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Kino Das Narrenschiff

16.03.2005 ·  Seepferdchen im Champagnerglas und David-Bowie-Songs auf portugiesisch: Wes Anderson erlaubt sich in seiner Filmkomödie „Die Tiefseetaucher“ einen Jux mit Jacques Cousteau.

Von Michael Althen
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Als Jacques Cousteau 1957 mit seiner Unterwasserdokumentation „Die schweigende Welt“ zur Goldenen Palme auch noch den Oscar gewann, wurde er weltberühmt und seine rote Mütze zum Markenzeichen. Weniger bekannt ist, daß sein Koregisseur Louis Malle hieß, der vier Jahre lang Cousteaus Mädchen für alles gewesen war, ehe er dann mit „Fahrstuhl zum Schafott“ begann, auf eigene Rechnung Filme zu machen.

Später erzählte Malle einem britischen Interviewer, daß es im Schneideraum Auseinandersetzungen gegeben habe, die darin gipfelten, daß er Cousteau vorwarf: „Was du machst, hat mit Dokumentarfilm nichts zu tun, sondern mit Showbusiness. Du bist auch nicht besser als Walt Disney.“

Es ist nicht überliefert, ob Wes Anderson diese Geschichte kennt, aber genau davon handelt sein Film „Die Tiefseetaucher“. Natürlich ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen rein zufällig, aber Bill Murray spielt darin einen Unterwasserfilmer mit roter Mütze, den unter Wasser vor allem interessiert, wie er sich und sein Team in Szene setzen kann. Und weil auch Anderson nicht den Verdacht aufkommen lassen will, ihm sei es an irgendwas gelegen, was sich unter der Oberfläche verbirgt, hat er die Fische von dem Animationskünstler Henry Selick gestalten lassen, der seiner Phantasie wie bei Tim Burton freien Lauf läßt. Und weil es so hübsch aussieht, läßt er sogar ein Seepferdchen in einem Champagnerglas schwimmen.

Sie müssen sich prächtig amüsiert haben

Natürlich weiß man nicht, ob auch Champagner mit im Spiel war, als sich Wes Anderson und seine Mitstreiter diesen Film ausgedacht haben, aber auf alle Fälle müssen sie sich dabei prächtig amüsiert haben. Der Witz besteht vor allem darin, daß sich „Die Tiefseetaucher“ zum Cousteau-Film so verhalten wie „Der Schuh des Manitu“ zum Karl-May-Film. Mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, daß der Western selbst als Parodie noch eine gewisse Eigenspannung entwickelt, während der Stil von Cousteaus Filmen kaum Reibungsflächen bietet.

Humor ist in Andersons Fall also, wenn nicht nur Bill Murray, sondern sein ganzes Team rote Mützen trägt und auch alle mit einheitlichen Schlafanzügen ausstaffiert sind. Wenn man in der richtigen Laune ist, findet man das auch richtig vergnüglich. Also etwa, wenn der Abend fortgeschritten ist und ohnehin schon alle auf der gleichen Wellenlänge vor sich hinkichern. So gesehen, sind „Die Tiefseetaucher“ der ideale DVD-Film. Man kann ihn einlegen, an beliebiger Stelle einsteigen und auch wieder aussteigen, ohne daß dadurch Entscheidendes verpaßt würde. Es gibt keine humoristische Erregungskurve, nur einen mehr oder minder gleichmäßigen Kicherfaktor. Der Film gleicht einer in die Länge gezogenen Folge von „Saturday Night Life“, nur sieht er natürlich wesentlich besser aus.

Sagenhaft bescheuerter Originaltitel

Wie man schon an dem sagenhaft bescheuerten Originaltitel „The Life Aquatic with Steve Zissou“ sieht, ist das Ziel des Spotts nicht der Unterwasserdokumentarfilm im allgemeinen, sondern seine eitle Präsentationsform durch Tierfilmer im besonderen. Zissou ist ein zynischer Filmemacher, der dem Leben über wie unter Wasser ähnlich leidenschaftslos begegnet. Alles scheint an ihm vorüberzuziehen wie Fische im Aquarium, und genauso behandelt er auch seine Umgebung.

Und da Bill Murray diese Rolle spielt, unterscheidet sich dieses Lebensgefühl nicht wesentlich von der Melancholie, mit der er sich in „Lost in Translation“ durch Tokio treiben läßt. Als Selbstporträt des Filmemachers ist Wes Andersons Film womöglich nicht weniger entlarvend als Fellinis „8 1/2“ - zumal „Die Tiefseetaucher“ ebenfalls in Cinecitta gedreht wurden.

Von der Jagd und von der Rache

Der Film beginnt mit der Premiere von Zissous neuestem Film „Abenteuer 12: Der Jaguar-Hai (Teil 1)“, in dem sein langjähriger Partner (Seymour Cassel) entzweigebissen wird. Teil 2 soll von der Jagd nach dem Jaguar-Hai handeln und, wie Zissou sagt, von der Rache. Natürlich interessiert ihn der Hai so wenig wie die Rache, aber schließlich muß er dringend Geld für sein Projekt und seinen Lebensstil auftreiben, denn seine Karriere hat ihren Höhepunkt schon überschritten.

Da ist es wenig hilfreich, daß seine Frau (Anjelica Huston) mit seinem größten Konkurrenten (Jeff Goldblum) liebäugelt und eine schwangere Journalistin (Cate Blanchett) auftaucht, die seine Karriere kritisch durchleuchten will. Außerdem erscheint ein Pilot (Owen Wilson), der sich als verschollener Sohn ausgibt, was wiederum den engen deutschen Mitarbeiter (Willem Dafoe) eifersüchtig macht.

Bowie auf portugiesisch

Nicht daß diese Verkettungen wirklich eine Rolle spielen würden, sie bieten vor allem einigen bekannten Schauspielern die Gelegenheit zu vergnüglichen Auftritten. Um sich eine Vorstellung vom bizarren Humor des Films zu machen, genügt es vielleicht zu wissen, daß die sogenannte Handlung immer wieder dadurch unterbrochen wird, daß ein Teammitglied (Seu Jorge aus „City of God“) frühe Songs von David Bowie zur Gitarre auf portugiesisch singt. Eine fortgeschrittene Form von „Space Oddity“, an der Bowie selbst durchaus Gefallen gefunden haben soll.

Wie Cousteau seine Calypso, so hat Zissou seine Belafonte, die Anderson einmal in einer atemberaubenden Einstellung im lebensgroßen Querschnitt zeigt, so wie einst Jerry Lewis in „The Ladies' Man“ das Mädchenpensionat. Und so ist auch dieses Narrenschiff im Grunde ein einziges großes Puppenhaus, in dem Anderson so detailversessen und liebevoll das Leben nachbildet, daß er gar nicht mehr merkt, daß seine Figuren kaum lebendiger sind als Puppen. „Die schweigende Welt“ liegt bei ihm über der Wasseroberfläche.

Quelle: F.A.Z., 16.03.2005, Nr. 63 / Seite 37
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