wanderer sind sie unterwegs, und der Film entwickelt dabei eine metaphorische Kraft, die einem schier das Herz sprengt. Einen schöneren Film darüber, was Freundschaft heißt und was Gnade bedeutet, wird man zur Zeit im Kino nicht finden. Aber immerhin findet man ihn.

Quelle: F.A.Z., 08.11.2007, Nr. 260 / Seite 37
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