17.05.2006 · Lange galt Dennis Hopper als Dämon, der exzessiv jene Tiefen auslotet, in die wir nicht hinunterzusteigen wagen. Heute gibt er sich als Gentleman und finanziert mit dem Kino seine Leidenschaften Fotografie und Malerei. Heute wird er siebzig.
Von Freddy LangerWürden Sie sterben, wenn Sie nicht kreativ arbeiten dürften, fragt Dennis Hopper die Schüler seines Schauspielkurses. Und wer nein sagt, ist draußen. Denn ohne bedingungslose Leidenschaft, präziser noch: ohne Fanatismus, könne man nicht Künstler sein.
Wohl niemand in Hollywood vermittelt eine solche, bis an die Grenze des Wahnsinns reichende Besessenheit eindrucksvoller als er. Das war in den fünfziger Jahren so, als er bei den Dreharbeiten des Westerns „From Hell to Texas“ der exakten Regieanweisung von Henry Hathaway für nur eine einzige Einstellung sechzehn Stunden lang eigene, stets neue Interpretationen der Rolle entgegenstellte - was dazu führte, daß er auf der schwarzen Liste der Filmstudios landete und die kommenden zehn Jahre nicht engagiert wurde. Und es war später so, als es ihm von den späten siebziger Jahren an gelang, seine Neigung zum Extrem, diesen geballten Irrsinn so überzeugend in die Rollen genialisch-psychopathischer Verbrecher zu kanalisieren - von „Blue Velvet“ über „Red Rock West“ bis „Speed“ -, daß man ihn irgendwann gleichsetzte mit der Zerstörungswut seiner Figuren, mit deren Perversionen und ihrer erschütternden Brutalität. Sein selbstmörderisches Leben zwischen Alkohol und Drogen im Anti-Establishment unterstützte das Bild nicht unerheblich. Er wurde zum Dämon, der exzessiv jene Tiefen auslotet, in die wir nicht hinunterzusteigen wagen.
Ikone ist er nur als Rebell
Um so überraschender die Begegnung mit Dennis Hopper: ein Gentleman in Anzug und Krawatte, der im gepflegten Ton von der Millionen Dollar teuren Kunstsammlung in seinem Frank-Gehry-Haus spricht und behauptet, er brauche das Kino nur, um wiederum seine eigene Kunst zu finanzieren: seine Fotografie, seine Malerei, seine Bildhauerei. Aber als ihm vor fünf Jahren in Wien und Amsterdam zwei Retrospektiven gewidmet wurden mit bezaubernden Schnappschüssen aus dem Pop-art-Zirkel um Warhol und Lichtenstein, mit wandfüllenden Gemälden im Stil des Neo-Expressionismus, des Fotorealismus und der Graffiti-Kunst und mit stockwerkehohen Skulpturen aus dem Fundus der Straßenwerbung, wurden zwar die Stationen vom Beatnik zum Hippie zum Punk und zum Yuppie so deutlich wie nie zuvor. Dennoch überstrahlten seine Freundschaft mit James Dean und der zerstörte Traum von „Easy Rider“ die Museumsschauen. Ikone, das hätte Hopper wissen müssen, ist er nur als Rebell.
In einer Szene des Wim-Wenders-Films „Der amerikanische Freund“ liegt Dennis Hopper auf einem Billardtisch und fotografiert sich mit einer Polaroid-Kamera. Bild um Bild schiebt sich aus dem Apparat, bis der grüne Filz übersät ist mit Aufnahmen, die alle die gleiche Frage stellen: Wer bin ich? Die Antwort bleibt aus. Heute wird er siebzig.
Freddy Langer Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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