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Kino Das schwere Erbe eines deutschen Epos

30.09.2004 ·  Mit den Jahren vom Mauerfall bis zur Jahrtausendwende soll „Heimat 3“ das gewaltige Filmepos von Edgar Reitz abrunden. Doch dieser Abschluß in sechs Teilen kann dem furiosen Beginn nicht standhalten.

Von Hans-Dieter Seidel
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Das schönste ist die Erinnerung. Damals, im Sommer 1984, waren die zwei Tage Münchner Premiere des elfteiligen Filmepos "Heimat" von Edgar Reitz eine Offenbarung. In der Struktur schlicht eine dörfliche Familienchronik über drei Generationen, in der sich sechs Jahrzehnte deutscher Geschichte zwischen 1919 und 1982 spiegeln, weitete sich das Geschehen zum Sinnbild der Antinomie von Fortstreben und Verharren, die Reitz unter dem Begriff Heimat subsumiert.

Es war wie ein unendlich scheinender Sog, in den der Augenzeuge gezogen wurde: Tränen der Rührung und der Trauer, das Pathos kindlicher Freude und für Momente heillosen Erschreckens wurden fortgeschwemmt vom Fluß der Erzählung und zugleich fortlaufend neu erzeugt. Ohne recht zu merken, wie ihm geschah, fühlte sich der Zuschauer selbst eingebunden in die neue Wirklichkeit außerhalb seiner eigenen, lebte er im fiktiven Hunsrücker Dorf Schabbach und mit jenen Menschen mit, die ihm im Verlauf der Stunden immer vertrauter wurden.

Die Gestalten machten sich selbständig

Die Schabbacher, selbst wenn es manchen insgeheim wegdrängte, weil da neben dem Dorf immer auch der andere Sehnsuchtsort war, die Ahnung des lockenden Unbekannten, der Drang, sich zu lösen vom Hergebrachten - diese Menschen durften sich aufgehoben fühlen in der Gemeinschaft, in den Verrichtungen, die von ihnen verlangt wurden, und vor allem in der bodenständigen Sprache, dem Hunsrücker Platt mit seinen Verschleifungen zum Hochdeutschen hin.

Ursprünglich hatte Reitz gar nicht die Absicht gehabt, gleich ein deutsches Tableau auszumalen. Er wollte eine Geschichte erzählen von einigen Leuten aus der Gegend, aus der er stammt. Doch unterderhand machten sich die Gestalten seiner Wurzelsuche selbständig: "Es hat mich überrascht, daß die Figuren der Kindheit derart unerbittlich auf der Beschreibung ihrer Lebenszeit, ihrer Zeitgeschichte und ihrer persönlichen Art bestehen würden", notierte er damals.

Was blieb, war der Hort des Kleinbürgerlichen

Dem Triumph folgte die Herausforderung. "Die zweite Heimat", 1992 in nun dreizehn Filmkapiteln aufgeblättert, war weniger eine Fortsetzung als vielmehr ein Fortschreiben des ersten Epos: Ein Seitentrieb wurde in all seinen Verästelungen betrachtet. Der musikbegeisterte Hermann Simon, der sich von der Familie lossagte, weil die Mutter das Liebeserlebnis des Sechzehnjährigen mit einer zwölf Jahre älteren Frau zerstört hatte, und der sich schwor, dem Hunsrückdorf ein für allemal den Rücken zu kehren, in München Komposition zu studieren und sich nie wieder zu verlieben, wurde zur Leitfigur.

Reitz gelang das Kunststück, das authentische München der sechziger Jahre zu beschwören und es zugleich wie einen Ort der Imagination aussehen zu lassen, an dem sich wunderbar das Leben verfolgen ließ, wie es sich begibt: Freundschaft und Liebe, Erwachsenwerden, Künstlersein unter widrigen Umständen, Träume der Selbstbefreiung. Gleichsam nebenbei reflektierte Reitz auch die Geschichte des Jungen Deutschen Films. Der Protest schlechthin wurde zur Lebensmaxime, bis die Hoffnungen zerstoben waren, die Utopien an die Grenzen der Zukunft stießen, die Scheinrevolten verpufften. Was blieb, war der Hort des Kleinbürgerlichen.

Ein Monument des Beharrens

Und nun, zwölf Jahre später und in nurmehr sechs Teilen, "Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende", nämlich der Phase zwischen 1989 und 2000. Dieses Finale, das Edgar Reitz sich noch schwerer erkämpfen mußte als die beiden vorhergehenden Epen, erscheint aufs erste als ein Monument des Beharrens, das unbedingt Respekt abnötigt. Für die stets mitproduzierenden Fernsehanstalten ist eine solche Kunstanstrengung immer weniger einsichtig; die Kompromisse, zu denen selbst der unerbittliche Regisseur und Autor Reitz sich gezwungen sah, kann man ahnen.

Und so ist leider nicht zu übersehen, daß der Abschluß dieses als Ganzes in seiner Kühnheit imponierenden Filmwerks dem furiosen Beginn nicht mehr standhalten kann. Damals, in "Heimat", nahm Reitz mit einer Exposition seiner Erzählung gefangen, wie sie behutsamer und geduldiger nicht vorstellbar war, indem er geradezu körperlich spüren ließ, welches Glück es bedeuten konnte, in eine dörfliche Gemeinschaft eingebunden und mit der Landschaft verwurzelt zu sein.

Heimat war ein Ort und ein Gefühlszustand

Jetzt aber kommt er uns unerklärlich atemlos: wie Hermann Simon und Clarissa Lichtblau, die sich seit den sechziger Jahren aus den Augen verloren hatten, einander am Abend des Mauerfalls zufällig wiedertreffen, sich in die Arme sinken, wie Clarissa auf der Stelle ihren Traum herunterhaspelt, daß es da, mit Blick auf Rhein und Loreleyfelsen, ein Haus gäbe, in dem sie sich mit Hermann geborgen fühlen könnte, und wie auch schon die Renovierung lostobt.

Zu wähnen, nun gehe es ums Ankommen und ums Angekommensein, ist natürlich ein Trug. Heimat - das war für Reitz bisher ein Ort und ein Gefühlszustand. Jetzt muß die Formel für eine Zeitspanne herhalten. Das ist der eine grundsätzliche Unterschied. Der andere liegt im Ansatz des Erzählens. "Ich versuche zu porträtieren, ohne mir vorher einen Begriff zu machen", definierte Reitz einst sein Bestreben, nicht auf analytischem, sondern auf imaginativem Wege zu seiner Geschichte zu finden.

Der Preis des Symbolischen ist hoch

Jetzt aber wird sie hauptsächlich von symbolgeladenen großen Worten definiert: dem gemeinsamen "Haus", bei dem die Bauherren aus dem Westen und die Handwerker aus dem Osten einander entdecken, dem "Erbe", über dem die familiären Bindungen wundgescheuert werden, und so fort. Der Preis des Symbolischen freilich ist hoch: Sobald Absichten in die Figuren projiziert werden, geht ihnen das Fundamentale ihrer Überzeugungskraft aus sich selbst verloren.

Und eine ebenso grundsätzliche Erkenntnis drängt sich auf: Eine Sache muß erst vollkommen vergessen sein, bevor sie mit Gewinn aus der Erinnerung evoziert werden kann. Solange Reitz den Menschen dicht auf der Spur bleibt, die sich allein seiner Herkunft und Eingebung verdanken, beweisen sich sofort die Binnenspannung und das detailgeduldige Abhorchen der Figuren, für das dieser Regisseur stets zu rühmen ist. Aber wenn er, beim Drehbuch mit Blick auf den Osten nach der Wende von Thomas Brussig unterstützt, wie herbeigeholt wirkende Episoden nachstellt, dann scheint er nur noch zu bebildern und nicht mehr authentisch Zeugnis abzulegen.

Ein Dokument des Schlingerns

Überhaupt fällt auf, wie zerfahren der Erzählduktus von Reitz diesmal ist. Ein Beispiel wenigstens: Hermanns Bruder Ernst, ein leidenschaftlicher Sportflieger, schwebt mit seiner Cessna ein. Sein Freund, einer von den Handwerkern, läßt alles stehen und liegen, springt in den Trabbi und saust zum Landeplatz. Das Flugzeug rollt aus, die Tür öffnet sich - und dann folgt ein Schnitt. Das Bild irgend einer Art von Willkommen, auf das die Szene ausgerichtet schien, bleibt aus. Stattdessen sieht man die beiden Freunde vor ihrem Haus Dialogsätze wechseln.

So ist "Heimat 3" nicht nur die Chronik einer Zeitenwende, sondern auch ein Dokument des Schlingerns. Höchst eindrücklichen Passagen etwa vom Zerfransen des Simon-Clans, dessen einstige Gemeinsamkeit sich in ruinösen Egoismus überführt sieht, oder vom mühseligen Prozeß der Annäherung zwischen Hermann und Clarissa im vermeintlichen Refugium, das unversehens wieder beengend wirkt, steht ein lähmendes Ausbuchstabieren von Handlungsverläufen gegenüber, deren komische, meist dem sächsischen Dialekt abgerungene Elemente sich zu verselbständigen drohen und deren Gehalt an vermeintlich dem Kino geschuldeter Action, etwa bei einer zum Menetekel gesteigerten Naturkatastrophe, eher redundant anmutet.

Wie das Vertraute zugleich fremd anmuten kann

Von der Penetranz zu schweigen, mit welcher der offensichtliche Sponsor BMW seine Fahrzeuge wieder und wieder durchs Bild kutschieren läßt. Wie eindringlich dagegen im Vergleich mit solch aufgesetzt wirkenden Elementen der Moment, in dem Hermann nach langer Abwesenheit in Schabbach wieder auftaucht: wenn er zögerlich an der Schmiede vorbeigeht, sein Elternhaus mustert, sich unbeholfen orientiert. Wie das Vertraute zugleich fremd anmutet, diese Irritation überträgt sich von der Figur unmittelbar auf den "Heimat"-kundigen Zuschauer.

Der eigenwillige Wechsel zwischen Farbe und Schwarzweiß-Aufnahmen, vom Regisseur ehedem als Einteilung in Tages- und Nachtgeschichten erklärt, leuchtet in "Heimat 3" immer weniger ein, die Arbeit des renommierten Kameramanns Thomas Mauch wirkt in ihrer hier gravitätischen Zurichtung und zugleich Ziellosigkeit nachgerade verstörend. Wenn er wie im hurtigen Urlaubsvideo die Landschaft mal von links und mal von rechts abschwenkt, wird diesen für das Verständnis von Reitz so tragenden Motiven völlig die Kraft geraubt, sich einzubrennen. Erst in den letzten zwei Teilen, als Christian Reitz die Kamera übernommen hat, finden die Bilder zu einer überzeugenden Perspektive.

Ein künstlich gealterter Hermann

Und schließlich, es hilft nichts, muß der Hauptdarsteller als Belastung des Ganzen benannt werden. So künstlich gealtert der nun um die Sechzig vorzustellende Hermann aufscheint, so maskenhaft, in seltsamem Grienen erstarrt, schickt der Schauspieler Henry Arnold seine Figur durch ein Geschehen, das ihn, zu seiner Entschuldigung sei es nicht unterschlagen, auch vornehmlich zum passiven Erdulden nötigt. Das Manko fällt um so stärker ins Gewicht, als Salome Kammer in der Rolle Clarissas ein natürliches Altern und eine Selbstgewißheit auch in Augenblicken höchsten Leids hervorkehren kann, die ebenso überzeugen wie ihre ausgiebigen musikalischen Einlagen. Vom typgenauen Führen des ausgreifenden Figurenreigens gar nicht erst zu reden, bei dem sich Reitz noch ganz als der alte erweist.

Zwar gehen in dem Jahrzehnt vor dem Jahrtausendwechsel eine Menge menschlicher und materieller Werte zuschanden, zwar entwindet sich vielen Figuren ihr Lebensglück oder bleibt ihnen nur die kleine Flucht des Fatalismus - aber ohne Versöhnung mag Reitz den Zuschauer nach alles zusammen nun dreißig Teilen Film, die ihm, vollkommen unpathetisch gesagt, zum Lebenswerk gerieten, nicht entlassen. In der Enkelgeneration ist in "Heimat 3" wieder einer gefunden, der sich am Klavier einspinnen mag in die Phantasie, die seine Mitte der Welt ist.

Bevor "Heimat3" Ende Dezember, auf übliche Fernsehmaße gestutzt, im ersten Programm gezeigt wird, läuft das Filmepos in ausgewählten Kinos: bis zum 6.Oktober in Simmern im Hunsrück und in Berlin; am 3.Oktober und vom 4. bis zum 10.November in Leipzig; vom 14. bis zum 20.Oktober in Potsdam und Hamburg; am 16.Oktober in Karlsruhe; vom 21. bis zum 27.Oktober in Kaiserslautern; vom 28.Oktober bis zum 3.November in Paderborn und Dresden; vom 4. bis zum 10.November in Erlangen und Freiburg; vom 11. bis zum 17.November in Frankfurt, Aachen und Mannheim; vom 18. bis zum 24.November in Idar-Oberstein, Köln und Recklinghausen; vom 25.November bis zum 1.Dezember in Diessen am Ammersee; und vom 2. bis zum 8.Dezember im Filmforum Höchst.

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