03.05.2004 · Daß es immer schwieriger wird, Leute für Filmstoffe zu interessieren, die man ihnen erst umständlich erklären muß, ist mittlerweile bekannt. Bei Vorlagen nach Bestsellern entfällt dieser Nachteil, doch auch nicht immer zum Besten der Filme.
Von Michael AlthenDaß es immer schwieriger wird, Leute für Filmstoffe zu interessieren, die man ihnen erst umständlich erklären muß, ist mittlerweile bekannt. Wobei das in Hollywood schätzungsweise eher dem vorauseilenden Gehorsam der Studiochefs geschuldet ist als dem Publikum selbst. Weil dort also keiner gern die Katze im Sack kauft, lassen sie sich nur von Projekten überzeugen, die schon am ersten Wochenende mit solcher Macht in die Kinos gedrückt werden können, daß die Unkosten schon wieder eingespielt sind, ehe sich herumgesprochen hat, ob der Film überhaupt etwas taugt. Damit die Leute unbesehen ins Kino stürmen, muß ein Film aber mindestens eine von drei Bedingungen erfüllen: Entweder spielt ein Star mit, dem das Publikum blindlings vertraut; oder die Vorlage war ein Bestseller; oder der Stoff ist vertraut, weil es sich um eine aufgewärmte Fernsehserie oder einen runderneuerten Comic-Helden handelt.
"Das geheime Fenster" und "Das Urteil - Jeder ist käuflich" erfüllen immerhin zwei Bedingungen: Die Vorlage des ersten Films stammt von Stephen King, und die Hauptrolle spielt Johnny Depp; und der zweite ist eine John-Grisham-Verfilmung, die zur Sicherheit gleich mehrere Stars versammelt, Gene Hackman, Dustin Hoffman und John Cusack. Das "Fenster" ist also eine One-Man-Show, "Das Urteil" eher ein Ensemblestück, das eine ein Horror-, das andere ein Gerichtsfilm. Bei King, der schon gut drei Dutzend Mal verfilmt worden ist, haben wenigstens die eigenwilligeren Regisseure wie Kubrick oder De Palma packende Adaptionen zustande gebracht; an Grishams Prosa haben sich selbst Regisseure wie Pollack, Pakula, Coppola oder Altman die Zähne ausgebissen. Aber das Rezept funktioniert offenbar dennoch gut genug, um ihre Verfilmungen immer wieder als lohnendes Unterfangen erscheinen zu lassen.
"Das geheime Fenster", entstanden nach einem Kurzroman Kings, erzählt von einem Autor mit Schreibblockade, der sich in seiner einsamen Waldhütte langsam in eine Rachegeschichte verstrickt. Regisseur David Koepp, Drehbuchautor von "Jurassic Park", "Spider Man" und "Panic Room", bemüht sich, den schleichenden Horror der Erzählung möglichst behutsam umzusetzen und hat in Johnny Depp einen Star, dessen Präsenz auch dort die Spannung hält, wo das Geschehen vorhersehbar wird. Aber Koepp mangelt es sichtlich an visueller Phantasie, wie der Vorlage ein paar unerwartete Perspektiven abzugewinnen wären.
Verglichen damit entwickelt Gary Fleders Verfilmung von Grishams spannendstem Roman "Runaway Jury" einen erstaunlichen Zug. Darin schafft es ein Juror (Cusack), den streitenden Parteien (Hackman und Hoffman) weiszumachen, er könne das Urteil der Jury beeinflussen. Für einen Gerichtsfilm setzt "Das Urteil" erstaunlich wenig auf die Show vor Gericht, sondern konzentriert sich auf die Machenschaften im Hintergrund. Wo es um viel Geld geht, ist Anwälten und Verteidigern jedes Mittel recht, um schon durch die Auswahl der Juroren das Urteil zu ihren Gunsten zu gestalten. Aber all die psychologischen Profile, die im Vorfeld erstellt werden, sind nichts wert, wenn einer der Juroren seine Mitgeschworenen mit denselben Tricks bearbeitet. In diesem Tauziehen um Gerechtigkeit behält Fleder erstaunlich gut den Überblick, weil Grisham ihm wenig eigenen Stilwillen in den Weg stellt.