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Kino Das Mordsprogramm

23.04.2006 ·  Was macht eigentlich Quentin Tarantino? Wenn im Kino das Kunstblut spritzt, kann er nicht weit sein: Als Produzent betreute er den Horrorfilm „Hostel“, führte Regie bei „CSI“ und plant selbst einen Film in bester Slasher-Manier.

Von Peter Körte
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Es ist im Kino mal wieder der Tag gekommen, an dem die Säge sägen will, und wenn das Kunstblut spritzt, wenn zerlegt, zerstückelt und zermalmt wird, dann ist auch Quentin Tarantino nicht weit, kaum daß man sich gefragt hat, was er gerade macht, nachdem der zweite Teil von „Kill Bill“ nun auch schon wieder zwei Jahre zurückliegt.

Tarantino hat den Horrorfilm „Hostel“ als ausführender Produzent betreut, und Regisseur Eli Roth darf mit der Ankündigung werben: „Präsentiert von Quentin Tarantino“. Das hätte man früher einen Ritterschlag genannt, und das beweist nicht nur Tarantinos Instinkt für den richtigen Auftritt, es zeigt auch, daß der Dreiundvierzigjährige ebenso seine Marke pflegt, wie andere ihre Projekte gerne mit dieser Marke verbinden.

Eine ausreichend bizarre Ausgangsidee

„Hostel“ hat eine ausreichend bizarre Ausgangsidee, um sofort zu begreifen, was Tarantino fasziniert hat. Roth, der sich mit „Cabin Fever“ einschlägig empfohlen hat, hatte Tarantino von einer thailändischen Internetseite erzählt, die mit der All-inclusive-Idee der Tourismusbranche blutigen Ernst macht: Zum Preis von 10.000 Dollar wird Interessenten angeboten, ein Opfer zu quälen und zu töten. Daraus entwickelte sich der Plot wie von selbst. Daß der Film weit hinter dieser Idee zurückbleibt, liegt ganz einfach daran, daß Tarantino die Sache nicht selber in die Hand genommen hat.

Bei Roth erfahren zwei notgeile amerikanische Collegestudenten auf Europatrip von einem slowakischen Hotel voller williger Mädchen, sie setzen sich sofort in den Zug und müssen nach der ersten verheißungsvollen Nacht im „Hostel“ lernen, daß hier gelangweilte Reiche den ultimativen Kitzel geboten bekommen, wenn sie in aufgelassenen Fabrikhallen zwangsrekrutierte Opfer malträtieren dürfen.

Blutiger Kindergeburtstag

Roth macht das ordentlich blutig, deutlich über dem Durchschnitt, der Produktionsdesigner hat auch nicht gerade wenig morbide Phantasie, doch der Film ist einfach nicht entschlossen genug, es auf die Spitze zu treiben, und letztlich interessiert er sich dann doch mehr für einzelne Körperteile als für halbwegs komplette Charaktere. Aufgeregt hat sich darüber allerdings nur die slowakische Regierung - nicht darüber, daß in Tschechien gedreht wurde und bisweilen Tschechisch gesprochen wird, sondern über das eher unvorteilhafte Bild, das der Film von ihrem jungen Land entwirft.

Tarantino wird das egal sein, er ist längst weitergezogen, er dreht mit seinem alten Kumpel Robert Rodriguez ab Mai ein Horrordoppelpack namens „Grind House“, das im Dezember ins Kino kommen soll. Rodriguez widmet sich Zombies, Tarantino bereitet ein Slasher-Stück zu mit einem Auto als Waffe, und man kann einigermaßen sicher sein, daß die beiden sich und ihrem Publikum wie schon in „From Dusk till Dawn“ damit einen blutigen Kindergeburtstag ausrichten werden, den sie in ihrer Jugend nie haben durften.

Natürlich füllt auch das einen unruhigen Geist nicht aus. Auf MTV hat Tarantino vor nicht allzu langer Zeit bekanntgegeben, daß er nach „Grind House“ sein Kriegsdrama „Inglorious Bastards“ angehen werde, vielleicht auch noch einen dritten Teil von „Kill Bill“ über die Jugend der Braut und ein Spin-off zu „Pulp Fiction“ mit den Vega-Brüdern; daß er also so ähnlich verfahren werde wie sein Idol J. D. Salinger mit seinen verstreuten Geschichten über die „Glass Family“, die Tarantino schon als Vorbild für „Pulp Fiction“ genannt hatte.

Gefräßige Liebe zu den bewegten Bildern

Und über all diesen noch ungedeckten Wechseln auf die Zukunft sollte man nicht vergessen, daß Tarantino längst zwei Folgen der auch in Deutschland so erfolgreichen Fernsehserie „CSI“ geschrieben und in diesen auch Regie geführt hat. Die Doppelepisode ist bereits auf DVD erhältlich und wird Ende Mai auf Vox zu sehen sein, was der Markenidentität in Übersee bestimmt nicht schadet und den Sender animiert hat, mit der Marke QT ein kleines Event zu kreieren. Die beiden Folgen tragen den schönen Titel „Grabesstille I und II“, und man erinnert sich natürlich sofort daran, wie Uma Thurman in „Kill Bill“ bei lebendigem Leibe begraben wurde, wenn ein CSI-Ermittler sich in einem Plexiglassarg wiederfindet.

Tarantino ist dabei ein viel zu kluger und guter Autor und Regisseur, um über das Genre mit der Kettensäge herzufallen. Denn originell ist es ja nicht, alles einzureißen, sondern innerhalb der standardisierten Abläufe einer Serie seine Spuren zu hinterlassen - als versetze man ein festes Gerüst durch gezielte Eingriffe in unheimliche Schwingungen. Genau das hat er getan, weil er sich nichts mehr beweisen muß und weil er in seiner gefräßigen Liebe zu den bewegten Bildern immer auch den Respekt für das behalten hat, was er sich einverleibt. Und wenn man die beiden Folgen sieht, die Feinabstimmung, die paar Kleinigkeiten, die den Unterschied machen, dann weiß man auch: Es wird Zeit, daß der Mann sich mal wieder aufs Kerngeschäft konzentriert.

Eli Roth' Film „Hostel“ kommt am Donnerstag ins Kino. Die von Tarantino inszenierte Doppelfolge „Grabesstille“, mit der die fünfte Staffel von „CSI: Las Vegas“ endet, wird am 31. Mai auf Vox ausgestrahlt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.04.2006, Nr. 16 / Seite 29
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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