27.10.2004 · Ein Job als Aktensortierer in einem Krankenhaus in Cleveland ist alles andere als lustig. Doch Harvey Pekar hatte 1975 die Idee, seine kleine trostlose Welt in einen Comic zu verwandeln. So weit der reale Hintergrund und zugleich die Geschichte von „American Splendor“.
Von Michael AlthenHalloween 1950. Die Kinder haben sich verkleidet als Batman oder Superman. Nur ein Junge steht daneben und verkündet trotzig, er sei Harvey Pekar. Worauf er zur Antwort bekommt: "Harvey Pekar? Klingt mir nicht nach einem Superhelden."
Tatsache ist aber, daß aus dem kleinen Harvey in den Siebzigern wirklich ein Comic-Held wie Superman oder Batman wurde, mit dem Unterschied allerdings, daß er außer Miesepetrigkeit keine außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt. Es ist jedoch kein Mann ohne Eigenschaften wie die Superhelden, sondern besteht aus unzähligen Eigenheiten und Marotten. Er ist der Mann von der Straße, dem das eigene Leben Abenteuer genug sein muß. Der reißerische Titel "American Splendor" verkauft als Glanz, was eigentlich das Elend des amerikanischen Alltags eines Antihelden ist: Ein Job als Aktensortierer in einem Krankenhaus in Cleveland, wo Harvey von mindestens genauso schrulligen Kollegen umgeben ist, die durch den Erfolg der Comics ebenfalls zu bescheidenem Ruhm kommen. Denn Harvey Pekar hatte 1975 die Idee, seine kleine trostlose Welt in einen Comic zu verwandeln, und das Glück, den Zeichner Robert Crumb zu kennen, der aus Harveys Strichmännchen Figuren aus Fleisch und Blut machte. Mit diesen Underground-Comics erwarb sich Pekar einen Ruf, der ihm gleich mehrere Auftritte bei David Letterman bescherte, der sich über die Misanthropie seines Gastes köstlich amüsierte, bis eines Tages Harveys schlechte Laune sogar ihm zu viel wurde. Sein Kollege Radloff wiederum war eine so kuriose Figur, daß er mit seiner kindlichen Unschuld und seiner eigentümlich abgehackten Sprechweise zu einer festen Einrichtung bei MTV wurde. Später bekam Pekar Krebs, unterzog sich erfolgreich einer Chemotherapie und verwandelte diese Erfahrungen gemeinsam mit seiner Frau ebenfalls in einen Comic: "Our Cancer Year".
So weit der reale Hintergrund von "American Splendor", der gleichzeitig natürlich auch die Geschichte dieses gleichnamigen Films ist. Und das Regie-Duo Shari Springer Berman und Robert Pulcini lassen bei diesem Spielfilm nichts unversucht, die Illusion immer wieder zu brechen, als wollten sie ihrer Vergangenheit als Dokumentarfilmer zu ihrem Recht verhelfen. So wie Pekar sein Leben in einen Comic verwandelte, so betreiben sie fortwährend die Rückverwandlung ins Leben. Wenn man also Paul Giamatti als Harvey Pekar griesgrämig durchs regentrübe Cleveland laufen sieht, hört man den echten Harvey Pekar sagen: "Hier ist der Typ, der mich spielt. Sieht nicht aus wie ich, aber was soll's." Nach allem, was man sieht, bekommt Giammatti sein Vorbild Pekar jedoch ziemlich gut hin, was umso schwieriger ist, als er sowohl dem realen als auch dem fiktiven Pekar gerecht werden muß und dabei zu einer dritten Figur wird, dem Spielfilmhelden Pekar, dem es jedenfalls gelingt, in all seiner Widerborstigkeit irgendwie liebenswürdig zu wirken.
So wird also die Illusion fortwährend dekonstruiert, in dem Comic-Rahmen um die Bilder gelegt werden oder gezeichnete Denkblasen über den Köpfen der Schauspieler auftauchen, und trotzdem kommt der Film dadurch nicht aus dem Tritt, sondern treibt ein organisches Spiel mit den verschiedenen Ebenen. Einmal sieht man Giamatti und Judah Friedlander als Pekar und Radloff, als plötzlich die Kamera zurückfährt und die Szene als Studiokulisse entlarvt, in der sich wiederum der echte Pekar und der echte Radloff aufhalten und eines jener Gespräche führen, aus denen der Comic besteht. Und während man ihnen zuhört, verlassen die Darsteller die Kulisse, setzen sich in ihre Stühle und lauschen ebenfalls ihren realen Vorbildern, als seien sie selbst verblüfft, ihren Alter Egos hier zu begegnen. Die Szene ist so ein grandios komplexes Pingpongspiel zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsebenen, daß selbst "Matrix" dagegen einfältig wirkt. Aber das Ganze ist weniger ein Verfremdungseffekt als eine Weiterführung dessen, was Pekar mit seinen Comics gemacht hat. Denn wenn sich seine Kollegen bei ihm beschwerten, daß sie zu selten in den Comics auftauchen, dann tauchten sie in der nächsten Folge auf, wie sie sich genau darüber beschweren. Diese Selbstbezüglichkeit setzen Berman und Pulcini wirklich kongenial um.
So gesehen, ist "American Splendor" fast ein Dokumentarfilm über ein Spielfilmprojekt, das versucht, einer Wirklichkeit den Spiegel vorzuhalten, die im Grunde auch nur eine Fiktion ist. Und wenn der kleine Junge am Anfang meint, er habe sich für Halloween als Harvey Pekar verkleidet, dann ist das die reine Wahrheit. Denn schon Max Frisch hat gesagt, daß sich jeder eine Rolle sucht, die er früher oder später für sein Leben hält. Wenn es sein muß, um jeden Preis.